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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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Jus Ungarn. as neue Regierungssystem in Ungarn inaugurierte seine Tätigkeit in wahrhaft liberalem Sinne, indem es Männer unseres Glaubens mit Würden und Auszeichnungen bedachte, welche von dem vom Schauplatze abgetretenen Koalitionsregime nicht-zu erwarten war, da es den Geistesstempel Apponyis an der Stirne trug. Unter den in letzter Zeit Ausgezeichneten befindet sich nebst einigen hervorragenden Männern des öffentlichen Lebens und der Wissenschaft einer unserer würdigsten, Dr. Franz Mezeh, ein Mann, dessen integrer Charakter, gediegenes Wissen und hervorragende Geistesgaben allseitig gewürdigt werden, der auf humanitärem Gebiete eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, und, was besonders hervorgehoben zu werden verdient, dessen unablässiges Streben darauf gerichtet ist, die Gegensätze zwischen den Parteien in Ungarn auszugleichen. Er verfolgt mit Feuereifer, nie versiegender Begeisterung und schöpferischer Kraft das eine große Ziel: die Wiedervereinigung und dadurch die Verherrlichung des ungarischen Judentums. Im Anschluß an diese Auszeichnung, in welcher wir eine Würdigung dieser seiner der Ausgleichung der schroffen Gegensätze gewidmeten Tätigkeit erblicken möchten, seien einige Reflexionen über die das ungarische Judentum tiefschädigenden Parteiverhältnisse gemacht. Vier Jahrzehnte dauern nunmehr die Kämpfe zwischen Orthodoxie und der sogenannten Neologie, und mit tiefem Schmerze fragen wir uns: wird dieser Bruderzwist nie enden? Während in den großen Reichen das Friedensbedürfnis vorwaltet, herrschen unter den Juden stets heftige Fehden und leidenschaftliche Kämpfe wie zwischen Pharisäer, Sadduzäer, zwischen Maimunisten und Anti-Maimunisten, immer aber legten sich die Wogen und Stürme, aus dem edlen Wettstreit der Geister ging die Idee des Judentums siegreich hervor. Ist von der Fortschrittspartei jemals Gewissenszwang geübt worden, oder hat sie versucht, eine Hegemonie über die Gegner auszuüben? Und wenn sie. Großes auf dem Gebiete der Kultur, der Wissenschaft und Literatur geleistet hat, hat sie sich das Verdienst ausschließlich vindiziert, und ist sie nicht aus das eifrigste bestrebt, jene großartigen Institutionen der Wohltätigkeit der Gesamtheit des ungarischen Judentums zugänglich zu machen und an denselben brüderlich partizipieren zu lassen! Besonders ungerecht und eine Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse ist es, wenn von gegnerischer Seite behauptet wird, daß die rabbinische Hochschule eine Brutstätte des Unglaubens und eine Pflanzstätte der radikalsten Bibelkritik sei. Es ist unbegreiflich, wie ein Mann, der von religiösem Eifer oder Uebereifer erfüllt ist, sich zu einer solch schweren Anklage hinreißen lassen kann, und wie ein Organ, welches das „wahre Judentum vertritt", eine solche Unwahrheit verbreiten kann. Wenn in dem ungarischen Seminar die Bibel im wissenschaftlichen Geiste behandelt und im Anschluß daran die neuere Bibelforschung beleuchtet wird, so möge man bedenken, daß es eine.Lebensfrage der jüdischen Religion, daß es ein Gebot der Selbsterhaltung ist, wenn in unserer Hochschule mit kritischem Geiste ausgerüstete Rabbiner ausgebildet werden, welche den Kampf für unser heiligstes Besitztum mit Treffsicherheit führen können. Fürwahr, wenn irgendwo, so ist hier das: „Da ma schetoschiw l’Apikores" anwendbar. Wie Großes, Glänzendes könnte ein einiges ungarisches Judentum leisten, wenn es seine moralische und sittliche Kraft in den Dienst der Gesamtheit stellen möchte. Und welch eine imponierende Kraft könnte, es, so reich an Talenten und hervorragenden Geistern in beiden Lagern, dem Staate und der Gesellschaft gegenüber repräsentieren und den feindlichen Angriffen siegreich die Stirne bieten. Rach dem Ausspruche eines alten Weisen beruht die sittliche Weltordnung auf drei Säulen: Thora,. Abodah und Gemiloth Chassodim. Es mag kontrovers erscheinen, auf welcher Seite die echte Lehre, der wahre Gottesdienst und die edle Wohltätigkeit herrschen. Aber nach dem Ausspruche, eines anderen großen Weisen des Altertums sind es drei Postulate, auf denen die moralische Weltordnung aufgebaut ist: Emet, Din und Scholom. Nun gibt es nur eine Wahrheit, nur eine Gerechtigkeit, einen Gott gefälligen Frieden,' und wenn diese Postulate zum Siege gelangen, dann wird es auch in Ungarn ein einiges Israel geben! M. E. Schule, Lehrer und Judentum. Von B. Rosenthal, Mannheim. ■; n. ^{n einer wirklichen Simultan schule wäre ein Buch, das solche einseitige, zum Teil verletzende Urteile über uns Juden enthält, undenkbar, so wertvoll es sonst auch ist. Es wäre zu wünschen, daß bei einer Neuauflage der angeführte Abschnitt eine sachlichere Ueberarbeitung erführe. Wir verlangen ganz gewiß keine Verherrlichung des Judentums in den obligatorischen Schulbüchern. Aber gegen unzutreffende oder verletzende Beurteilungen, selbst wenn sie unbewußt erfolgten, wollen wir entschieden Front machen. Die in den Schulen der meisten Landesteile eingeführten amtlichen Lesebücher werden wohl in dieser Hinsicht einwandfrei sein. Aber eines lassen sie fast alle vermissen, und das sollte jedes Lesebuch für die Oberstufe der Simultan- und Konfessionsschulen enthalten: die Ringfabel aus Lessings „Nathan". Sie entspricht, wie praktische Erfahrung bezeugt, der Auffassungsgabe 13 jähriger Schüler. Aus ihr kann unsere Jugend die Mahnung mit ins Leben nehmen: „Es eifre jeder seiner unbestochenen, Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott, Zu Hilf!" Ueber die Gefährlichkeit tendenziös gefärbter Jugendschriften ist in jüdischen Zeitschriften neuerdings wiederholt gesprochen worden. Die Simultanschule muß doppelt vorsichtig in der Auswahl der Jugendlektüre sein, während die Bücherei der Konfessionsschule wohl Schriften enthalten kann, die die Anschauungen ihrer Angehörigen entschieden vertreten. Den vom Deutschen Lehrerverein ins Leben gerufenen Jugendschriften-Prüfung'sausschüssen kommt das Verdienst zu, auf dem Gebiete der Jugendlektüre gründlich Wandel geschaffen zu haben. Sie beurteilen die ihnen zur Prüfung übergebenen Schriften lediglich nach ihrem künstlerischen Werte. Werke, die eine ausgesprochene Tendenz verfolgen, werden ausnahmslos abgelehnt. Die Empfehlungen dieser Ausschüsse und die von ihnen aufgestellten Normalkataloge werden heute größtenteils bei Neuanschaffungen beachtet. Und trotzdem ist hier Vorsicht geboten. Den katholischen Geistlichen ist in ihrer Eigenschaft als Religionslehrer und Mitglieder der örtlichen

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