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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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hatte Walter sie Plötzlich gefaßtganz jäh, ganz wild, sie leidenschaftlich, erstickend geküßt im Rausche der Bewegung. Und sie hatte es geduldet, ganz blaß, voller Schauer. Aber unten, zu Füßen des Berges, war sie nach einer stummen, erschreckend stummen Weile aufgestanden und hatte ihren einzigen Vertrauten geohrfeigt; nicht anders wie eine Göttin ihren Priester züchtigt, wenn er sie entweiht. Es' war nicht so sehr das unbewußte Gefühl irgendwie beleidigter Keuschheit, das sich in dieser ruhigen Handlung aussprach, nein, viel mehr das einer Art Demütigung, sich von solch einem Jungen küssen zu lassen! Einer, der doch in gewissem Sinne nur ihr Untergebener war, den man gern mochte, der sich aber nichts zu erlauben hatte. Anbeten — ja, aber nicht anrühren L_ O, da mußten andere kommen; Männer, solche Männer, die stolz waren und kühn, fraglos nahmen und lachten, und denen man fraglos und stolz wie eine Königin gehören mußte, mit ganz freiem, fraglosem Stolz... Das heißt, das hatte sie damals nicht so deutlich und bewußt gedacht, aber jetzt, wie sie die Anhöhe hinaus-und hinabschritt. Doch als sie durch den großen Laubwald ging, der sich weithin zieht, bis übers Schloß hinaus, liefen ihre Gedanken wie Windspiele voran, wie schlanke scheue Windspiele, die sich eigene Wege machen und sich verirren, um dann den Herrn zu suchen. Und sie suchten ihn dort beim Schloß, die törichten Spiele. O, sie waren schon da, als die Herrin noch eine gute Strecke Wegs entfernt war, und liefen um die Gitter des Parkes herum, scharrten an den Pforten und schauten mit großen sehnsüchtigen Augen hinein. Ach Gott, sie wollte doch heut^ eigentlilch gar nicht bis zum Schloß hin, nein, durchaus nicht und gerade nicht! Sie ging ja viel zu oft in den letzten Zeiten — hm, viele Monate schon — diesen Weg zum Schloß, obgleich es doch schließlich ihr Lieblingsweg von Jugend an war. Aber diese Windspiele eben liefen immer den Weg weit voran und zerrten sie nach. Sie wollten schon gar nicht mehr auf ihr Rufen hören, so ungezogen waren sie. Aber sie konnte doch auch nicht gut ohne diese geliebten Spiele nach Hause gehen. So folgte sie auch heute, unwillig, aber gern. Und stand nun selbst mit großen sehnsüchtigen Augen am Gitter des Parks, dort, wo der Reitweg den Wald vom Parke trennt. Die weißen Wege schaute sie hinauf: dort war der Palmengarten und das Gewächshaus. In der Stadt war das Gewächshaus berühmt wegen seiner fremdländischen Blumen. Manche kannten es noch von den Zeiten her, in denen der alte Graf es hatte und sich der und jener die Erlaubnis erwirkte, hineinzugehen. Sie hatte es auch als kleines Mädchen einmal mit. ihrem Vater besucht. Und sie hatte es noch gut im Gedächtnis, daß sie fast berauscht von all den seltsamen und starken Düften und von all dem Schönen war. Sie liebte alles Schöne so! Auch schöne Bilder; ach, alles liebte sie, was sie in der Abgeschlossenheit ihres Heimatstädtchens kaum erreichen konnte. Und dort stand das Schloß, mit dem Gewächshaus durch einen Säulengang verbunden. Auf einer kleinen Erhöhung stand es, nein, es schwebte fast, so fröhlich rokokohaft war es gebaut, so in Bewegung der Linien: mit zwei Flügeln schwebte es. den Seitenflügeln, und die Mittelfassade strebte mit einem zierlich und doch fest geschwungenen Hals in die Höhe. Gott, wie lange sie hier träumte! Es konnte doch jemand kommen. Und es kam jemand. Still: was war das? Huftritte? Ja, Huftritte. Jetzt näher, näher — näher... In den Wald zurück! Laufen! Nein, nun ging es nicht mehr: dort um jene Wegecke bog ein Reiter, flitzte nur so dahin. Sie bebte am ganzen Leib. Sie schaute starr auf das Schloß Sie wagte sich nicht zu rühren. Nun näher das Schnaufen des Pferdes, ein ganz kurzes Schnaufen, immer näher, näher — näher... Jetzt ganz nah, ganz dicht — da: rruck! Einen Sprung macht das Pferd in Parade. Einen Sprung macht ihr Herz. Und steht nun atemlos still. Und das Pferd steht schnaubend still. Sie schaut starr aus das Schloß. Sie wagt sich nicht zu rühren. Da lachte ein sieghaftes Männerlachen auf, etwas stark, etwas roh, aber klangvoll: „Sie stehen ja wie versteinert! Ich hoffe, mein verehrtes Fräulein, ich habe Sie nicht allzu sehr erschreckt." Das Lachen durchschauert sie. Die Worte beleben sie. Und sie wendet langsam den starren Blick vom Schloß. Sie weis; es längst: dort vor ihr ist Don Diego Raphael. Und ihr Blick ist nun wie ein halbflügges Vögelchen, das ausfliegen will und im Aufflattern schon fällt. Kein Wort können ihre Lippen formen. Und er fährt fort:; „Ich hielt mein Pferd so jäh> weil ich im Vorbeireiten Sie glaubte erkannt zu haben. Und es stimmt! Wir kennen uns zwar nicht. Aber, ich wette. Sie sind die Tochter des Rabbiners, das junge Fräulein Leon (mit einer Verbeugung vom Pferd), Diego Raphael mein Name." „Ja," sagte da Recha. Und das kurze Wort ward zu einem jubelnden Aufatmen. Auch konnte ihr Blick jetzt fliegen und flog hell zu ihm auf mit dem Worte zugleich. „Ich-kenne Sie, .weil ich Sie neulich sah, in der Synagoge. Und ich dachte mir, das Sie die Tochter von Frau Doktor Leon sein müßten, deren ich mich von früher erinnerte. Sie allein von allen fielen mir auf und blieben mir im Gedächtnis. Aber (mit einer Geste, die einer halbkultivierten Schönen vom Flusse La Plata hätte imponieren müssen) es wäre wirklich auch verwunderlich, wenn Sie, mein verehrtes Fräulein, einem Manne von Geschmack nicht auffielen." „O!" — machte sie mit ausgestreckter Hand, die wehren sollte, und offen das Herz hochhielt als eine hingereichte Gabe. So scharf konnte aber der Don Diego noch nicht sehen, daß er es sofort erkannt hätte und in die Hand, genommen hätte. Vielmehr sprach er fort, als ob er Schlingen und Leimruten legen müßte: „Ich will aber doch nicht meine Pflicht als Hausherr versäumen, der ich es ja auf diesem Gebiete hier bin. Gewiß hätten Sie gern den prachtvollen Park oder das Gewächshaus näher betrachtet. Darf ich Sie einladen, es mit mir zu tun?" Und gleich mit seinen Worten sprang er in seinem straffen, eleganten Schwünge vom Pferde. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. *** Der Verein „Mekize Nirdamim* erstattet den Rechenschaftsbericht für das erste Jahr (1909) der dritten Folge. Wie aus demselben ersichtlich ist, beträgt die Zahl der Mitglieder 430. Seit Januar 1910 sind dem Verein 26 neue Mitglieder, darunter ein lebenslängliches, beigetreten. Folgende vier wertvolle Publikationen sind zur Verteilung an die Mitglieder gelangt: 1. „Salomo den Hajathon", Kommentar zu Masquin (Lloeä Katon), herausgegeben von Dozent Dr. H. P. Chajes. 2. „Diwan des Jehuda Ha-Levi", Schlußhest von Seminardirektor Dr. H. .Brody. 3. „Ma'aseh ha- Gnomim", herausgegeben von A. Epstein und Dr. I. Freimann.

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