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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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für einen antisemitischen Führer abgegeben zu haben. Das war der Wählerschaft, die zu 70 Prozent aus Juden bestand, doch zu starker Tabak. Sie hatte treu alle Schlachten der liberalen Partei mitgeschlagen, trotz der schwankenden Haltung, welche diesePartei in den letzten Jahren der Judenfrage gegenüber eingenommen, trotz deren allmählicher Umbildung aus einer freiheitlichen in eine rein nationale Partei. Die jüdischen Wähler hatten nie einen Unterschied zwischen Juden und Christen gemacht, sondern immer nur nach der Ehrlichkeit der Ueberzeugung gefragt. Die Zumutung aber, Deserteure zu Offizieren zu machen, Leuten ihr Vertrauen zuzuwenden, die mitten im Kampfe die Fahne im Stich gelassen hatten, wiesen sie entrüstet zurück. Innerhalb 24 Stunden bildete sich ein neues Wahlkomitee, welches drei neue Kandidaten, einen Christen und zwei Juden aufstellte, und diese Lifte errang eine Zweidrittelmajorität. Das war die letzte Auseinandersetzung, welche die Juden mit der deutsch-liberalen Partei zu pflegen hatten. Zwei Jahrzehnte hindurch haben sie diese Partei unausgesetzt aber vergeblich an die Pflicht gemahnt, das von ihr selbst geschaffene kostbare Prinzip der konfessionellen Gleichberechtigung nicht preiszugeben. Schritt für Schritt haben sich die Deutsch-Liberalen von ihrem freiheitlichen Programm abdrängen lassen und ihr einstiger Führer, Herr v. Plener selbst war es, der von den jüdischen Bewerbern um Staatsanstellungen dieTaufe verlangt hatte. Heute ist diese einst so mächtige Partei zerrieben, die österreichische Judenschaft aber steht aufrecht und sie hat sich unter dem Zwange der Verhältnisse aus eigenster Kraft so tüchtig organisiert, daß in den politischen und nationalen Kämpfen von Freund und Feind bereits um ihre Stimme geworben wird. Die liberale Partei ist gewesen, die Grundsätze des Liberalismus aber haben in den Reihen der österreichischen Juden eine bleibende Heimstätte gefunden. Ein österreichisches Spezifikum ist die jüdisch-nationale Partei, die sich aus der zionistischen Bewegung herausgebildet hat. Angesichts der Tatsache, daß in diesem Staate alle politischen Parteikämpfe einen nationalen Einschlag gewinnen, ist es begreiflich, daß die jüngere Generation der Juden von der Anerkennung einer eigenen jüdischen Nationalität auch die Anerkennung und Sicherung der bedrohten staatsbürgerlichen Gleichheit erhoffte. Sie wurde in dieser Hoffnung bestärkt, als bei den letzten Reichsratswahlen durch eine ganz eigenartige Verzwicktheit der galizischen Wahlordnung zwei jüdisch-nationale Abgeordnete, die Herren Dr. Mahler und Dr. Gabel/mit Hilfe der ruthenischen Bauern ins Parlament gelangten und hier mit dem zionistischen Abgeordneten Stand und dem Vertreter eines vorwiegend jüdischen Wahlkreises in Czernowitz, Dr. Straucher, einen „JüdischenKlub" bildeten. Der Wahrheit die Ehre — die Mitglieder des „Jüdischen. Klubs" haben wiederholt und mit dankenswerter Energie Angriffe auf Ehre und Rechte der Juden von der parlamentarischen Tribüne zurückgewiesen. Ihr Auftreten steht in wohltuendem Gegensätze zu der Reserve, welche sich die vier jüdischen Mitglieder des Polenklubs, die Herren Dr. Löwenstein, Dr. Gold, Galt und Dr. Kolischer, durch den Klubzwang gebunden, in allen das Judentum berührenden Fragen auferlegen müssen. Aber ebenso wahrheitsgemäß muß konstatiert werden, daß die von der jüdischen Wählerschaft Wiens ins Parlament entsendeten Juden Kur an da und Dr. Ofner den Jüdisch-Nationalen in der mutigen Abwehr antisemitischer Angriffe und in der wirksamen Vertretung jüdischer Interessen nicht nachgestanden sind. Diese Artikelreihe verfolgt nicht den Zweck einer politischen Propaganda, sondern lediglich den Zweck einer Schilderung tatsächlicher Verhältnisse. Ich betrachte es daher auch nicht als meine Aufgabe, an dieser Stelle für oder gegen die jüdisch-nationale Pavtei Stellung zu nehmen. Aber vor einer Gefahr, welche das nationale Prinzip in Oesterreich mit sich bringt, muß ich doch meine warnende Stimme erheben. Aller Kampf der Nationalitäten ist darauf gerichtet, in einem der Kopfzahl der Bevölkerung entsprechenden Prozentsätze auf allen Gebieten des Staatslebens sich durchzusetzen. Die Anwendung eines solchen prozentuellen Schlüssels auf die Juden wäre für sie ein namenloses Unglück. Denn es ist klar, daß die Gegner der Juden daraus die äußersten Konsequenzen ziehen und daß dieser Schlüffel auch dort angewendet würde, wo bisher konfessionelle oder nationale Unterschiede nicht gemacht wurden. Schon ist ja vor zwei Jahren von christlich-sozialer Seite der Antrag eingebracht worden, den Zutritt der Juden zu den Mittelschulen zu beschränken. Der Antrag ist mit Hilfe der freiheitlichen Slaven — nicht der Deutschen — niedergestimmt worden. Aber wehe den Juden, wenn sie selbst den bisher eifersüchtig festgehaltenen Standpunkt, als gleichberechtigte Staatsbürger behandelt zu werden, aus Gründen einer derzeit fiktiven Nationalität aufgeben würden. Wir würden zu russischen Zuständen gelangen. Es - ist gar sehr die Frage, ob man uns den prozentuellen Anspach in der politischen Verwaltung, in der Judikatur, im Offizierkorps zugestehen würde. Aber mit Freuden ging man darauf ein, in den Mittelschulen, an den Universitäten, in der Advokatur, in der medizinischen Praxis, im Lehramt und bei den konzessionierten Gewerben, bei der Verleihung von Stipendien und Stiftungen das prozentuelle Verhältnis durchzuführen. Ob daraus ein Gewinn für die Juden resultieren oder ob ein solcher Zustand nicht vielmehr die wirkliche Rückkehr ins Ghetto, den freiwilligen Verzicht auf jede Möglichkeit einer Entwicklung be- . deuten würde, vermag jedermann selbst abzuschätzen. Wir haben 25 Jahre erbittertsten Kampfes einer ungeheuren Mehrheit gegen eine kleine Minderheit ungeschwächt überdauert. Aber was will das besagen? Wir haben den Haß und die Feindseligkeit zweier Jahrtausende überdauert' und die Treue zu uns selbst, die Treue zu den ewigen Grundsätzen der Freiheit, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit haben uns aus allen Nöten siegreich herausgesührt. Wanken und weichen wir auch fernerhin nicht von dem Boden, den unsere Väter erstritten haben, hüten wir uns, aus freiem Willen, auch nur einen einzigen Schritt zurück zu tun, den der müde gewordene Gegner mit Triumph begrüßen würde! So lange wir uns nicht selbst aufgeben, werden wir allen Gewalten zum Trutz uns erhalten! - jöriek aus konltantinopkl. ie Fortsetzung meiner Reise von Korfu durch Griechenland nach der Hauptstadt des konstitutionellen Khalifenreiches lieferte keine so reiche Ausbeute an spezifisch jüdischen Dingen, wie ich sie — besonders hier und in dem kleinasiatischen Brussa — erwartet hatte. Man sieht zwar in Konstantinopel sehr viel Ethnograpisches und hat stets den Gedanken, sich in einem Museum für Völkerkunde zu befinden. Besonders das Gewimmel auf der großen Brücke zwischen Stambul und Galata ist so bunt, daß man sich ungern von seinem Anblick losreißt. Türkinnen in sackartigen, meist schwarzen Gewändern und dichten Schleiern, kurdische Lastträger (Hamals) mit bunten Kopftüchern, mohammedanische Priester mit rotweißen Turbanen, seefahrende Lazen vom Schwarzen Meer mit einer Art von Vaschlik, viele frühere Mekka-Pilger (Hadschis) mit weißen, gelbgemusterten Binden

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