Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
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-- 305 r Als entschieden unrichtig muß endlich die Behauptung bezeichnet werden, daß der von einem Teil der anwesenden Rabbiner — nicht von den anwesenden Rabbinern — der Versammlung vorgelegte schriftliche Antrag: „Absetzung der Revisionsfrage von der Tagesordnung" von dem Leiter der Versammlung, Iustizrat Ofner, einfach beiseite geschoben und dem Vertreter desselben das Wort verweigert wurde. Auf die Tagesordnung der Jahresversammlung war der Bericht der Kommission für die Revision des Judenedikts gesetzt: Der in Frage stehende Antrag stellte sich als Antrag zu diesem Gegenstände der Tagesordnung dar. Der Vorsitzende erklärte bei Uebergabe desselben, daß er diesen Antrag sofort, wenn der Referent seinen Bericht erstattet, zur Debatte stellen und dem Vertreter desselben das Wort erteilen werde. Nach dem Verhalten der Herren Rabbiner mußte der Vorsitzende den Eindruck gewinnen, als ob die beantragte Gefchäftsordnungsdebatte nur den Zweck verfolge, die Besprechung des Gegenstandes unmöglich zu machen. Er erteilte daher zunächst dem Referenten das Wort mit der ausdrücklichen Bitte, dessen Bericht und Antrag erst abzuwarten. Es darf dem Urteil Unbeteiligter überlassen werden, ob diese Behandlung der Sache im Widerspruch mit parlamentarischen Gesetzen und Gepflogenheiten steht. Die Herren Rabbiner haben auf Grund des von der Mehrheit des Landesvereins gefaßten Beschlusses ihren Austritt aus dem Landesverein erklärt. Sie begründen ihren Schritt unter anderem mit der Ausführung, die Verhandlung des Landesvereins habe erwiesen, daß die dem Rabbiner nach den Statuten des Landesvereins zukommende Stellung nicht mehr gewahrt ist. Auffallend erscheint, daß die Rabbiner für ihren Standpunkt die Satzungen des Landesvereins in Anspruch nehmen, während sie anderseits außer acht lassen, daß nach dem klaren Wortlaut dieser Satzungen wohl der Austritt aus dew Landesverein, nicht aber der aus dem Ausschüsse möglich erscheint, weil nach § 13 der Satzungen der Ausschuß aus den bayerischen Rabbinern, Rabbinatsverwesern und Substituten usw., besteht, und wie vom Referenten mit Recht ausgeführt wurde, die Herren Rabbiner daher geborene Mitglieder des Ausschusses kraft ihres Amtes und wahrend der Dauer ihres Amtes sind. Die Austrittserklärnng erscheint umso weniger begründet, als ein Teil der Rabbiner dem Landesverein nur in ihrer Amtseigenschaft angehören, indem sie nicht die von Mitgliedern zu zahlenden Beiträge leisten. Die Herren Rabbiner werden sich zu entscheiden haben, ob sie an ihrer Austrittserklärung festhalten. Sie sind von der Vorstandschaft bereits zur definitiven Erklärungsabgabe aufgefordert worden. Gehen sie von dem bisher eingenommenen Standpunkt nicht ab, wird die Frage der Auflösung des Landesvereins ' in Erwägung zu ziehen sein. München - Nürnberg, den 26. Juni 1910. tzrnryk Glirmttrm. er Bildhauer Henryk Glicenftein hat sich durch die Kraft seiner Ideen wie. durch die wunderbaren Ausdrucksmittel, über die er verfügt, den Platz errungen, den er heute in unserem Kunftleben einnimmt. Im Jahre 1870 zu Turek im Gouvernement Kalisch als Sohn des dortigen Nelameä geboren, hatte er schon auf der Jeschiwah bei Betätigung seiner künstlerischen Anlagen viele Anfeindungen zu erleiden. Der Name „Götzenmacher" blieb dem Knaben auch, als er inBlaschko und Kalisch bie Jeschiwah besuchte. Als Glicenftein dann im Alter von 17 Jahren seine erste größere Arbeit in Lodz ausstellte, erregte er das Interesse der polnischen Zeitungen, und sie forderten dazu auf, ihm die Wege zur Erreichung seiner hohen künstlerischen Ziele zu ebnen. Nun begann für den Künstler eine Zeit regen Schaffens, und seine Werke gingen in die Welt hinaus. Der König von Italien besitzt seinen „Wanderer". In London, in Paris, in Wien, in den Museen von Krakau und Königsberg ist er vertreten. In Berlin, wohin es den Meister immer besonders zieht und wo er auch jetzt wieder einige Frühlingswochen verlebt, steht in der Rudolf Mosseschen Galerie sein Orpheus und sein Satyr. Im Garten des Mindenschen Hauses befindet sich der hier abgebildete Messias, den der Künstler als den.erst noch der Erweckung harrenden Erlöser aufgefaßt hat. Sein Heim hat der in der Vollkraft seines Schaffens stehende Meister in Rom. Er lebt mit der Schwester des leider zu früh dahingegangenen Malers Hirszenberg in glücklichster Ehe. und das Schönste, was er von der Zukunft erhofft, ist, daß sein jetzt 14 jähriger Sohn, der schon bedeutendes Zeichentalent verrät, später gleich ihm dieKünstlerlaufbahn wählen möchte. Dieser Skizze, die ich einem Gönner des Herrn Glicenstein verdanke, möchte ich nur ein paar Worte hinzufügen. Der Künstler, der auch gegenwärtig wieder einige Wochen in Berlin zubringt (Nollendorfstraße 4) und gern bereit ist, künstlerische Aufträge, Porträtbüsten und ähnliches zu übernehmen, ist ein Mensch, dessen Bekanntschaft sich lohnt. Er lebt ganz seiner Kunst und spricht mit freudiger Anerkennung von denjenigen seiner Mitarbeiter, deren großes Talent er würdigt. Er ist ein überzeugter Jude und hält es für seine heilige Pflicht, die Wahrheit seiner Religion in der Kunst zu vertreten. Als Russe aufs tiefste empört und ergriffen von den schrecklichen Leiden, die seine Glaubensgenossen zu erdulden hatten und haben, betrachtet er die ganze Welt- und Menschheitsgeschichte vom Standpunkte des Juden und ist tiefinnerlich überzeugt von der Idee eines jüdischen Volkstums und seiner zukünftigen Herrlichkeit. In seinen Werken strenger Realist, schwärmt er für das Ideal des Glaubens und höherer Menschlichkeit. Das Leben war ihm bisher ein Kampf, möge es ihm beschieden sein, in seiner künstlerischen Laufbahn von Sieg zu Sieg zu schreiten. L. G. Henryk Glicenftein: Messias. Original in der Villa Minden, Berlin. V*y e -- * _j