Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- 308 da? Hm. — Ich würde gern einmal hören, wie die Kinder außer mancher anderen die Geschichte von Abraham, der seinen Sohn opfern will, aufnehmen und geistig verarbeiten. „Aber zum Teufel!" sage ich, „was kümmern denn unsere Kinder die alten Juden, die da unten an den Gestaden des Jordan oder in sonst einem Schmutzwinkel gehaust haben? Sollten sie nicht an den heutigen genug haben? Ich meine, an jenen ungewaschenen Gestalten mit den langen Ringel locken an den Ohren, die in ihren schmutzigen Kaftanen mauschelnd nnd schachernd den Brühl zieren. Und dabei ist über diese die Kultur von Jahrtausenden hinweggegangen. Was mögen nun jene erst für Gesellen gewesen sein, von denen die alten Aegypter nichts sehnlicher wünschten, als sie los zu werden? Ich glaube, der Brühl wimmelt zur Zeit der Messe von Waisenknaben." Jeder Redaktion, auch der gewissenhaftesten, können Mißgriffe unterlaufen, die sie hintennach wieder gut zu machen bestrebt ist. Das haben aber die „Neue Bahnen" nicht getan. Die Leitung hat ihren faux pas, der in religiös gesinnten christlichen Kreisen ebenso Anstoß fand wie in jüdischen, trotz einer ihr zugegangenen Gegenerklärung weder öffentlich noch privatim zugestanden. Die Unterlassung muß umsomehr befremden, da genannte Zeitschrift bei einem erstklassigen Verlage (Voigtländer, Leipzig) erscheint. Vor zwei Jahren besichtigte eine Kommission aus dem preußischen Kultusministerium die Schuleinrichtungen unserer Stadt. Sie wurde auch in meine Klasse geführt. Auf Befragen über die konfessionelle Zusammensetzung der Klasse wurde den Herren die Antwort, daß sämtliche Kinder christlichen Bekenntnissen angehören. „Und Sie?" fragte mich einer. Man konnte der Herren Staunen an ihren Gesichternablesen, als ich ihnen sagte, daß ich Jude sei. Bei uns, wo die gesetzlichen Bestimmungen über die Zulassung der Juden zum öffentlichen Schuldienste nicht nur auf dem Papier stehen, sondern in der Praxis Anwendung finden, wundert sich niemand über diese Erscheinung. Bis jetzt sind auch keine Fälle bekannt, daß christliche Eltern an diesem Zustande Anstoß genommen hätten. Durch liebevolle, pflichttreue Hingebung in seinem Berufe, durch taktvolles Auftreten seinen Kollegen gegenüber kann sich der jüdische Lehrer in der Simultanschule eine Position gestalten, die ihm Befriedigung gewährt und ihm die Möglichkeit gibt, an der Erziehung der Jugend mitzuwirken, die ihm lediglich aus nationalen Gesichtspunkten anvertraut wurde. Bit Juden von Marokko. Von Dr. Sch. Ochser-Kutten plan, eit länger schon als einem Jahre wird die Aufmerksamkeit des intelligenten Judentums auf jenen Staat gelenkt, der fortwährend den Zankapfel zwischen Spanien und Frankreich bildet. Kaum daß man sich von den Schreckensnachrichten über die Pogrome in Rußland erholt hat, hört man nicht minder Unangenehmes über Marokko. Bald ist es Casablanca, wo die Juden hingemetzelt werden, bald ist es Fez, wo man über Mord und Todschlag hört; bald verfolgt man sie in Tetuan und dann wieder in Tanger, und schließlich verbietet man ihnen, auf den Terrassen ihrer eigenen Häuser sich zu ergehen, damit ja nicht das Herrscherauge Hafids durch deren Anblick irritiert werde. Es ist nicht übertrieben, leider aber eine allzu traurige Wahrheit, daß die Lage und das Leben des marokkanischen Judentums noch viel schlimmer sind als daS des russischen. Es wird genügen, für obige Behauptung nur einige Beweise anzuführen. In Rußland , gibt es zum Beispiel Städte, in denen Juden überhaupt nicht wohnen dürfen; dort aber, wo es ihnen gestattet ist, dürfen sie ohne Einschränkung ihre Wohnung aufschlägen, wo es ihnen am besten zusagt. In Marokko aber gibt es nur ganz wenige Städte, in denen sie geduldet werden, und wo dies der Fall ist, sind sie in der Mellah (dem Ghetto) eingeschlossen, welches sie am Abend überhaupt nicht verlassen dürfen. Rußland ist der einzige Staat, in welchem nur gewisse Prozente zum Studium zugelassen werden, in Marokko ist es den Juden überhaupt nicht gestattet. Offiziell wenigstens wird in Rußland der Jude als vollgültiger Bürger betrachtet, in Marokko sind es nur diejenigen wenigen, welche unter dem Schutze einer fremden Macht stehen. Der eingeborene Jude im Innern von Marokko ist vollständig recht- und schutzlos und führt ein kümmerliches, entsagungsvolles Leben. Noch eine zweite traurige Tatsache gibt es zu konstatieren. In keinem anderen Staate war das Leiden der Juden so voll, so ununterbrochen und auf den Intellekt so zerstörend rückwirkend wie gerade in diesem Lande. Weder staatliche Umwälzungen nach der großen Völkerwanderung noch die Einbürgerung des Islams, weder Dynastien- oder Thronwechsel noch das Eingreifen fremder Mächte, weder der Anfang noch das Ende des 19. Jahrhunderts haben auf das marokkanische Judentum selbst oder auf deren menschenwürdige Behandlung von seiten der Sultane und Scherise irgendwelchen günstigen Einfluß genommen. Ewige Nacht! In diese zwei Worte ließe sich die ganze Geschichte des marokkanischen Judentums kleiden, da auch nicht die leiseste Hoffnung vorhanden ist, daß es sich dort ändern könnte, und diese traurige Geschichte wäre abgetan, würde der Vergangenheit gehören, aber die fortwährenden neuen Schikanen geben traurigen Anlaß genug, um ein kleines Bild jener unglücklichen Stammesbrüder vor den Augen des Lesers zu entrollen. Einen strikten Anhaltspunkt für die Ureinwanderung der Juden in Marokko gibt es nicht; Tatsache ist nur, daß die Römer eine große Anzahl der im Jahre 70 und 135 n. Chr. in das damalige Mauritanien verpflanzten, um jene Provinz durch den Fleiß und die Intelligenz der Neuangesiedelten dem Staatssäckel ausgiebiger zu gestalten. Die Römer täuschten sich tatsächlich nicht, und rascher noch, als sie es vielleicht selbst gewünscht hätten, verbreiteten sich die Juden über die ganze Provinz, wie die jüdischen Inschriften aus den ersten sechs Jahrhunderten in Volabili, Fez, Al Hamada, Tafilet und Tementet beweisen. Durch besonderen Fleiß hoben die Juden die Agrikultur und den Viehhandel dieses Landes, und ihr Reichtum nahm dermaßen zu, daß sich Justinian im Jahre 534 Edikte und Novellen ihnen gegenüber leistete, die an Strenge und Schroffheit jene gegen die Arier gewaltig übertrasen. Die natürliche Folge war nun die, daß ihnen jedes weitere Streben unterbunden ward, daß aber auch das Land sehr viel darunter litt. Noch schlimmer wurde es, als um 650 neue Ankömmlinge, welche der strengen Legislatur der Westgoten in Spanien entrinnend, das Land überschwemmten. Die bereits Eingeborenen mußten weiter gegen den Westen, drangen gegen das Rif vor und kamen so mit. einzelnen Berberstämmen in Berührung. Mehrere dieser Berberstämme nahmen das Judentum an, und noch bis auf den heutigen Tag existieren jene Berber-Juden in den Stämmen der Daggatun und der Mahajri fort. Mit der Verbreitung des Islams in Afrika begann auch die erste Unalückszeit für die marokkanischen Juden. Als um 788 der Imam Jdris, ein Abkömmling Alis, sich vom Kalifate lossagte und eine eigene Dynastie in Marokko gründete, sah er es