Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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voll unwilliger Ergriffenheit, sachlich und mit der Noblesse eines großzügigen Kaufmanns, der dankt, wo wirklich zu danken ist.' Er hatte nur eine Art kaufmännisches Verhältnis zu Gott: er glaubte an ihn, er glaubte an ihn als einen großen Faktor, er kreditierte ihm eine weitgehende Macht. Und also dankte er ihm, jedesmal bei der Jahresbilanz. So (immer zwischen den hebräischen Zeilen, die er knapp zu lesen verstand): Du hast mir geholfen. Du großer-Gott im Himmel, und ich habe Dir zu danken. Du hast mich nicht im Stich gelaffen, als ich in Buenos Aires in Ländern spekulierte — ach, in Ländern, die dreifach so groß waren wie diese ganze Provinz — in Ländern und in Gold. Und in allen Gefahren und Nöten und in allem Elend hast Du mich nicht im Stich gelassen, wenigstens nie lange. Ach, was Hab" ich aber nicht alles durchgekämpst! Hab' ich nicht genug ausgehalten! Vom Schiffsjungen zum Cowboy und Minengräber und Spekulanten . .. Still, still, ich bin jetzt der Herr aus der Grafschaft Lupkowitz. Und derselbe Graf mußte sie mir lassen, der mich einmal ohrfeigte und einen lausigen Judenjungen nannte, als ich in seinem Parke herumlief. Hab' ich ihm das vergessen, lieber Gott? Nein. Ich bin gerade recht gekommen zum Versteigerungstermin. Und Hab' ich denen hier vergessen, daß sie mich kleinen unschuldigen Jungen herumstießen und nicht des Anspuckens für wert hielten, weil meine arme Mutter keinen Vater für mich kriegen konnte! Daß sie das unglückliche junge Weib in die große Stadt hinausgeiferten und irgendwo auf dem Miste verkommen ließen! (Hab' ich ihnen das vergessen? Vergißt Du so etwas, Gott! — Nein, wahrhaftig nicht! Geschworen Hab' ich mir, hier einmal als großer schwerreicher Herr zurückzukommen und sie auch nicht anzuspucken — du weißt es, Gott, wie qualvoll ich mich geschämt habe, wenn am Sonnabend nach dem Ausgangssegen der Becher Wein den kleinen Jungen dort an diesem Altar gereicht wurde, einem nach dem andern, ich aber zurückgestoßen wurde, weil ich ein „Mamser" bin, ein Unehelicher, der des Trankes nicht würdig sei. Schäm' ich mich jetzt! Hab' ich mich jetzt zu schämen! Hier sitz' ich in demselben Tempel auf dem ersten Ehrenplatz. Und habe nach niemandem zu fragen, nach niemandem! Und auch Dir, lieber Gott, danke ich nach meiner Art. Ich fahre im Wagen vor und lebe wie ich will, weil ich glaube, daß Dich das nicht beleidigt und ärgert. Aber diese hier ärgert es, auch dort den würdigen Rabbiner. Jawohl, Herr Doktor Leon. Hab' ich Sie nicht im vorigen Jahr in aller Höflichkeit bedeutet, daß es meine eigenste Privatsache sei, ob ich am Versöhnungstag im Wagen Vorfahren wolle oder nicht, als Sie ein wenig heftig um die Vermeidung dieses „Skandals" baten? Nicht wahr, Herr Doktor Leon, ich war gewiß fein genug, um Ihnen nicht zu verstehen zu geben, daß eigentlich ich es doch bin, dem Sie Ihre gesicherte Stellung danken. J' Nicht wahr, ich, derselbe, dem Sie selbst an seinem. Einsegnungstag, als er so totunglücklich war, daß er sich am liebsten hätte das Leben nehmen wollen, durchaus zu verstehen geben mußten, daß er doch eigentlich ein Bastard sei und also auch für Gott halb und halb minderwertig. Damals waren Sie noch ziemlich jung und eifervoll. Und vielleicht denken Sie jetzt milder. Ich hab's aber wahrhaftig nicht vergessen. Und wahrhaftig, großer Gott im Himmel, ich habe Dir auch dieses Jahr für Deine Hilfe zu danken. Dafür, daß ich all diese Triumphe erlebe, danke ich Dir von ganzem Herzen und von ganzer Seele!; Solcher Art waren des Don Diego abrechnende Gebete zwischen den hebräischen Worten und Melodien die wenigen Stunden, die er einmal im Jahr im Tempel verbrachte. .Er wußte auch von den vielen Blicken, die auf ihn gingen, ja er fühlte sie geradezu körperlich. Aber das .war ihm selbstverständlich, er achtete gar nicht darauf. Nur einmal schaute er auf zu dem Frauenbalkon, rechts zu der ersten Reihe, ^.nach der Richtung hin, in der Frau Doktor Leon saß, mit ihrer Tochter. Denn er hatte das merkwürdige Gefühl, als ob ihn ein starrer Blick bannte. Und sein kühl musternder Blick begegnete wirklich einem seltsam glanzweiten — aus dunklen Mädchenaugen. Der wandte sich nicht, als seiner mit kühlem Wägen kam, gleich als ob er keine Kraft hätte, sich zu wenden. Nein er hatte heiße Arme, die willenlos sich um ihn schlangen. Don Diego zuckte zusammen bei diesem Blick. Ah, wer war diese schöne Kleine! Neben, dicht neben Frau Doktor Leon, die er doch noch gut kannte, wie sie eine ganz junge Frau war. Etwa die Nabbinerstochter? Das war kein Blick wie der der anderen: voll Neugier, voll Begehrlichkeit voll lüsternen Interesses.... „Bet', Recha, bet'!" sagte Frau Doktor Leon, die der Tochter hiniräumenden Glanzblick gewahrte. . Und Recha bebte zusammen und betete. Aber es war dieses Beten nur wie ein fernes Lied, das sich in ein Murmeln von Worten fängt und singt und singt... Irgend etwas singt es mit einer unerfaßten Süße: von dunklen, jäh aufleuchtenden Weiten. und hat ein wildes Locken in jedem ungesungenen Ton. Es war das seltsame unverstandene Lied, das ihren Blick immer wieder leitete zu dem Platz, auf dem der Don Diego saß, als wie in jene dunklen aufleuchtenden Weiten, daher das Lied Klang und Sinn und aufbrausenden Rhythmus nehmen könnte. Und in der Tiefe des Blicks schluchzte ein Sehnen, daß die Augen wie von Tränen leuchteten. „Bet', Recha, bet'!" sagte wieder Frau Doktor Leon. Da schluchzte das Sehnen in alle Gebete hinein, daß sie so inbrünstig wurden, wie nie des Vorbeters auf- und abschwellender Gesang werden konnte... Nach einer Weile aber hallte langsam verklingend des Rabbiners Wort auf: „Andächtige Gemeinde!" ... Und als dieser geendet, erhob sich Don Diego von seinem Zwölshundertmark-Sitz und ging hinaus. Seine Schritte aber waren ganz ohne Andacht. Fest mußten sie wieder sein und trotzig, damit sie nicht unsicher wurden von all den Blicken, die über ihn wieder herfielen. Nur als der Tempeldiener am Ausgang seine demütige Verbeugung machte, zögerte sein Schritt und sein Blick schnellte noch einmal zu dem Frauenbalkon hinüber, rechts nach der ersten Reihe. Da fühlte er noch einmal das Leuchten aus dunklen Mädchenaugen. Und auch der zögernde Fuß triumphierte mit einem noch trotzigeren Aufsetzen beim Hinäusschreiten. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Homiletische Essays üb er zeitgemäße Fragen zu allen Wochenab'schnitten des. Jahres von Dr. Felix Kanter. Rabbiner in Zittau. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. 1910. Der Verfasser steht wohl auf konservativem Standpunkte, doch wird jeder seine Essays mit Nutzen und Interesse lesen. Dr. Kanter hat eine ganz originelle.Art sowohl in bezug aufAuswahl passender, jede