Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesamtorganisation zur Beschränkung des Wanderbettels wird eingehend berichtet: Fast im ganzen Reiche ist eine lebhafte Bewegung im Gange, die in vielen Landesteilen bereits zur Gründung von Provinzialkassen geführt hat, während in anderen der Abschluß der Vorarbeiten nahe bevorsteht. Nur ganz wenige Gebietsteile verhalten sich zurückhaltend oder ablehnend. So ist zu erwarten, daß in der auf Sonntag, den 26. Juni 1910 nach Berlin einberufenen Sitzung von Vertretern, der Provinzial- und Landeskassen der in den ,-Mitteilungen" abgedruckte.: Satzungsentwurf für die Zentralkassen zur Beschränkung des Wanderbettels angenommen wird. Als instruktives Material wird weiten Kreisen der stenographische Ver- Handlungsbericht der Konferenz vom 5. Dezember v. I. und die der Reform des jüdischen Wanderunterstützungswesens gewidmete volkswirtschaftliche Studie des Herrn Dr. Neumann willkommen sein. — Die Entscheidung der Frage, ob, und im Falle der Bejahung, in welcher Weise die Fertigstellung des Entwurfs eines Organisationsgesetzes für die Synagogengemeinden Preußens in dritter Lesung erfolgen soll, wird erst im Herbst getroffen werden. Uebrigens weichen die inzwischen eingelaufenen Gutachten der preußischen Provinzialverbände und Großgemeinden meistens wesentlich von dem bekannten Antrag Friedmann ab. — Die „Mitteilungen" enthalten noch Auskünfte über die Heranziehung des jüdischen Teiles einer Mischehe zur Kultussteuer und behördliche Verfügungen. — Bedeutsam ist die Tatsache, daß die vom Gemeindebunde beim Preußischen Ministerium des Innern angeregte Konzentrierung der jüdischen Strafgefangenen in Anstalten an Orten, wo sich der Sitz eines Rabbiners befindet, durch Erlaß vom 13. Januar l910 durchgeführt ist. — Der zwölf, Seiten umfassende Rechnungsabschluß des Deutsch-Jsraelitischen Gemeindebundes, seiner Stiftungen und Institute gibt ein Bild von dem ungemein vielseitigen und komplizierten Arbeitsgebiet des Deutsch-Israelischen Gemeindebundes. — Die Kassen-Ein-und Ausgänge balancieren mit zirka 200 000 Mark. . Der Voranschlag des Spezialfonds besteht allein aus 120 500 Mark; die Zahl der Ausgabetitel beträgt 27. und es handelt sich dabei um lauter bedeutsame und voneinander grundverschiedene Aufgaben. Zu bedauern ist nur, daß die für jede einzelne Position zur Verfügung stehenden Beträge so klein sind. — Berlin, 21. Juni. Die Anstalt Beelitz versendet ihren zweiten Rechenschaftsbericht. Die am 1. Oktober 1908 eröffnete Anstalt hat sichwährend des verflossenen Geschäftsjahres, glücklich entwickelt. Der Andrang Aufnahmesuchender hat angehalten, nnd obgleich mehrere Zöglinge als bildungsunfähig entlassen werden mußten, ist betreffs der Frequenz von Knaben die Maximalziffer von 26 erreicht, während die Zahl der Mädchen 16 beträgt,. so daß auch nur noch vier Plätze vakant sind. Die Zöglinge stammen aus allen Teilen des Reiches. Das Erzieherpersonal ist um einen jungen Lehrer vermehrt worden. Der Gesundheitszustand der Zöglinge ist ein günstiger, und auchein gewisser geistiger Fortschritt bei den .meisten unverkennbar. Der Unterrichtsplan ist dem der entsprechenden Anstalten analog und legt Wert darauf, daß die für das spätere Leben der Zöglinge so wichtige Uebung ' der Handfertigkeit neben der geistigen Ausbildung nicht zu kurz kommt. Der Erfolg der religiösen Unterweisung findet in der Veranstaltung regelmäßiger Gottesdienste und Feiern der jüdischen Feste eine Stütze. Die Großloge U. O. B. B. ist grundbuchlich als Besitzerin der ideellen Hälfte des Anstaltsgrundstücks, eingetragen. An einmaligen Beiträgen sind der Anstalt zirka 2000 Mark zugeflossen. Die Jahresbeiträge der Mitglieder bleiben mit 8857 Mark um reichlich 1000 Mank hinter dem Vorjahre zurück. Die Pflegegelder betrugen 13338 Mark. *** Breslau, im Juni. Dem Jahresbericht der Gemeinde- Religions-Unterrichts - Anstalt, erstattet von Rabbiner Dr. S. Guttmann, entnehmen wir folgende Einzelheiten: Die betrübende Wahrnehmung, daß eine große Anzahl der die höheren Lehranstalten besuchenden Kinder unserer Gemeindemitglieder jedes Unterrichts im Hebräischen entbehrt und dadurch nicht die.Fähigkeit erlangt, mit Verständnis an unserem Gemeinde-Gottesdienste teilzunehmen, hat auf Grund eines Vorschlags der Schulkommission zu dem Beschlüsse geführt, einen Kursus zur Erlernung des Hebräischen für olche Kinder einzurichtrn, die-in die Tertia, eines Gymnasiums, resp. in die vierte Klasse einer höheren Mädchenschule gelangt sind, lohne bisher einen Unterricht im Hebräischen genossen zu haben. Obschon frühere Versuche nach dieser Richtung hin ohne Erfolg geblieben waren, hat der Vorstand der Synagogen-Gemeinde auf unsere Veranlassung beim Beginn, des Wintersemesters 1909/10 noch einmal in den hiesigen Zeitungen die beabsichtigte Eröffnung eines solchen Kursus angekündigt. Diesmal ist unsere Anregung nicht ganz fruchtlos geblieben. Es Meldeten sich zu diesem Kursus zehn Mädchen, die an dem von Herrn Dr. Sali Levi erteilten Unterricht mit lobenswertem Eifer und gutem Erfolge teilnahmen. Indessen ist dies nur ein Notbehelf, der den umfassenderen und systematisch sich^aufbauendenUnterricht in der Religionsschule nicht ersetzen kann. Wem es um eine gründliche Unterweisung seiner Kinder auch im Hebräischen zu tun ist, der wird diese wie bisher unseren Religionsunterrichts-Anstalten zuführen müssen. Es unterrichteten im abgelaufenen Schuljahr an der Religions- Unterrichts-Anstalt II neben dem Berichterstatter die Herren: Rabbiner Fabian, Schönfeld, Moops, Dr. Julius Guttmann, Fleischhacker, Dr. S ali Levi und Tr. A. Lew ko witz, an der Religions- Unterrichts-Anstalt III die Herren: Schönfeld, Dr. Tirschtigel und Dr. Löwenstamm und die Damen: Frl. Elbogen und Frl. Gertrud Braun. Zu Michaelis 1909 schied Herr Rabbiner Fabian, einer ehrenvollen Berufung als Direktor der hiesigen israelitischen Waisen-Verpflegungs-Anstalt folgend, aus dem Dienste unserer Gemeinde, in der er vom 1. August 1891 als Lehrer an der Religions-Unterrichts-Anstalt II und seit dem 1. April 1900 als stellvertretender Rabbiner an der Neuen Synagoge und als stellvertretender Dirigent unserer Neligionsschule gewirkt hat. Unsere Schule wird ihm Mts eine dankbare Erinnerung bewahren. Am 1. August 1909 schied aus dem Kollegium der Religions-Unterrichts-Anstalt III, einem Rufe an die Kultusgemeinde zu Nürnberg folgend, Herr Dr. Tirschtigel, an dessen Stelle Herr Dr. Löwen st amm trat. Die Anzahl der Zöglinge betrug am Ende des vorigen Schuljahres an der Religions-Unterrichts- Anstalt II: 255, neu hinzugetreten sind im Laufe des Jahres 99, so daß im ganzen am Unterricht teilnahmen: 354, und zwar 224 Knaben und 130 Mädchen. An der Religions-Unterrichts-Anstalt III betrug die Anzahl der Zöglinge am Schluffe des vorigen Schuljahres: 25, neu hinzugetreten sind im Laufe des Schuljahres 9, so daß im ganzen am Unterricht teilnahmen: 34, und zwar 17 Knaben und 17 Mädchen. In beiden Anstalten betrug demnach die Zahl der Zöglinge: 388, und zwar 241 Knaben und 147 Mädchen. P. Kottbus, 17. Juni. Seit dem 1. Juni d. I. hat die anläßlich des 50 jährigen Gemeindejubiläums in Aussicht genommene Darlehnskasse für Israeliten des Synagogenbezirks Kottbus ihre Geschäfte ausgenommen. Nach §2 des Statuts bezweckt sie: Eemeindemitgliedern in diskreter Weise zur Begründung oder Erhaltung ihrer Existenz zinsfreie Darlehne bis zum Höchstbetrage von 300 Mark zu gewähren. Den Grundstock des Vermögens von 4500 Mark zum Betriebe dieser Kasse verdankt sie dem Vorsteher der hiesigen Gemeinde, der aus Anlaß seiner 25jährigen Zugehörigkeit zur Gemeindeverwaltung 1000 Mark bereits 1907 für diesen Zweck stiftete. Bezweckt die Kasse die schwer arbeitenden Handelsleute erwerbsfähig zu erhalten, so wendet der Frauenverein seine Fürsorge den Kindern der Armen zu. Auf Antrag des Vorstandes des hiesigen Frauenvereins hat die Gemeindeverwaltung einen großen Saal für Schulzwecke eingerichtet, damit alle Kinder, welche durch die häuslichen beschränkten Wohnungsverhältnisse ihre Schulaufgaben nicht sorgfältig und sauber machen können, dort arbeiten. Die Aufsicht sollen zwei Darnend abwechselnd führen; doch hofft man bald in der Lage zu sein, eine Lehrerin dafür besolden zu können. 5. Stettin, 15. Juni. Dem kürzlich erschienenen Geschäftsbericht des Verbandes der Synagogengemeinden Pommerns pro 1909 entnehmen wir, daß dem Verbände zurzeit 25 Gemeinden angehören. Trotz wiederholter Bemühungen war es nicht zu erreichen, den Anschluß weiterer Gemeinden an den Verband herbeizuführen. Das ist im Interesse der jüdischen Allgemeinheit nur lebhaft zu bedauern. Die großen Fragen, die zurzeit die preußische und die deutsche Judenheit beschäftigen, erfordern gebieterischer als bisher den Zusammenschluß aller Kräfte. — Wie in früheren Jahren, so war auch im Berichtsjahre die Verbandstätigkeit vor allem der Fürsorge für den Religionsunterricht gewidmet, die Inspektion desselben