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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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300 denkenden Israeliten interessierender Themata als auch in der Bearbeitung derselben. So viele. Wochenabschnitte, so viele wirklich zeitgemäße Fragen und Betrachtungen. Und jede bietet eine Fülle von Stoff und Anregung zum Nachdenken. Der Verfasser scheint ans rabbinisch-talmudischem Gebiete zu Hause zu sein und hat in seinen Essays von seinem Wissen ausgiebigen Gebrauch gemacht. Die „Homiletischen Essays", die, wie Verfasser behauptet, nur für Laien berechnet sind, werden auch den Fachmann interessieren. Er wird darin vor allem Themata und Fragen finden, die das Judentum der Gegenwart bewegen. Alles in allem: Ein sehr gutes, sorgfältig ausgeorbeitetes Werk, dessen weiteste Verbreitung zu wünschen ist. — M. Nuäl (Manuel Schnitzer): Nabbi Lach und seine Geschichten. (Hesperus-Verlag, Berlin W. 2 Mark.) In Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie" wird eine jüdische Anekdote erzählt, und man findet sie witzig. Aber der Erzähler meint, sie sei, wie so viele jüdische Anekdoten, mehr als gut und witzig, sie sei tief, denn sie leuchte in das Wesen des jüdischen Volkes hinein. Daß man in der jüngsten Sammlung jüdischer Scherze — veranstaltet von einem auf diesem Gebiete und nicht aus ihm allein wohl angesehenen Verfasser — daß man da zumeist eine volle Bestätigung jener Schnitzlerschen Ansicht vom Wesen der jüdischen Anekdote findet, ist das Beste, was sich den Geschichten des Rabbi Lach nachsagen läßt. Und es ist sicherlich kein kleines Lob. Bedeutet es doch, daß hier mehr als Lachreiz, daß anmutige Belehrung zu holen ist, daß hier der schwere und doch einzig wertvolle Weg vom einzelnen ins allgemeine gefunden wurde. Und noch eines muß auch den ernsthaften Leser für dieses Buch gewinnen — den leichteren fesselt es sicher durch seine große Fülle unwiderstehlicher Komik —: es ist von Liebe zu den dargestellten Menschen diktiert, aber von einer sehenden und keiner Affenliebe. Neben den Scherz tritt zu dutzenden Malen die erquicklichst scharfe Satire, mit der allerlei jüdische Schwächen, angeborene wie erworbene, verzeihliche wie unverzeihliche, angeprangert werden. Wohl mag sich mancher aus praktischen Gründen ärgern, wenn er Anekdoten wie jene liest, der zufolge „iu der schönsten Wiener Kirche" der Küster bei „jüdischen Trauungen" den männlichen Gästen zurufe: „Die Herren werden gebeten, die Hüte abzunehmen", indem er sich sagt, das sei Wasser auf antisemitische Mühlen. Aber bei höherem Standpunkt wird man den Autor gerade um solcher Verspottungen willen lieben, wobei man wieder Schnitzlers gedenken mag. Der läßt im erwähnten Roman einen jüdischen „Antisemiten" zu seiner Verteidigung sagen.- „Ein richtiger (Antisemit) ist ja nur der, der sich im Grunde über die guten Eigenschaften der Juden ärgert und alles dazu tut, um ihre schlechten weiter zu entwickeln." Danach nämlich ist aus solchem Aerger und solcher Verspottung das Gegenteil eines „richtigen Antisemiten" herauszukennen. . V. LI. E Lüchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Körperpflege des Kulturmenschen in gesunden und kranken Tagen. Aerztliche Ratschläge von Di*, med. F. Dumstrey. Leipzig, Helios-Verlag, Franz A. Wolsson, 1910. Sprechssal. mit der Bitte um Veröffentlichung wird uns folgende Korrespondenz aus dem „Chemnitzer Tageblatt" von dem Vorstand der Chemnitzer Gemeinde zugesandt: Nachdem mir vor ungefähr Jahresfrist von einem Herrn M. Lunenberg in Jerusalem ein kleines Blumenalbum mit der Bitte um Unterstützung einer in Not befindlichen Familie übersandt worden war, worauf ich auch eine Gabe schickte, erhielt ich kürzlich den folgenden Brief in Begleitung eines Kästchens: „Jerusalem, Palästina. Hochwohlgeb. edler Herr! Vom beiligen Lande ruft die Stimme eines armen Handwerkers an die Pforte Ihres edlen Herzens, ersucheüd Ihre gütige Gnade und Humanität. Die allgemeine Lage Palästinas ist bewußt, insbesondere die Zustände von der hl. Metropole Jerusalems. Als Tischler arbeite ich als Tagelöhner für einen ganz kleinen Lohn, von welchem genügt uns auch nicht bloß Brot zu haben. Meine arme Familie leidet Entbehrung, die Kinder sind fast nackt und barfuß. Durch die Härte des Winters und anhaltende große schreckliche Teuerung befinden sich wir in verzweifeltem Zustand. So stütze ich auf Ihre Erbarmung. Ich ersuche höflichst, mein Souvenir bestehend in eine Schmuckdose aus bestem Olivenholz, welches ich in die freien Stunden arbeite, mit Mitleid zu empfangen und mir und Familie Ihre gütige Herzensstütze zu kommen lassen. Edler Wohltäter, höret meine Hilferufe, nach Ihren gut dünken uns erfreuen mit eine baldige Stütze zum Ausgleich des Souvenir, unser schweres Dasein zu erleichtern das Leben uns zu erhalten Für die hohe Wohltat wird Sie der liebe Gott geben sein reichlichen Segen. Hochachtungsvoll ergebenst I. B. Wein Adresse: I. B. Wein, Jerusalem Palästina." Dieser „hektographierte" Brief (ohne Datum) erregte in mir Argwohn, so daß ich ihn an Herrn?. Zorn. Pfarrer an der deutschen evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem, mit der Bitte um Auskunft sandte. Darauf schrieb mir der ebengenannte Herrfolgendes : „Jerusalem, 3. März 1910. „.Da ich aus meinen Akten nichts ersehen konnte, nahm ich an, daß pp. Wein jüdischer Konfession ist, was sich auch bestätigte, und ging aufs hiesige Kaiserlich'Deutsche Konsulat. Ta wurde mir folgendes gesagt: „Wein schrieb sich früher Wien und hat schon öfters solche Bittgesuche, deren Inhalt mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, in die Welt geschickt. Es gibt hier Leute, die solche Bittgesuche gegen Bezahlung aufstellen, und diese Gesuche sind mit viel Raffinement in Form und Inhalt abgefaßt. Da Wien nicht mehr zieht, schreibt er sich Wein." Wie Wien-Wein, so machen es leider sehr viele, sowohl in Jerusalem, als auch in anderen Auslandsgemeinden. Die deutschen Konsulate und wir Auslandspfarrer wären den Deutschen in der Heimat von Herzen dankbar, wenn sie auf derartige Bittgesuche absolut nicht reagieren, denn nur auf diese Weise kann der mit der Mildtätigkeit anderer spielende Unfug und Betrug aus der Welt geschafft werden. -Verhältnisse, wie sie in jenem Bittgesuche geschildert, kommen unter den Deutschen im Auslande nur dann vor, wenn diese Deutschen selbst daran schuld sind. Wir helfen jedem Deutschen, ganz gleich welchen Bekenntnisses er ist, und auch das Konsulat. Ich habe selbst einen Blick in die dickleibigen Akten geworfen, die einzig und allein von solchen Gesuchen angefüllt sind. Der pp. Wein lebt in durchaus auskömmlichen Verhältnissen, das geht klar aus den Akten hervor. Sie würden also allen Ausländsdeutschen einen Dienst tun, wenn Sie die Sache ganz auf sich beruhen lassen, und wenn Sie andere, die vielleicht von demselben Mann oder von einem anderen (so z. B. ist ein gewisser „Kaplan" an derselben Arbeit; ich könnte noch mehr nennen) belästigt wären, über den Stand der Dinge aufklärten. Wir Ausländsdeutschen sehen es als eine Beleidigung an, wenn man uns nachfagt, unter uns kämen solche Verhältnisse vor. ohne daß wir hülfen" ... Da ich nun in diesen Tagen wieder erfahren habe, daß derartige Bittgesuche (auch vom „Kaplan") nach Chemnitz gekommen sind, halte ich es für meine Pflicht, unter Hinweis auf die mir gewordene Auskunft vor einem Eingehen auf diese Bitten zu warnen. D,rektor Guido Franke. Chemnitz. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz tu Berlin

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