Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228933--66600-3278745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Domizilbeschränkung der Juden zum eigenen Vorteil ausnutze, indem sie Umgehungen des Gesetzes gestatte. * ' Inzwischen setzt die russische Regierung ihre antisemitischen Maßnahmen gegen die Juden in Kiew unbeirrt fort. Der „Rufs. Korr." wird von dort telegraphiert: »Erbarmungslos sind die Massenausweisungen von Juden aus Kiew zu Ende geführt worden. Mit dem 14. Juni lief auch für die kinderreichsten Familien die Aufschubfrist ab, und so wurden insgesamt tausende, zumeist altangesessene Bürger ins Elend gejagt. Wer von den Ausgewiesenen zum bestimmten Termin nicht freiwillig die Stadt verließ, wurde gewaltsam hinausbefördert. Während des ganzen Ausweisungsmonats wurde die Proskriptionsliste durch immer neue ahnungslose Opfer ergänzt. Viele Hunderte sind völlig ruiniert. Ein ausgewiesenes Mädchen verfiel in Wahnsinn und stürzte sich aus einem Eisenbahnzug. Fortgesetzt reitet aber die Polizei noch weiter in der Umgegend von Kiew, wo sie wilde Razzias vornimmt und viele Juden aus den Vororten verjagt. In dem bei Kiew gelegenen Kurort Darnitza mußten die Heilung oder Erholung suchenden Juden, die sich dort für den Sommer niedergelassen hatten, sich schriftlich verpflichten, den Ort im Laufe von vier Tagen zu verlassen. £ Die Juden haben bei den jüngsten Wahlen in Ungarn sehr schlecht abgeschnitt'n. Während dem vorigen ungarischen Reichstage 24 jüdische Mitglieder angehörten, sind diesmal nur 11 jüdische Abgeordnete gewählt worden. Es sind dies: Dr. Samuel Bakonyi (Debreczen), Baron Julius Beck de Madaras (Mezö-Kaszony), Dr. Philipp Darvai (Szaszsebes), Franz Heltai (Okland), Dr. Alexander Nagy (Nagy-Jda), Dr. Siegmund Nemes (Facset), Dr. Alexander Petö (Budapest III), Ignatz Rosenberg (Hatszeg), Dr. Julius Rosenberg (Abrudbanya), Paul Sandor (Budapest V) und Dr. Wilhelm B az sony i (Budapest V). Aus dem Wahlresultat Schlüsse auf die Stellung des Judentums in Ungarn zu ziehen, wäre verfehlt. Die Minderzahl der Juden im gegenwärtigen Abgeordnetenhause ist, wie die „Wahrheit" die Sachlage beurteilt, einfach damit zu erklären, daß die früheren jüdischen Abgeordneten zumeist der Justh- und Kossuth-Partei angehörten und daher auch von der Niederlage dieser beiden- Parteien stark betroffen wurden. Bon den gewählten jüdischen Abgeordneten gehören acht der Regierungspartei und einer der Justh-Fraktion an, während die restlichen zwei Juden (Petö und Bazsonyi) die „Demokratenpartei" bilden, deren Anhängerschaft sich fast ausschließlich aus Juden zusammensetzt. In einer antisemitischen Zeitung, der „Deutschen Tageszeitung", findet sich folgende, höchst merkwürdige Auseinandersetzung, die, wenn sie zuverlässig ist, die ganze sogenannte Rassentheorie, von der in der letzten Zeit so viel die Rede ist, über den Hausen zu werfen geeignet ist. Die Zeitung berichtet: „Eine anthropologische Entdeckung von fundamentaler Wichtigkeit ist Professor Dr. Franz Boas in New Bork gelungen, der von der Einwanderungskommission der Vereinigten Staaten mit Untersuchungen über die Frage,der Assimilation der Einwanderer betraut worden ist. Er hat sestgestellt, daß der europäische Einwanderer seinen Typus selbst in der ersten Generation fast vollständig wechselt. Hält diese Tatsache der Nachprüfung stand, so wäre damit der schroffste Gegensatz zu den Lehren von der Beständigkeit der Rassen und Schädel geschaffen. Kinder, die wenige Jahre nach der Ankunft ihrer eingewanderten Eltern in Amerika geboren wurden, entwickelten sich, wie Boas nach dem ,-Globus" ermittelt hat, derartig, daß sie im Typus wesentlich von ihren in der Fremde geborenen Eltern abweichen. Die Unterschiede scheinen sich in der frühesten Kindheit zu entwickeln und durch das Leben anzudauern. Es scheint, als ob jeder Körperteil solchergestalt beeinflußt ist, und selbst die Kopfform, welche die beständigsten erblichen Formen zeigt, unterliegt beträchtlichen Veränderungen. Die Wichtigkeit dieses völlig unerwarteten Ergebnisses liegt in der Tatsache, daß selbst jene Charakteristiken, welche die moderne Wissenschaft als die beständigste ansieht, unter den Einfluß des neuen Lebensraumes einem Wechsel unterworfen sind. Die physischen Rassenkennzeichen dauern in der neuen sozialen und klimatischen Umgebung Amerikas nicht aus. Der von Professor Boas mit zahlreichen Maßtabellen, Diagrammen usw, ausgestattete. Bericht bezieht sich auf osteuropäische Juden und Sizilianer. Er sucht folgende Fragen zu lösen: ist der Wechsel im Entwicklungstypus des Einwanderers und seiner Nachkommen abhängig von der Uebersiedlung aus seiner heimischen Umgebung zu den überfüllten Teilen von New Bork und besteht ein Typusunterschied zwischen einem in Amerika geborenen erwachsenen Nachkommen eines Einwanderers und einem frisch Eingewanderten. Boas faßt seine Ergebnisse dahin zusammen, daß die Schädelform, die man bisher als einen der beständigsten Kennzeichen der Menschenrassen ansah, durch die Uebersiedlung der Rassen von Europa nach Amerika weitgehenden Aenderungen unterliege. Der osteuropäische Jude, der einen sehr runden Schädel besitzt, wird langköpfiger, der Süditaliener, der in der Heimat einen außerordentlich langen Schädel hat, wird kurzköpfiger, so daß beide in Amerika sich, was die Rnndköpfigkeit des Schädels betrifft, einem einförmigen Typus nähern. Wenn aber solche Körpermerkmale, die als die permanentesten in der alten Heimat gelten, sich ändern, so dürfen wir annehmen, daß alle körperlichen und geistigen Eigenschaften der Einwanderer sich ändern werden. In den letzten Worten ist wohl freilich ein willkürlicher Zusatz des Blattes zu erkennen. Der gelehrte Professor schreibt gewiß nur von physischen Eigenschaften und will gewiß nicht dartun, daß geistige und sittliche Eigenschaften damit gemeint sind. Die antisemitische Zeitung möchte gern als erwiesen annehmen, daß auch die letzteren, und damit die Anhänglichkeit der Einwanderer an das Judentum, mit dem Betreten der neuen Heimat schwindet. Das ist, wie man weiß, ein frommer Betrug, denn gerade die amerikanischen Juden haben, wenn sie auch äußerlich ihren neuen Heimatsgenossen ähnlich werden, ihre Glaubenstreue aufs schönste bewahrt. Das Judentum der Zukunft setzt auf die amerikanischen Bekenner die größte Hoffnung und hegt zu ihnen das stärkste Vertrauen. Geheimer Iulti?rat Timendorker. c6 bin am 1. September 1853 zu Rosdzin, Kreis Kattowitz, O.-S. geboren. Dort habe ich bis zu meinem 13. Lebensjahr die von meinem Vater begründete jüdische Privatschule besucht. Im Jahre 1873 habe ich in Ratibor das Abiturientenexamen gemacht, im Jahre 1877 in Berlin das Referendarexamen und ebendaselbst im Jahre 1882 das Assessorexamen. Seit dieser Zeit bin ich ununterbrochen in Berlin als Anwalt tätig. Im Jahre 1898 bin ich zum Notar ernannt. Seit dem März 1898 bin ich Präsident der Großloge für Deutschland VIII des U. O. B. B., seit Februar 1905 Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, seit einigen Jahren stellvertretender Vorsitzender des Hilfsverein der Deutschen Juden und seit dem März d. I. Präsident der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Israelite Universelle“. Den vorstehenden kurzen autobiographischen Mitteilungen soll keine ausführliche Belobigung des verdienten Mannes,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.