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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 UM den Fes, nicht selten auch ein am grünen Turban kenntlicher Abkömmling des Propheten — unter letzteren biele sehr ärmlich gekleidet — dazu katholische, griechische, armenischunierte und armenisch-nichtunierte Popen, Perser mit Lammfellmützen, sehnige Wüstenaraber — diese alle fallen dem Beschauer sofort auf. Aber einen Juden von einem Reformtürken, einem Griechen, einem Armenier oder einem Levantiner zu unterscheiden, das wollte mir nicht gelingen. Alle diese gehen alla franca gekleidet, d. h. sie tragen europäische Kleider und dazu auf dem Haupte den roten Fes, den schon Sultan Mahmud (der Reformer) nach der Ermordung der Janitscharen 1826 allen seinen Untertanen ohne Unterschied des Bekenntnisses auszusetzen gestattet hat. Fast alle sehen sie „jüdisch" aus, d. h. wenn man sie in Berlin oder Breslau sehen würde, würde man sie für Glaubensgenossen halten. Aber wenn ich meinen Dragoman mit Bezug auf irgendeinen uns begegnenden Herrn fragte: „Dieser ist doch wohl ein Spaniole?" — so antwortete er ganz bestimmt: „Nein, das ist ein Italiener — oder ein Armenier" usw. Er gab mir übrigens die Versicherung, daß, wenn man längere Zeit in Konstantinopel verbleibt, man die Nationalitäten sehr wohl unterscheiden lernt. Auch die jüdischen Damen waren nicht herauszuerkennen, während wir vor sechs Jahren in Sarajewo die Spaniolinnen an einem eigentümlichen Käppchen, das mich an mein Heidelberger Zerevis erinnerte, und vor vier Jahren in Tanger die spaniolischen Männer und Frauen an ihrer Nationaltracht sofort erkannt hatten. Auch die Firmenschilder der Geschäfte geben keinen sicheren Aufschluß, da häufig hebräische, griechische, armenische und türkische Aufschriften denselben Laden zierten. Einige Geschäfte mit zweifellos jüdischen Namen fanden wir auch am Sonnabend geöffnet. Ich wollte natürlich den Sabbat nicht vorübergehen lassen, ohne die Synagoge zu besuchen. Auf dem Stadtplan hatte ich deren drei entdeckt. Als ich meinen Dragoman anwies, uns dorthin zu führen — ich hielt ihn selbst auch für einen Sohn unseres Stammes, konnte aber keine positive Gewißheit darüber erlangen — sagte er mir, daß die eine „spauiolisch", die zweite „italienisch-spaniolifch", die dritte „österreichisch" sei. Ich verlangte natürlich nach der ersten geführt zu werden, weil ich dort den fremdartigsten Eindruck erwartete. Den fand ich denn auch insofern, als das Gotteshaus mit Männern und Knaben gefüllt war, die alle roten Fes und weißen Thallis trugen — ein Anblick, der einen Maler hätte entzücken müssen. Man war bei der Thora-Vorlesung; es ging sehr schnell -- geradezu stürmisch — vorwärts, aber im Ritus war nichts, was sich vom orthodoxen in Westeuropa sehr stark unterschieden hätte. Ich wünschte daher noch die „italienische" Synagoge zu sehen, von welcher der Führer behauptete, daß sie prächtiger gebaut sei und auch die reichsten Mitglieder habe. Wir kamen um 101/2 Uhr vormittags dort an — aber es war alles streng geschlossen. — Selbst kein Synagogendiener oder Torwächter war aufzufinden. Hier möchte ich meinen früheren Brief aus Korfu dahin ergänzen, daß dort der Schammes einen breiten Gürtel trug, aus welchem sein Amt mit drei gestickten schönen Quadratschriftbuchstaben ausgezeichnet war. Auch in dem auf der asiatischen Seite des Marmara- Meeres gelegenen Brussa hob sich das jüdische Element nicht besonders hervor, obgleich der Stadtplan im Baedecker ein „jüdisches Viertel" ausweist, und der Text bemerkt, daß die Stadt „Sitz eines Rabbi" sei. Die Alliance-Schule entdeckten wir am Schluß unseres Aufenthalts. Die Knaben, die aus derselben kamen, grüßten uns sehr höflich mit „bonjour, monsieur, onjour, madame", aber ich konnte keinen bewegen, feine Schulmappe zu öffnen und zu zeigen, was er gelernt. Zu einem Besuch blieb uns keine Zeit. Bekanntlich steht seit vorigem Jahr das türkische Reich unter dem Zeichen der Freiheit und Gleichheit. Es ist rührend, zu sehen, welche rosige Zukunft sich die Bevölkerung von der „Konstitution" verspricht. In der Tat muß die Tyrannei unter Abdul-Hamid zuletzt unerträglich gewesen sein. Jetzt kann der Fremde ungestört die heiligsten Orte (z. B. die Ejub-Moschee) besuchen, die bis vor sechs Monaten keines Ungläubigen Fuß betreten durste. Ein Ausfluß dieser Gleichberechtigung ist auch die Rekrutierung von Juden und Christen während bisher die türkische Armee nur aus Muselmanen bestand. Die Rekruten sollen seit zwei Monaten eingestellt sein. In einer Konstantinopolitaner Zeitung las ich die Aufforderung des Vorstandes der Aschkenasischen Gemeinde, daß die Mitglieder gewisser Jahrgänge sich behufs Musterung versammeln sollten. Bei uns ist der Zusammenhang zwischen Synagoge und Armee ja leider kein so enger. Aber ich entsann mich doch mit Rührung, daß ich vor langen Jahren als Erster Garde-Dragoner in der Oranienburger Straße von dem Rabbiner — ich glaube, es war Abraham Geiger — eine Anrede über die Bedeutung des Fahneneides gehört habe, und es fielen mir sogar die Worte ein, mit denen der Wachtmeister, der uns dahin kommandierte, den Garnisonbefehl eingeschärst hatte: „Einjähriger Minden! Vergessen Sie nicht an der Sy-anoje!" Doch revelionZ ä nos moulons de Byzance! Im türkischen Heere sollen fortan die Muselmanen am Freitag, die Juden am Sonnabend, die Christen am Sonntag dienstfrei bleiben. Wer Soldat gewesen, wird sich schon bei dieser Vorschrift fragen: „Wie ist das durchzuführen?" Wenn man aber bedenkt, daß der Islam die „Religion des Schwertes" ist, daß demjenigen, der für die Religion gekämpft, das Paradies sicher ist, daß er an der einzigen Haarlocke, die er an dem sonst rasierten Schädel stehen läßt, vom Erzengel dorthin gezogen wird und in Gemeinschaft der bildschönen und liebenswürdigen Huris unsterbliche Wonnen genießt, daß endlich auf diesem Glauben zum guten Teil die Tapferkeit des türkischen Heeres beruht, so wird man doch fragen: „Wird dies Fundament auch noch festhalten, wenn der Türke mit jüdischen und christlichen Kameraden zusammen dient, die entweder gar nicht in das mohammedanische Paradies kommen oder doch jedenfalls ihre Ehefrauen mitbringen wollen?" Aber ich will hierauf keine Antwort versuchen. Jedenfalls ist das Rätsel, das sich „orientalische Frage" nennt, noch lange nicht gelöst. Ich möchte noch erwähnen, daß in dem prachtvollen Museum, dessen genialer Leiter Hamdi Bei vor wenigen Monaten verstorben ist, sich neben herrlichen griechischen, römischen und anderen Altertümern auch jüdische Inschriften befinden, die eine, hebräisch, eine Wasserleitung vom Siloah-Teiche in der Nähe von Jerusalem betreffend; die andere, in griechischer Sprache, aus der Umfassungsmauer des Tempels zu Jerusalem bedroht jeden Fremden, der den Platz betrete mit dem Tode. Am Phanar, dem Sitze des griechischen Patriarchen, befindet sich die Kirche des heiligen Georg. In dieser liegt in einem kostbaren offenen Sarge die Mumie der Mutter der Makkabäer, hier Solomini genannt. Auch in Hellas waren wir ünerwarteterweise auf jüdische Altertümer gestoßen. Bei den von den Ancerikanern geleiteten Ausgrabungen im alten Korinth befindet sich ein kleines Museum, und der Phylax (Wächter) desselben zeigte uns einen Marmorkops von sehr charakteristischen, etwas eifervoll aussehenden Zügen, mit der

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