Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 293

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228933--66601-3278746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der soeben den Titel eines Geheimen Justizrats erhalten hat, hinzugefügt werden. Nur in aller Kurze sei daran erinnert, ein wie leuchtendes Beispiel eifervoller und gesegneter Arbeit im Dienste der Allgemeinheit Herr Timendorfer gibt. Es ist aufs höchste zu bewundern, wie dieser in seinem Berufe außerordentlich beschäftigte Mann den jüdischen Angelegenheiten einen großen Teil seiner Kraft widmet. Es ist allgemein bekannt, daß seiner umsichtigen und zielbewußten Leitmrg das Logenwesen in Deutschland seinen großartigen Aufschwung zum Teil zu danken hat, und es ist zu hoffen und zu wünschen, daß unter. seiner Führung die deutsche Alliance die heilbringende Wirksamkeit fortsetze, auf die in diesem Jubeljahre des Weltvereins . in unserem Blatte schon häufig hingewiefen worden ist. L. G; -SM- Die Iudenkrsge in Seltrrreich." Von Siegfried Fleischer. V. Die KückVirkungkn des Nntilemitismus suk die Juden. ^reder länger andauernde Zustand der Gesetzwidrigkeit und Rechtlosigkeit birgt die Gefahr der Gewöhnung an das Unrecht in sich. Mit aufrichtiger Genugtuung dürfen wir konstatieren, daß die österreichische Judenschaft infolge einer Reihe besonderer Umstände dieser Gefahr glücklich entgangen ist. Jede Ehrenkrünkung, jede Beugung oder Verletzung des Gesetzes, jeder einzelne Akt gesellschaftlicher Ausschließung wird in den breiten Schichten unserer Glaubellsbrüder heute noch genau so als brennende Schmach empfunden wie vor 25 Jahren. Es mag vereinzelt Ausnahmen geben, die aus Gründen eines falschverstandenen Ehrgeizes oder geschäftlicher Skrupellosigkeit sich judenfeindlichen Kreisen ausdrängen und Beleidigungen mit knechtischer Demut über sich ergehen lassen-die jüdische Allgemeinheit reagiert nach wie vor mit' gesunder Kraft und unverminderter Energie auf jeden Angriff, auf jeden Versuch einer Herabwürdigung ihrer Ehre und einer Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte. Gewiß hat der antisemitische Geist, der allmählich alle Gebiete des öffentlichen und Privatlebens durchsetzte, ein Zurückdrängen der Juden aus manchen Positionen zur Folge gehabt. Allein die Juden haben keinen Zollbreit Bodens freiwillig ausgegeben. Sie waren die numerisch Schwächeren und mußten demgemäß da und dort weichen, sie hielten sich aber stets an das Wort Franz DeLks, daß Rechte, die man im Kampfe verloren, immer wieder zurückgewonnen werden können, Rechte dagegen, auf die man freiwillig verzichtete, für immer verloren sind. Frühzeitig ist der Widerstand gegen den Antisemitismus organisiert und mit nie erlahmender Wachsamkeit und Schlagfertigkeit geübt worden. Vor wenigen Wochen hat die *) Siehe Nr. 1, 10, 15 und 21 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". wichtigste politische Schutzorganisation, die. „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" ihren 25jährigen Bestand gefeiert und in sämtlichen Reden, die bei diesem Anlasse gewechselt wurden, kehrte neben dem Bedauern darüber, daß in einem Verfassungsstaate eine solche private Rechtsschutzorganisation notwendig ist, der Glückwunsch wieder, daß der Verein sich jung erhalten und verstanden habe, die österreichischen Juden mit dem Geiste mannhafter Selbstwehr zu erfüllen. Eines allerdings ist auch innerhalb dieses sturmbewegten Vierteljahrhunderts leider nicht gelungen: Eine Zusammenfassung aller jüdischen Kultusgemeinden auf gesetzlicher Grundlage und die Schaffung eines mit legaler Autorität ausgestatteten Zentralorgans der österreichischen Judenschaft. Der verewigte Baron Königswarten hat schon vor 20 Jahren im Verein mit dem mährischen Landesrabbiner Dr. Placzeck den Entwurf einer jüdischen Konsistorialverfassung ausgearbeitet und sich im Herrenhause für dessen Verwirklichung eingesetzt- Das Unternehmen scheiterte an dem Widerspruche der Orthodoxen, namentlich der chassidischen Gemeinden Galiziens, und das gleiche Schicksal widerfuhr einem späteren Versuche zur Schaffung eines jüdischen Gemeindebundes. Als vor etwa sechs Jahren der Schreiber dieser Zeilen die Angelegenheit wieder einmal vor dem damaligen Kultusminister Ritter v. Härtel berührte, entgegnete dieser: „Aber bei uns liegt ja schon seit Jahren ein solcher Gesetzentwurf fertig. Von unserer Seite besteht kein Hindernis, bringen Sie nur erst die Juden unter einen Hut." Was in Deutschland leicht gelang, erwies sich in Oesterreich infolge der unüberbrückbaren kulturellen, rituellen und sozialen Gegensätze innerhalb der Judenschaft als unmöglich und wird wohl noch für lange Zeit ein pium äesiäerium bleiben. Wohl wurde statt eines Gemeindebundes ein „Allgemeiner israelitischer Bund" gegründet, dem sowohl Kultusgemeinden als auch Einzelpersonen angehören können; aber diese Körperschaft unterscheidet sich in nichts von einer .gewöhnlichen Vereinsorganisation, da eine gesetzliche obligatorische Verpflichtung zum Beitritt und zur Beitragsleistung aller Gemeinden fehlt. Eine bedauerliche Folgewirkung der Judenhetze ist die Zunahme der Taufbewegung, über die ja auch unsere Glaubensbrüder im Deutschen Reiche begründete Klage führen. Aber diese Bewegung hat nur die oberste und unterste Peripherie der jüdischen Gesellschaft erfaßt, ihren Kern hat sie unberührt gelassen. Wie gesund dieser Kern noch ist und wie seine starke Lebenskraft Faules von sich auszustoßen vermag, beweisen die jüngst durchgeführten Wahlen des ersten Wahlkörpers der Wiener Gemeindevertretung. In der Inneren Stadt, dem Wohnsitze der jüdischen Elite, hatte die altliberale Partei sieben Kandidaten aufgestellt, von denen zwei aus dem Judentums ausgetreten waren, während ein dritter öffentlich zugestehen mußte, bei der letzten Reichsratswahl seine Stimme Geheimer Iustizrat Timenöorfer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.