Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228933--66606-3278751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

und Stipendien -rauchte, hob wahrhaftig den Kopf , und sah nach dem Himmel, ob nicht ein Blitz herniederführe und diesen herausfordernden Frevler, der ein Jude sein wollte, auf der Stelle träfe. Doch, da er gerade nahe an der Eingangstür war, weil sein Gewissen ihn wieder in den Tempel hineintrieb, machte er., dem Don Diego Raphael selbst die Tür auf und ließ ihm den 'Vortritt. ' Nur sträubte sich sein gerechter und sozialer Sinn gegen die demütige Verbeugung, die der Tempeldienex, der„Schammes" am Eingang machte, trotz Totenhemd und Gebetmantel. Aber der „Schammes" wiederum wußte, daß der Platz oben in der vordersten Reihe, auf den der Herr Grafschafts- Lesitzer zuschritt, freiwillig mit zwölfhundert Mark bezahlt war, obgleich er nur zwanzig in der kleinen Gemeinde kostete und ihm allein seinen festen kärglichen Gehalt sicherte. Und des kleinen Abraham Lewin vorwurfsvoller Blick, der so voll wichtiger und eifernder Frömmigkeit war, verlor sich wie ein zur Seite gedrängter Bettler unter all den vielen Blicken, die mit einem schnell sich ausbreitenden Ruck nach der Sensation dieser fremdartig vertrauten Erscheinung griffen. Sie fielen über sie her, diese Blicke. Sie machten richtig einen Ueberfall, eine Angriffsschlacht. War es nicht ein Kugelblitz, der aus den Augen des armen Isaak Levy herüberschoß, gerade, während er mit den Armen zum Himmel rang,- als könnte er ganz wirklich den lieben Gott bei den Füßen fassen, sobald er sich nur noch ein wenig höher streckte. Und wie ein blanker Säbelhieb fuhr ein anderer auf den achtlosen Don Diego hernieder. Ha, schrie ein dritter Blick durch die lautlose Erregung wie einen erneuten Kampfruf: Ist er nicht wieder großprotzig und sündhaft an diesem heiligen Tage mit seinen Pferden vorgefahren! Genau wie im vorigen Jahre, dieser „Mamser", dieser Bastard, dieser Sohn der frechen Milchfrautochter! — Pah, machte ein anderer Blrck und würgte ihn mit der kühlen Lässigkeit eines indianischen Lassoschwungs. Pah, dieser Don Diego Raphael und Besitzer der großen Grafschaft Lupkdwitz, Hab' ich ihn nicht gekannt als denkleinen herumgestoßenen Josephche Raphael, der seiner Mutter Namen tragen' muß, weil er nicht weiß seines Vaters Namen. Pah, machte dieser Blick des wohlhabenden Kaufmanns Leiser jedesmal, wenn er des Don Diego ansichtig wurde, nur „Pah"... Und es schossen Blicke volleingeborenen Haffes, mehr noch solche voll heimlichen Neides, voll Furcht, ja auch voll scheuer uneingestandener Ehrfurcht erregt hin und her, verständigten sich untereinander, nickten einander zu, trennten sich wieder, um im großen versteckten Bogen herumzukriechen und sich bei dem gemeinsamen Angriffspunkt zu treffen. Doch des Gemeindevorstehers Silbermann Blick rollte aus den runden Aeugelchen, wie ein behaglich beleibter Hauptmann auf einem dicken, schnaufenden Pferde übers lustige Schlachtfeld schießt, über alle hin und sagte mit gutmütiger Sachlichkeit, genau wie auch manchmal seine Stimme in der erregten Gemeindeversammlung sprach: Woßu die Gehässigkeit; Wißt Ihr nicht, daß der Don Diego Raphael vier Fünftel der gesamten Gemeindekosten trägt und noch mehr tragen könnte, wenn er dazu Lust bekommt! Müßt Ihr nicht Gott danken, daß er gekommen ist aus Buenos Aires, wo er hat die vielen Millionen verdient und in Mexiko und ich weiß sonst noch wo und hat gekauft die pleite-gegangene Grafschaft und sich niedergelassen hat als Gemeindemitglied seiner Heimatstadt; Hä, stiftet er nicht genug! Hättet Ihr etwa weiter Euren Rabbiner halten können, nachdem der reiche Aronsohn fortgezogen war, wenn er nicht gekommen wär? zum Glück im vorigen Sommer. Geht's also Euch was an, ob er fromm ist oder nicht und was er alles tut! Ich bitt' mer aus, daß man ihn behandelt mit Achtung, wenn er das eine Mal im Jahr kommt in die Synagoge auf seinen teuren Platz. Er hat Euch nicht nötig und kann gehen, wohin er will, aber Ihr ihn! Also sprach -des Gemeindevorstehers ^Silbermann Blick mit ruhiger und beruhigender Sachlichkeit, genau so wie seine Stimme manchmal in der erregten Gemeindeversammlung sprach. ... * Und jeder schien zu verstehen, was dieserHauptmannsblick lagte. Denn die Erregung der Angrifssschlacht schien sich zu legen. Und man hörte wieder deutlicher als vorher den auf- und abschwellenden inbrünstigen Gesang des Vorbeters und die leise und fast traurige Monotonie der von allen mitgemurmelten Gebete, wie einen Ruf des Friedens .. . Aus dem Hintergründe aber, aus dem Hintergründe der Frauenbalkone eilten jetzt freier als zuerst die Blicke der jungen Mädchen und der ganz jungen Frauen herbei wie Samariterinnen. Und sie gingen sacht und mit vorsichtiger Neugier um die hochgewachsene, trotzig aufrechte Gestalt des Don Diego herum. Und sie streichelten ihn mit hastiger Scheu und schneller Wendung. Und trösteten ihn über die Unbill, die er erfuhr, ohne daß er es merkte. Einer suchte' seine Augen, die immer solch etwas Wildes hatten, was erschauern machte, einen Glanz von unerhörten Abenteuern... Einer glitt über den scharfen markanten Bogen des Profils: die kurze stämmige Stirn, die adlerhaft ausbuchtende Nase, diese stolz auswuchtenden Lippen eines kulturlosen Eroberers. Einer glättete das Haar des elegant gestutzten Kinn- und Lippenbartes, dieses Haar, von dem nur ein geschärfter Mädchenblick wissen konnte, ob es schwarz war oder blauschwarz, so unausstehlich blinkte es, wie ganz tiefblauer Stahl. Aber die Mädchenblicke erforschten alles, bis auf die Kleider, bis auf die Schuhe. Und sie waren wirklich wie barmherzige Schwestern, wie allzu barmherzige Krankenschwestern, die nun einmal die Zeit wissen, da sie mit. einem alles tun dürfen. Fuhr oder ritt der Don Diego nicht sonst immer wie ein Teufel durch die kleine Provinzstadt, wie ein schwarzer Kavalier! Kaum, daß man ihn vom Fenster oder von der Straße erhaschen konnte, war er schon wieder vorbei. Und dann hatte er so oft Damen bei sich im Wagen, solche Damen mit großen Hüten und Seidenmänteln, o gewiß „solche Damen vom Theater". Und immer neue Damen. Und was für tolle Feste er feiern sollte dort weit draußen auf dem alten Grafenschlosse! Wilde Dinge erzählte man sich davon. Und wieviel kühne Abenteuer und Gefahren er in dem fernen Mexiko und in Südamerika und wo er nur überall war — bestanden haben mußte. Dabei war er doch eigentlich noch gar nicht alt, nein, gewiß nicht. Florchen Cohn schätzte auf Mitte Dreißig und Martha Leiser wußte von ihrem Vater sogar ganz genau, daß er etwa 36 Jahre alt sein mußte. Denn er sei schon als, 14jähriger Junge in die Fremde verschwunden. Ueberhaupt: was für ein abenteuerlicher, seltsamer Mensch das war! So ganz anders. Wie allzu barmherzige Samariterinnen gingen die Mädchenblicke. Und des Kantors inbrünstiger Gesang war bei diesem Psalm wie - eine Sehnsucht nach Gott. Und die Sehnsucht zitterte nach in der anschwellenden Monotonie der gemurmelten Gebete. Don Diego Raphael aber saß auf seinem Zwölfhundertmark-Sitz und hatte keine Sehnsucht nach Gott. Er rechnete mit Gott ab, einmal in jedem Jahre, kühl und nur manchmal

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.