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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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linb die planmäßige Durchführung dieser Inspektion eine der Hauptaufgaben deS Verbandes. Im vorpommerschen Rabbinätsbezirk, der Rabbiner Dr. Worms untersteht, sei Vorbildliches geleistet, im hinterpommerschen Rabbinatsbezirk, der zurzeit ohne Rabbiner sei, werde man sich, sobald ein neuer Rabbiner demnächst an ge stellt sein wird, mit diesem in Verbindung setzen. Für die Religionsschul- Jnspektion hat der Verband im übrigen für die ganze Provinz sechs Bezirke gebildet, nämlich Stettin, Stargard, Stolp, Schivelbein, Lauenburg und Neustettin. Jedem dieser Bezirke sind eine Anzahl Gemeinden, zugeteilt. Die Ueberwachung der Inspektionen ist einer llgliedrigen Schulkommission anvertraüt. — Den Anregungen des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", die den Gemeinden und Verbänden aus Anlaß der Bestimmungen des neuen preußischen Schulgesetzes gegeben wurden, insbesondere wegen der Inanspruchnahme des sogenannten staatlichen Resolutionsfonds, hat der Verband Folge geleistet. Für den Regierungsbezirk Köslin sind aus diesem Resolutionsfonds 1200 Mark zur Verfügung gestellt, weiteres wird davon abhängen, ob es sich ermöglichen läßt, durch Zusammenlegung, verschiedener kleinerer Gemeinden zu einem Schulverband die Mindestzahl von 12 Schulkindern' zu verschaffen, die von der Regierung als Voraussetzung für Beihilfen aus dem Resolutionsfonds festgesetzt ist. Auch zu der aktuellen Frage der Zentralisation der Wanderarmenfürsorge, die in bisher so erfolgreicher Weise vom „D. I. G. B." betrieben wird, hat der Provinzialverband auf dem in Stettin abgehaltenen. Gemeindetage des Verbandes der Shnagogengemeinden Pommerns Stellung genommen. Als Gegner der geplanten Zentralisation erklärte sich dort eigentlich nur Herr Wolff-Tempelburg, als bedingter Gegner, der aber im Prinzip doch dafür war, der Vertreter des Vorstands der Stettiner Gemeinde, während der Delegierte der Stettiner Repräsentantenversammlung sich bedingungslos sür die Organisation aussprach. Dasselbe geschah von allen anderen Rednern, so daß schließlich ein Antrag Salömon- Schivelbein: „Der Gemeindetag beschließt, die Organisation zur Bekämpfung der Wanderbettelei zu schaffen; der Verwaltungsausschuß wird beauftragt, die nötigen Vorbereitungen zu treffen," mit großer Mehrheit angenommen wurde. Ueber die Kassenlage des Verbandes wurde ,mitgeteilt, daß der Kassenbestand fast erschöpft ist, und bie Einsendung der Rückstände daher dringend wünschenswert wäre. — Köln, 16. Juni. Auf Veranlassung einiger-liberalen Mitglieder unseres Vorstandkollegiums wurde im vergangenen Winter die Wiedereinführung der Mädchenkonfirmation — die genau 15 Jahre geruht hatte — beschlossen. Der Einladung zur Beteiligung folgten 15 junge Mädchen. Herr Rabbiner Dr. Frank übernahm bereitwilligst deren Unterricht, und wir hatten die große Freude, am Nachmittag des zweiten Schabuottages eine Feier zu erleben, wie sie schönerund erhebender nicht gedacht, werden kann. Unsere große neue Synagoge am Königsplatz strahlte in voller Beleuchtung, in herrlichem Pflanzen- und Blumenschmuck und war bald nach Oeffnung der Tore bis auf den letzten Sitz gefüllt; Hunderte mußten mit einem Stehplatz in den Vorräumen, den Gängen und auf den Treppen fürlieb nehmen. Lautlose Stille herrschte — als unter den Klängen der meisterhaft gespielten Orgel und dem brausenden Hallelujah des verstärkten Männer-und Knabenchores Herr Rabbiner Dr. Frank mit den Konfirmandinnen den Platz vor dem Aronhakodesch betrat. Der vorzüglichen, kernigen Rede des Herrn Dr. Frank — er hob besonders hervor, wie die Frau in Israel an erster Stelle berufen und befähigt sei, die Anhänglichkeit an unsere väterliche Religion zu pflegen und zu erhalten — folgte eine futjje Prüfung in der Glaubens- und Sittenlehre; die jungen Mädchen gaben treffende Antworten, und im Aufträge aller brachte dann die älteste in formvollendeter Rede den Dank dem Lehrer und Len Eltern mit dem Gelöbnisse treuer Anhänglichkeit an unseren teuren Glauben. Nach dem väterlichen Priestersegen und einer Schlußrede übergab Herr Rabbiner Dr. Frank im Namen der Shnagogengemeinde jeder Konfirmandin ein reich gebundenes Gebetbuch — hebräisch und deutsch — auf dessen erstem Blatte der gewählte Spruch, der Name und die Widmung gedruckt ist. Herrlicher Solo- und Chorgesang, brausende Orgelklänge schlossen die gewiß allen Teilnehmern unvergeßliche Feier. Wir sind überzeugt, daß dieser Festtag manchen Gleichgültigen und manchen Gegner — sind wir doch der Konfirmation wegen wie um das Orgelspiel vielseitig angefeindet worden — zu Freunden unseres sür die Erhaltung der Religion kämpfenden liberalen Judentums gemacht hat. Gesterretch-Nnssrn. K. Wien, 17. Juni. Gegen das Hausiergewerbe wird auf Betreiben der Christlich-Sozialen der Vernichtungskampf unbarmherzig fortgesetzt. Der Gewerbeausschuß hat die üm Regierungsentwurfe vorgesehenen Beschränkungen des Hausierhandels für nicht genügend gesunden und eine Reihe weiterer Beschränkungen beschlossen. Der Hausierhandel in öffentlichen Lokalen soll vollständig verboten werden, ebenso soll nach Ladenschluß nicht mehr hausiert werden dürfen, und auch die Zahl jener Waren, die vom Hausierhandel ausgeschlossen sind, soll eine bedeutende Vermehrung erfahren. Diese drakonischen und durch nichts zu rechtfertigenden Maßregeln rauben den Hausierern das letzte Restchen Existenzmöglichkeit.. Der Grund für diese fortgesetzten Beschränkungen ist, wie die „Sonn- und Montagszeitnng" schreibt, darin zu suchen, daß das Gros der Hausierer aus den Bekennern des jüdischen Glaubens sich rekrutiert. Außerdem umgibt der Vernichtungskampf gegen bie Hausierer die Christlich-Sozialen noch mit dem Glorienschein der Gewerberetter. „Auf diesen Sieg."so schreibt das genannte Blatt, „brauchen sich die Christlich-Sozialen nicht viel einzubilden. Weder Geist noch Mut gehört dazu, diese Aermsten der Armen, die sich im mühsamen Umherziehen ihr kärglich.Brot verdienen, ihrer Existenz zu berauben. Wohl aber eine gehörige" Portion Gewissenlosigkeit, und die besitzen unsere christlich-sozialen Volksbeglücker in ausreichendem Maße". — Baron Albert v. Rothschild widmete namens des S. M. v. Rothschild zur Ausgestaltung des von ihm anläßlich des Negierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers gegründeten Waisenhauses in Mährisch-Ostrau neuerlich ein Stiftungskapital von 100 000 Kronen. Außerdem stellte er zur Deckung des letztjährigen Defizits weitere 7000 Kronen zur Verfügung. Die Stadtvertretung von Mährisch-Ostrau sprach dem hochherzigen Spenser protokollarisch und durch Erheben von den Sitzen Dank und Anerkennung aus. — Die Budgetberatung im österreichischen Reichsrate förderte auch eine kleine Judendebatte zutage, die im österreichischen Parlamente bei passender und unpassender Gelegenheit nicht fehlen darf. Der christlich-soziale Abgeordnete und Wiener Gemeinderat Bielohlawek führte Klage über die Krankenhaussrage, die dringend einer Lösung bedarf und die geradezu ein europäischer Skandal sei. „Der Krankenhausfonds," so führte der Redner aus, „muß immer warten, bis ein reicher alter Jud' stirbt. Der Rothschild hat uns aus dem Wasser geholfen." Auf den Zwischenruf des Abgeordneten Kuranda, daß Rothschild auch bei Lebzeiten ein Spital gestiftet hätte, erwidert der antisemitische Redner: „Gewiß, Rotschild hat manche wohltätige Stiftung gemacht, das kann man nicht verunglimpfen. Ich spreche jetzt nicht als Antisemit, sondern das ist Tatsache. . Wer ist in der letzten Zeit gestorben? Der Rothschild, der Raitzes und der Taussig." Ueber Raitzes entspinnt sich eine kleine Debatte, da er, wie manche Redner behaupten, getauft war. , Bielohlawek ruft höhnisch: „Ich gratuliere Ihnen zu diesem gewässerten Christen!" Abgeordneter Dr. Mahler, Mitglied des Jüdischen Klubs, führt Klage darüber, daß nationale und konfessionelle Momente in den freien Wettbewerb der Geister hineingetragen werden, wodurch die Wissenschaft entwürdigt und entwertet werde. „Es genügt," meint Dr. Möhler, „daß einer ein Jude ist, um ihn von vornherein von allen Lehrstellen auszuschließen. Die Wissenschaft und ihre höchsten Errungenschaften sind nicht national sondern international, und wer die Wissenschaft mit nationalen Grenzpsählen zu umgeben sucht, schließt sich selbst in eine chinesische Mauer ein." Redner schildert unter anderem den Pauperismus unter den Juden Galiziens, die man dort seit Jahrhunderten vom Grundbesitze ausgeschlossen hat, und tritt sür die Gestaltung der Sabbatruhe in' Galizien ein. LuszlÄNd. *** Petersburg, 17. Juni. Vor kurzem beschäftigte sich die russische Duma mit dem Gesetze über die Sonntagsruhe. Die gesamte Rechte sprach sich für die strenge Einhaltung der Sonntagsruhe auch durch die Inden und Mohammedaner aus und ergriff die .Gelegenheit, auf diese beiden Konfessionen in unflätigen Beschimpfungen loszuschlagen. In der Debatte ergriff auch der Bauer Gulkin, der bis

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