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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
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Rücksicht zu nehmen. Es soll hier keineswegs bezweifelt werden, daß die Konfessionsschule nicht auch den Geist der Duldung und gegenseitigen Achtung pflegen könne. Das aber wird zugegeben werden müsien: ein einseitig und engherzig veranlagter Lehrer kann' eine Saat ausstreuen, die Haß und Zwietracht zur Reife bringt. In der Simultanfchule hingegen muß sich der Lehrer stets der Objektivität befleißigen. Denn vor ihm sitzen Kinder aus den verschiedensten Anschauungskreisen, die nicht verletzt werden dürfen. Kommt es ja ab und zu vor, daß Lehrer — meistens infolge fälschlicher Auffassung seiner Worte durch die Schüler — wegen Verletzung des religiösen Gefühls der Kinder von den Eltern bei der Schulleitung verklagt oder in der Politischen Presse angegriffen werden. Der Unterrichtsstoff muß darum so ausgewählt werden, daß er gegen die religiösen Anschauungen keinesteils verstößt. Stoffe, die diesem Grundsätze widersprechen, sind dem speziellen Religionsunterricht zuzuweisen. Jener bekannte Erlaß des preußischen Kultusministers, nach welchem ein jüdischer Lehrer in der gemischten Schule über die Ausbreitung des Christentums, die Kreuzzüge, Reformation und anderes nicht unterrichten darf, ist für unsere Simultanschule unnötig. Wir sehen genannte Begebenheiten als kulturelle Erscheinungen an, behandeln sie als solche in der Geschichtsstunde und überlassen ihre religiös-dogmatische Seite ^dem Religionslehrer. So will es der badische Unterrichtsplan. Und warum sollte der jüdische Lehrer diese Kapitel nicht auch behandeln können? Ersteht über den Parteien und kann darum objektiver als der für eine bestimmte Richtung Voreingenommene Licht und Schatten verteilen. Diese Kapitel werden hierzulande alljährlich von jüdischen Lehrern dargeboten, und noch nie ist eine Klage darüber laut geworden. Die in der Simultanschule eingesührten Lehrbücher dürfen aber auch für keinen Teil Verletzendes enthalten. Die Grenzlinie ist hier allerdings schwer zu ziehen. Gegen feststehende Tatsachen, mögen sie auch eine Gruppe unangenehm berühren, wird wohl nichts eingewendet werden können. Der überzeugteste Katholik wird z. V. zugebcn müssen, daß Mißstände in der Kirche zur Reformation sührten. So werden auch wir Juden, wie nachfolgendes Exempel belehrt, manches einräumen müssen, was an sich nicht zu unserem Vorteile gereicht. In Norddeutschland ist das bei Velhagen und Klasing verlegte „Realienbuch" von Kahnmeyer und Schulze in vielen Schulen eingesührt. In Ausgabe A Nr. 1 (21.—26. Auflage), die speziell für Simultanschulen eingerichtet ist. findet sich auf Seite 51 .(Abt. 1) unter dem Kapitel „Städte im Mittelalter" ein kurzer Abschnitt über die Juden. Es heißt da: „Die Juden waren von den Zünften und Kaufmannsgilden ausgeschlossen. Sie wurden als Geldwechsler und Geldverleiher reich. Den Christen war das Zinsnehmen von der Kirche als Wucher verboten. Die Juden aber nahmen für größere Darlehen bis 331/3%, für kleinere sogar bis 431/3n/0. Wer in ihre Hände fiel, kam oft um Haus und Habe, Kriegführenden Fürsten schossen sie häufig das nötige Geld vor und bekamen dafür Schutz und mancherlei Vorrechte. Von Zeit zu Zeit machte sich der Haß gegen die Juden, denen man törichterweise auch die Schuld an manchem Volksunglück zuschob, in furchtbaren Verfolgungen Luft. So wurden in Basel die Juden nach der Weihnacht 1348 in ein hölzern Häuslein zusammen geschlossen und jämmerlich im Rauch erstickt. In demselben Jahre wurden zu Straßburg auf einem hölzernen Gerüst 2000 Juden verbrannt." Wie so oft bei Urteilen über Juden ist auch hier Richtiges mit Unzutreffendem vermischt und Wesentliches einfach weggelassen. So fehlt zunächst, daß die Juden keinen Ackerbau treiben durften, und daß sie zum Hausier- und Wechselgeschäft gedrängt wurden. Der zweite Satz gibt eine Verallgemeinerung, die nicht zutrifft. Vor mir liegt Lewins „Geschichte der badischen Juden", die amtliche Berichte aus dem XVIII.Jahrhundert enthält, welche wiederholt auf die große Armut der meisten Juden Hinweisen. Und so wird es zu allen Zeiten . gewesen sein. Daß die Juden im Mittelalter hohe Zinsen nahmen, wird keiner von uns ableugnen wollen. Die Verfasser hätten aber auch die unsicheren Zeitverhältnisse und den Umstand erwähnen müffen, daß der Jude einen großen Teil der Wucherzinsen seinem Schutzherrn abliefern mußte. Die vielen Abgaben, die die Juden in jeder Form und unter jeglichem Vorwände zu zahlen hatten, so daß Lewin sagen kann, der Jude wurde lediglich als Besteuerungsobjekt angesehen, werden einfach übergangen. Der folgende Satz enthält wiederum eine Verallgemeinerung, die als solche gehässig wirken muß. Welch besonderer Schutz und welches Vorrecht den Juden als Gläubiger der Fürsten wurde, wird nicht erzählt. Den Verfassern dürfte das auch schwer fallen. Öder sollen die Privilegien darin bestehen, daß man die Juden in die engen Ghettos einsperrte, sie durch Zwang zum Tragen besonderer Abzeichen dem Gespülte preisgab, sie nach Willkür von Haus und Hof verjagte oder zu Tausenden hinmorden ließ, wie die Verfasser am Schluffe berichten? (Fortsetzung folgt.). Die Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. I. mit drei Rappen, nach russischer Art einzeln hintereinander gespannt, kam er am Versöhnungstag im scharfen Trab vor beu Tempel gefahren, als ob der Teufel zum Gottesdienst gehen wollte. -Und der Don Diego Raphael sprang vom Sitze des Cab, daß es ehrfurchtsvoll zitterte. Und die leicht rhythmisierte Geste, mit der er dem Mulatten in diesem scharfen eleganten Sprunge die Zügel zuwarf, bedeutete zugleich — doch ihm wunderbar unbewußt, daß er bereit wäre, den lieben Gott in Audienz zu empfangen. Nicht anders war sein Schritt, der den kleinen Vorgarten bis zur Eingangstür durchmaß: fest, trotzig, von einem wilden, heimlich verbitterten Trotz und selbstsicher, übermäßig selbstsicher, als gälte es immer etwas noch ganz besonders zu betonen. So: jeder Schritt bedrohte jeden Zweifler und Angreifer mit eine m Fußtritt. Die kleinen Jungen und Mädchen, die im Vorgarten herumstanden, alle so merkwürdig feierlich aussahen und nicht recht wußten, was sie anfangen sollten, fegte sein Erscheinen auf einen wirren Haufen zusammen wie des Adlers Nahen einen Schwarm Tauben. Und es war eine große Scheu in ihnen, fast eine heimliche Angst. Keiner wagte zu grüßen. Nur die kleine, zwölfjährige Grete mit den funkelnden Frauenaugen im Kindergesicht machte einen hastigen Kn ix. Wei* er doch solch ein schöner und großer Herr sei, wie sie nachher zur Entschuldigung sagte. Aber der eben eingesegnete Abraham Lewin, der immer am wichtigsten tat und so schrecklich fromm war, weil er doch Rabbiner werden wollte

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