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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
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Schulkommission von ihrer obersten Behörde zur Pflicht gemacht, sich davon zu überzeugen, daß die Schülerbibliotheken keine ihrer Kirche feindlich gesinnten Schriften enthalten. So sollten auch alle jüdischen Kreise, die Einfluß auf die Schule haben, ihr Augenmerk darauf richten, daß Bücher jndenfeindlichen oder antisemitischen Inhalts aus Büchereien, die in der Regel aus öffentlichen Mitteln unterhalten werden, verschwinden. Neben den Lehrbüchern und Jugendschriften sind die methodischen Handbücher, deren sich der Lehrer zur Vorbereitung für seinen Unterricht bedient, nicht ohne Einfluß auf die Gesinnungsbildung der Jugend. Dem Lehrer ist es nicht immer möglich, die Angaben seines Gewährsmannes nachzuprüfen. Im guten Glauben an die Gewissenhaftigkeit des Autors hält er dessen Ausführungen für einwandsfrei. In vielen Fällen würde es ihm leid sein, wenn er nachträglich erführe, durch seinen Ratgeber zu einer unrichtigen Belehrung gekommen zu sein. Auch hierfür soll ein Fall aus der Wirklichkeit dienen: Im Verlage von List und von Bressensdorf (Leipzig) erschien 1908 eine „Länderkunde von Europa" von H. Harms, ein ganz vorzügliches Werk. In 8 208 wird Galizien behandelt. Da heißt es u. a.: „Volle 12°/o der Bevölkerung sind deutschsprechende Juden, die als Händler Wirte, Bankiers usw. aus dem Leichtsinn und der Rohheit der Bevölkerung Nutzen ziehen." Man kann wohl nicht jedem Lehrer, der in der Geographiestunde die österreichische Monarchie zu behandeln hat, zumuten, daß er die Schilderungen „Aus Halb-Asien" und „Die Juden von Barnow" von Franzos lese, der gerade im Hinblick auf die galizischen Verhältnisse das Wort geprägt hat: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient." Ebensowenig dürste ein christlicher Lehrer die Veröffentlichungen der verschiedenen jüdischen Organisationen über das Massenelend unserer galizischen Glaubensgenossen und die Bemühungen, die auf Herstellung besserer Verhältnisse hinzielen, kennen. Er wird sich meist die unrichtigen Angaben Harms zu eigen' machen und sie seinen Schülern vortragen. Er braucht keine weiteren Glossen dazu geben und doch wird sich beim Schüler die Anschauung festsetzen: Der Jude — nicht allein der galizische — ist ein gefährlicher Schmarotzer, der sich die Not und das Laster seiner Umgebung in eigennütziger Weise dienstbar macht. Mehr Gerechtigkeit läßt Harms den russischen Juden widerfahren, von denen er in § 390 sagt: „Die Juden haben ihren Hauptsitz in Polen und Litauen, wohin sie zur Zeit der Kreuzzüge flüchteten. (In Polen 14 0/o, im Gouvernement Grodno in Litauen 20 °/0!) In manchen Städten machen sie, wie z. B. auch in Galizien, den Hauptteil der Bevölkerung aus. (Berditschew, südwestlich von Kiew, soll zu 4/ö jüdisch sein.) Die meisten von ihnen leben in ärmlichen Verhältnissen als Handwerker und Tagelöhner, manche haben es aber zu Reichtum gebracht, wodurch sie sich bis in die jüngste Zeit blutige Verfolgungen zuzogen. Sie sind in der Wahl des Wohnorts wie auch in anderen Bürgerrechten gesetzlich beschränkt." Aus der von uns durch Sperrdruck hervorgehobenen Stelle ließe sich folgern, die Pogrome richten sich nur gegen die reichen Juden. Da sich aber die Metzeleien in Wirklichkeit auch auf die armen Handwerker, Tagelöhner und unschuldigen Kinder erstrecken, kann der Reichtum einzelner nicht der wahre Grund der Verfolgungen sein. Die Hauptsache im Unterrichtsbetriebe ist immer die Persönlichkeit des Lehrers. Wie er, trotz des rückständigsten Unterrichtsplanes, den Stoff nach modernen Gesichtspunkten gestalten kann, so weiß er, falls er nicht durch die entstellende Parteibrille sieht, trotz etwaiger unzutreffender Darstellungen in Lehr- und Handbüchern, die Jugend zur Verträglichkeit und gegenseitigen Achtung zu gewöhnen. Er kann aber auch trotz der sorgfältigst ausgesuchten Lehrmittel eine Saat in die jungen Gemüter streuen, die der Gesamtheit zum Schaden gereicht. Und die Gesinnungen, die er so übermittelt, offenbaren sich in der Regel nicht sofort. Selbst der geschickteste Inspektor ist nicht in der Lage, sie zu entdecken. Das Instrument, das, an die Stirn des Kindes gehalten, die Qualität und Quantität der ihm suggerierten Gesinnungen anzeigt, ist leider noch nicht erfunden. Im großen und ganzen wird man dem deutschen Volksschullehrer nachsagen müssen, daß er uns Juden Gerechtigkeit widerfahren läßt. Daß es auch in diesem Stande Ausnahmen gibt, ist nichts Außergewöhnliches. Wer die einseitige Erziehung unserer Lehrer in den konfessionellen Jnternatsseminarien kennt, wer weiß, welche Vorurteile im Religionsunterrichte dieser Anstalten, oft auch in der Geschichts- und Literaturslunde, über Juden und Judentum vorgetragen werden, muß sich darüber wundern, daß der Antisemitismus in Volksschullehrerkreisen verhältnismäßig selten anzutreffen ist. Der Volksschullehrer ist ein Schicksalsgenosse des Juden. Auch er hat einen zähen Kampf gegen alte Vorurteile und zur Erlangung lang vorenthaltener Rechte zu bestehen. Er weiß darum, wie es uns Juden, die wir in derselben Lage sind, zumute ist, und das bewirkt in ihm, daß er seinen Leidensgefährten Gerechtigkeit widerfahren läßt. Diese'Vorurteilslosigkeit scheint bei uns, im badischen Lande, auch dem simultanen Charakter der Schulen zu entspringen. Der Lehrer kennt Juden und Judentum meistens aus eigener Beobachtung. Oft hatte er jüdische Mitschüler und Studienfreunde, oder neben ihm ist mancherorts ein jüdischer Kollege tätig. Es geht ihm in der Regel nicht wie dem hohenzollernschen Kollegen, der mit mir Kaisers Rock trug. Er hatte wissentlich in seinem Leben noch nie einen Juden gesehen gehabt, und staunte mich deshalb wie. ein Wundertier an. Und die Vorurteile gegen Juden sind da am größten, wo keine wohnen. Daß auch anderwärts Volksschullehrer loyal handeln, bewies der „Preußische Lehrerverein", der sich anläßlich der Beratung des Besoldungsgesetzes der speziellen Wünsche seiner jüdischen Mitglieder mit Energie und Umsicht annahm. Bei Beurteilung der geistigen und sittlichen Qualitäten eines Standes kann seine Presse als geeignetster Gradmesser angesehen werden. Die Lehrerpresse steht auf einer hohen Stufe. Seit zehn Jahren ist mir ein Einblick^ in die be-! deutendsten pädagogrschen Zeitungen möglich. Der hohe, sittliche Ernst, das Streben nach wissenschaftlicher Vertiefung und die strenge Sachlichkeit müssen jeden Leser angenehm berühren, Während der ganzen Zeit habe ich nur zweimal ungerechte Beurteilungen der Juden und des Judentums angetroffen. Das erstemal — etwa vor einem Jahre — brachte die „Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung" eine Arbeit eines Frankfurter Lehrers, die ganz vom Geiste Chamberlainschen Dilettantismus inspiriert war, und für welche eine Entgegnung eine zu große Ehre gewesen wäre. Die Schriftleitung hat diesen Mißgriff sofort wieder gut gemacht, indem sie in der Weihnachtsnummer einen Essay von Meisels über „Die jüdische Friedensidee" brachte. Der zweite Fall ist in Heft XI (20. Jahrgang) der „Neue Bahnen" zu finden. Er entstammt nicht Lehrerkreisen, sondern einem Vater, der über „Kinder, Schule und Lehrer" schreibt. Er klagt unter anderem über den Memoriermaterialismus im evangelischen Religionsunterricht und führt dabei aus: „Die achtjährigen Knirpse machen die Bekanntschaft von Adam und Eva und von allen möglichen und unmöglichen Gesellen aus dem grauen Altertume. Und was erfahren sie

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