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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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- 309 - natürlich ungern, daß die ihm untertan sein sollenden Juden mit dem Kalifate liebäugelten, da sie die empfangenen Wohltaten und Privilegien nicht vergessen konnten. Am meisten widerstanden ihm Temesna Lhella und Magada, während die Juden anderer Städte eine Legion unter Benjamin ben Josaphat bildeten und in Dienste Jdris' eintraten. Damit war aber letzterer nicht einverstanden, erwünschte sämtliche Juden zu Anhängern und Mitkämpfern und ließ deswegen zum abschreckenden Beispiel ein großes Blutbad unter ihnen in den obengenannten drei Städten anrichten- Jdris erzielte aber dadurch seinen Wunsch nicht, und als sich gar ein Teil der Juden zum offenen Kampfe gegen ihn rüstete, sagte sich auch die jüdische Legion von ihm los. Nun aber kannte der Zorn des Jdris keine Grenzen mehr; er ließ nicht nur die an dem Kampfe beteiligten Juden niedermetzeln, sondern er vergriff sich auch an Frauen und Mädchen in einer unerhörten Weise und legte noch außerdem eine jährliche Taxe auf und verpflichtete sie, 24 Jungfrauen für den Harem zu liefern. Unter den Nachfolgern des Jdris besserte sich die Lage der Juden insofern, als das unbegründete Gemetzel unter ihnen nach und nach aufhörte, dafür aber stiegen ihre jährlichen Abgaben für das Sultanhaus immer höher, bis sie schließlich unter den Almoraviden um 1150 die Summe von 36 000 Gold-Dinars erreichten. Noch aber hatte die Unterdrückung keine Rückwirkung aus den allgemeinen Intellekt. Noch standen die großen Gemeinden, speziell aber Fez mit dem Gesamtjudentum in Verbindung. Judah ibn Kuraisch führte eine Gelehrtenkorrespondenz mit der Talmudschule in Fez (um 870). Ebenso stand mit ihr der Gaon Hai in brieflicher Verbindung. Fez war die Geburtsstädt des Dunasch und Chajug um 950. In der Nähe von Fez wurde 1013 Alfasi geboren. Nebst Fez galt noch Segelmesa als die Stadt der Pflege des jüdischen Wissens. Als Gelehrtenzentren werden auch die Städte Dräca Centa und Moquinez genannt. — Unerträglich wurde die Lage der Juden unter den Almohaden 1146. Die Herrscher dieser Dynastie verzichteten aus jeden Tribut von seilen der Juden, verlangten aber die Annahme des Islams oder sofortiges Verlassen des Reiches. Zum Teil verließen die Juden das Reich und wandten sich nach Osten und Norden, zumeist aber nahmen sie scheinbar den Islam an und führten ein Marannenleben, was den Anlaß zu. häufigen Metzeleien gab. Am schlimmsten trieb es Al Mansar, der den. gelben Hut bei den Juden einführte, was auch mit grausamer Strenge durchgeführt ward; unter dieser Dynastie begann der geistige Verfall des marokkanischen Judentums, welcher unter den Meriniden und Saaditen nur noch zunahm. Unerträglich wurde aber ihre Lage, als 1492 die spanischen Exulanten das Land überschwemmten, denn es trat nicht nur ein Mangel an Lebensmitteln ein, sondern die Eindringlinge entrissen den Eingeborenen jeden Handel und Wandel, wodurch letztere an den Rand des Abgrundes gebracht wurden. Der Haß der Mohammedaner stieg noch mehr, und so kam es in Alkazar und Sale zu Vergewaltigungen und Plünderungen. Eine große Anzahl Eingeborener wie Neuangekommener siel dem Hungertode anheim; in Fez starben 20 000 Juden in einem plötzlich ausgebrochenen Feuer, die Unkundigen wurden eine Beute wilderTiere. Wiewohl die spanischen Juden gleich nach ihrer Ankunft und nach einem schrecklichen Empfange wieder die Flucht ergriffen, besserte sich die Lage der Zurückgebliebenen dennoch nicht, da wieder die Marannen aus Portugal flohen und direkt die Stadt Marokko als Zuflucht aufsuchten. Der alten Heimat treu, behielten sie auch die mitgebrachten Sitten und Gebräuche; weit intelligenter als ihre marokkanischen Brüder liefen sie ihnen in jeder Beziehung den Rang ab, wurden die Vermittler von Kunst, Industrie und Wissenschaft und wußten sich hauptsächlich der neuen Dynastie der Scherise von Tafilet, welche 1550 ans Ruder kam, dienstbar und zum Teile auch unentbehrlich zu machen. Trotzdem war auch ihre Rolle, die sie spielten, nichts weniger als glücklich zu nennen. Sie schufen nämlich einen Beamtenstand, den inan in Europa Finanzministerium nennt, der aber für das Sultanat jene gefügigen Werkzeuge bildete, welche auf Kommando stets dazu bereit waren, ihre Stammesbrüder bis aufs Blut auszupressen; hatte der eine oder andere dieser „Beamten" keine Aussichten mehr, neue Geldquellen entdecken zu können, wurde er einfach abgesetzt und ein neuer an dessen Stelle berufen^ Als erster dieser „Staatsminister" figuriert Äl Barensi um 1560, als letzter Masado ben Leaho zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Anders war es um jene Minister bestellt, welche als auswärtige Konsuln in Staatsdiensten standen, diese konnten den marokkanischen Juden weder nutzen noch schaden. Hervorragende solcher Männer, die trotz der hohen Stellung das Judentum beibehielten, gab es eine große Anzahl; es seien hier nur drei genannt: Pacheco in den Niederlanden um 1608, Josef Toledani in Holland um 1676 und Chaim Toledani in England um 1750. Im Innern sah es im 16. und 17. Jahrhundert sehr traurig aus. Weder existierten jüdische Schulen um jene Zeit, noch ragt in jener Zeit irgendeine Persönlichkeit hervor. Die Juden verfielen immer mehr in Unwissenheit, wodurch aber der Aberglaube immer festere Wurzel faßte. Es darf deswegen nicht wundernehmen, wenn sie sich für Sabbatai Zebi auch dann noch begeisterten, als er bereits ben Islam angenommen hatte, oder daß sie ein zweites Simchat Thora-Fest veranstalteten, als holländische Juden ihnen die Nachricht brachten, daß in ihrer Heimat der erwartete Messias bereits geboren wurde. Was ihr Verhältnis zum Staate anbetrifft, galtenim 16. und 17. Jahrhunderte folgende Vorschriften: An der Spitze jeder Gemeinde stand ein Scheich, der die Steuern einzutreiben und sie dem Sultan abzuliefern hatte. Kein Jude durfte allein^ außerhalb seines Viertels durch die Stadt zu gehen versuchen da er dem Tode oder schwerer Mißhandlung von seiten der Berber und Araber ausgesetzt war. lieber erlittenes Unrecht oder über ungerechte Behandlung durfte ein Jude bei Todesstrafe überhaupt keine Klage führen. Noch schlimmer wurde es, als die Dynastie der Aliden mit Muleh Arschid 1669 zur Regierung kam. Als er im Jahre 1670 Marokko eroberte, ließ er als abschreckendes Beispiel den Judenscheich daselbst mit seiner ganzen Familie lebendig verbrennen, darauf wurden die Juden aus Marokko verjagt und die Synagogen verbrannt. Das Faktotum Arschids war ein gewisser Josua ben Ehamoschet, der die Juden zwang, die christlicherpSklaven unentgeltlich mit Branntwein zu versorgen, „um sie für schwere Arbeiten gefügiger zu machen", und tatsächlich liegt seit jener Zeit die Branntweinbrennerei in Händen der Juden. Der Nachfolger Arschids im Jahre 1672 war dessen Bruder, der durch seine Tyrannei wohlbekannte Muley Jsmael. Drei hervorragende jüdische Persönlichkeiten standen in Diensten dieses Herrschers. Der erste war Josef Toledani, unter dessen Leitung ein Bündnis zwischen Holland und Marokko zustande kam. Zum Dank dafür wurden einige Juden wieder in Marokko ausgenommen und ihnen gestattet, eine Synagoge zu bauen. Der zweite war ein gewisser Maimaran, der oberster Steuereinnehmer bei den Juden war, der dritte Moses Jbu Attar, der auf Betreiben Maimarans erst hingerichtet werden sollte, später aber, auf Wunsch Jsmaels, der von beiden große Goldsummen angenommen hatte, dessen Schwiegersohn wurde. Er schloß im Namen des Sultans einen

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