Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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WWMMWMWWMW Vertrag mit Britannien im Jahre 1721. Unter den Nachfolgern Jsmaels kam es zu Thronstreitigkeilen und nacheinander kam es zu Judenmetzeleien in Tanger, Arfilla, Alcasar, Fez, Rabbat und Moquinez. Grund zu den Metzeleien gab die Treue und Anhänglichkeit der Juden bald für den einen, bald für den anderen Kronprätendenten. 1787 brachen Streitigkeiten zwischen Juden und Mauren in Mogador wegen der entehrenden schwarzen Tracht der ersteren aus. Schließlich wurden sie zur Zahlung von 100000 Piastern verurteilt, diejenigen, welche die schwarze Tracht abgelegt hatten, wurden eingesperrt und zu grauenvollen Prügelstrafen verurteilt. Besonders schrecklich war das Jahr 1790, in welchem eine große Anzahl von Juden dem Feuertode preisgegeben wurden. Die Klagelieder Joseph Ben Malihs und David Jbn Husseins legen davon ein trauriges Zeugnis ab. Weder war es ihnen gestattet, .Ländereien zu erwerben, noch dursten sie Häuser bauen. In Straßen, wo sich ein islamitisches Heiligtum befand, durften sie entweder überhaupt nicht oder nur barfuß verkehren. Wurde einer von einem tätlich angegriffen, durfte er sich nicht wehren. Das Schlimmste war aber, daß sie einen Mauren überhaupt nicht bei Gericht verklagen durften. Trotz dieser Repressalien überragten sie doch die Mauren an Intelligenz und Bildung. Sie waren die einzigen Vermittler des überseeischen Handels, wurden sehr oft in der Münze verwendet, und dazu waren noch die Mauren in gewissem Sinne von ihnen abhängig, da sie die einzigen Büchsenmacher waren. Auch das 19. Jahrhundert brachte den marokkanischen Juden gar keine Freiheiten.' Jeder Thronwechsel, jeder Kampf mit einer auswärtigen Macht schloß für die Juden mit einem Gemetzel. Als 1844 der Kampf zwischen Marokko und Frank- - reich ausbrach, wurden sämtliche Juden von Marokko und Mogador ermordet. Während des Krieges mit Spanien 1859 wurden sämtliche Juden von Tetuan ihrer Habe beraubt. Dank der Intervention Montefiores erließ Muleh Hassan 1873 und 1880 Edikte, in .denen die Gleichstellung der Juden verbürgt wurde, was aber niemals zur Ausführung kam. Im Laufe von 16 Jahren 1864—1880 sind nicht weniger als 308 Morde an Juden verübt worden. Schließlich sei hier noch auf einige Vorschriften gegen die Juden aufmerksam gemacht, welche bis auf den heutigen Tag für alle, mit Ausnahme der wenigen, die unter dem Schutze fremder Mächte stehen, vollste Geltung haben. Die am meisten beachtenswerten sind: Ein Jude darf vor Gericht keine Zeugenschast ablegen. Außerhalb des ihnen in den verschiedenen Städten augewieseuen Quartiers dürfen sie gar keinen Besitz erwerben. Sie dürfen ihre Hand nicht gegen einen Mauren erheben. Sie müssen sich stets in schwarze Gewänder hüllen. Ein Leichenbegängnis darf nicht in langsamem Tempo vor sich gehen. Eine Heirat darf nur mit ausdrücklicher Einwilligung des Sultans stattstnden. Nach Sonnenuntergang darf keiner die Mellah verlassen. Beim Ein- und Austritt im Laufe des Tages muß man der Schildwache eine bestimmte Summe bezahlen. Vor jedem islamitischen Feiertage muß dem Sultan ein Geschenk überreicht werden. Bei jeden: freudigen Ereignis in der königlichen Familie müssen die Juden eine Beisteuer in Gold erlegen. Kein Jude darf.bei Todesstrafe aus Marokko auswandern. -Wollen wir uns der Hoffnung hingeben, daß alle jene Versprechungen, die der Großwesir den Vertretern des marokkanischen Judentums im letzten Monat des vergangenen Jahres gegeben, auch erfüllt werden, daß auch für jene Stammesgenossen die Zeit der Ruhe folgen wird. Sir lklageweibrr. Novelle von Joachim Friedenthal. ' H. Weg zum Schloß Lupkowitz ging Recha Leon von Kind an am liebsten. Aber wie schön er auch war! Ein wenig weit, man ging wohl gut über eine Stunde, wenn man schleuderte auch zwei. Und die Alten liebten ihn deshalb nicht sehr. Aber schön war er.. Und so voll Heimlichkeiten! Gleich von der Brücke ab lief erst der Bogengang von hohen alten Pappeln. Eigentlich konnte man glauben, wenn man den Gang hinunterschaute, die Pappeln liefen wirklich, das heißt: dann mußte man selbst laufen. Wenn man ging, gingen sie aber mit. Denn eine war wiev die andere gewachsen. Und man konnte es beim Schreiten so vertraut empfinden, als wäre es noch das erste Paar lieber alter Pappeln, das einen mit einem leisen Raunen und behaglichen Blätterplappern begleitete. Und auch der Fluß blieb erst immer derselbe: nicht sehr breit, aber tief, ein wenig träg, blinzelnd unter dem silberigen Glanz. Dann aber kam links der Wald, ein ganz, ganz schwarzer Wald, ein Tannenwald. O, er war so schwarz, daß sie als Kinder immer heimliche Schauer darin erlebten. Und Recha mußte heut' daran denken, wie sich die großen Jungen oft darin versteckten, um dann die kleinen Mädchen recht tüchtig zu erschrecken. Manchmal aber, an heißen Sabbatnachmittagen des Sommers, hatten sich auch die größeren Mädchen in ihm versteckt, einzeln, nur so zum Spiel natürlich, um sich dann von den Jungens suchen zu lassen. Sie jedoch hatte das niemals getan. Nein, das wußten alle Jungen: sie war doch die Rabbinerstochter! Ueberhaupt hielt sie sich von allen ein wenig fern, nicht gerade unkameradschastlich. aber doch so mit hochgeschwungenen Lippen: Bitte rührt mich nicht an! Und das war, weil sie so ihr besonderes und ganz eigenstes Leben führte, mit allerlei Träumen und Hoffnungen und Wolkenkuckuckswelten, und wohl auch, weil sie schön war, viel schöner als die anderen. Und unbewußt hütete sie ihre Schönheit als etwas Kostbares, das nicht zur Scheidemünze werden sollte. Man konnte nicht sagen, daß das Stolz war, gar dummer Msidchenstolz. Nein, es war nur eine ins Persönliche gewandte Übersetzung des Spruches, den ihr Vater immer erwähnte, wenn er von der Berechtigung der Zeremonien sprach: Leget einen Zaun um die Lehre! ... Und sie legte einen Zaun um ihre Heiligtümer. Und es schlüpfte keiner hindurch, der nicht zugleich deren Priester war. Doch — einmal — einer! War es nicht hier gewesen, wie sie aus dem dunklen Tann traten? Sie und der drei Jahr ältere Walter, der doch ihr Vertrauter war, der einzige, mit dem sie anders sprechen konnte wie mit den anderen Knaben und Mädchen. Weil Walter so wunderbar zuzuhören verstand und so zart war und selbst so köstliche Heimlichkeiten des Herzens hatte. Ja, hier, wo die kleine Waldebene , sich weitet, wellig steigend zum „Hohen Berg". Da waren sie damals — o, wie lange das nun her war — mit plötzlicher Verabredung die Anhöhe hinaufgestürmt, um auf der anderen Seite hinunterzukullern. Sie liebte so den Taumel bluttoller Bewegung .. . Und da, wie sie herunterkullerten, sie voran,