Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · p. Seite 291

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228933--66599-3278744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Nachrichten über die Lage der russischen Juden lauten fortgesetzt traurig; eine allgemeine Betrachtung, wie sie vor kurzem die „Frankfurter Zeitung" gebracht hat, ist durch ihre Entschiedenheit und würdige Sachlichkeit wohl wert, auch an dieser Stelle mitgeteilt zu werdend Wer mit einem Russen über sein Vaterland, über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Hundertfünfzigmillionenreiches jemals gesprochen hat, wird oft die stolze, selbstsichere Behauptung vernommen haben, daß Rußland einmalig ist, unerkennbar durch Analogieschlüsse für den Westeuropäer, als Staat und Volk noch niemals dagewesen und nimmer wiederkehrend. In dieser Auffassung ihres Vaterlandes sind sich fast alle Russen einig, mögen sie die unumschränkte Herrschaft des Zaren als höchstes Gut des Reiches verteidigen oder die weitgehendste Volksherrschast zum Wohle des Landes fordern. Mag mancher Russe auch von der heutigen „Einmaligkeit" Rußlands mit stiller Wehmut oder offener Wut sprechen, auch mit seinem reaktionärsten innerpolitischen Gegner verbindet ihn doch der gemeinsame Glaube an Rußlands historische Mission, an seine Zukunft, deren Glanz alle anderen Völker einst überstrahlen soll. In diesem stolzen Staatsbewußtsein, in diesem unverwüstlichen Optimismus, der sich nur leider auf Chauvinismus reimt, sind die Russen allerdings einmalig, und selbst der Engländer vermag nichts Gleiches entgegenzusetzen. Die Einmaligkeit Rußlands soll auch nicht geleugnet werden. Wer jemals das Land bereist hat, weiß, daß hinter Wirrballen Europa aufgehört hat, und Asien noch nicht beginnt. Denn selbst in Asien begegnen wir schon wieder Europa — man blicke doch nur auf Japan — vom Pol zum Kaukasus aber erstreckt sich ein eigener Erdteil. Gerade die letztenWochen bringen davon wieder eine neue und doch altbekannte Kunde: Die Judenverfolgungen in Rjutzland, im zwanzigsten Jahrhundert geschehen, sind ebenso einzigartig in ihrer Barbarei wie so manches andere, was im heiligen Rußland sich heute ab spielt. Das rücksichtslose Walten der Kriegsgerichte, deren Opfer nach Hunderten jährlich zählen, die engnationalistische Politik gegenüber Finland und Polen, das Vorgehen gegen die Juden — das alles entspringt derselben zwiefachen Wurzel: dem Unverständnis und chauvinistischen Hochmut der russischen Regierung, die in ihrer Kurzsichtigkeit den Abgrund nicht sieht, dem sie das Reich zuführt. Das jüngste Vorgehen der Regierung, über dessen grausame Einzelheiten, wie in Kiew und Moskau, bereits eingehend berichtet worden ist, findet seine formale Berechtigung in der mittelalterlichen russischen Gesetzgebung, die heute noch in Rußland für die Juden besteht. Dürfen doch die sieben Millionen russischen Untertanen jüdischen Glaubens nur in ganz bestimmten Bezirken des Reiches leben und diese nur dann verlassen, wenn sie einen gelehrten Grad besitzen oder selbständige Kaufleute und Handwerker sind. So werden die Juden in Rußlands entgegen dem schon vom römischen Recht formulierten und von allen europäischen Gesetzgebungen übernommenen Grundsätze, daß jedermann strafrechtlich für unbescholten gilt, solange nicht das Gegenteil erwiesen ist, a priori gleich verurteiltem Verbrechern behandelt, die die Strafe der Beschränkung bürgerlicher Rechte trifft. So wird der Zugehörigkeit zum Judentum in Rußland der Charakter eines Verbrechens verliehen, während zugleich die Gesellschaft „guter" Bürger vor dem für sie „gefährlichen" Elemente geschützt werden soll. Für „gefährlich" gelten die Juden in Rußland — das ist die Parole, die jeder Russe dem anderen weitergibt, und von hundert wiederholen sie neunundneunzig gläubigen. Herzens. Allerdings hat es auch in Rußland eine Zeit gegeben, wo die Juden frage in anderer Weise gelöst werden sollte als heute und die Juden selbst in anderem Lichte von den Regierenden betrachtet wurden als jetzt und in der jüngsten Vergangenheit. Katharina II. erwies sich ihres-historischen Epithetons auch in der Judensrage würdig, denn sie versprach ihren durch die Teilung Polens neuerworbenen jüdischen Untertanen die volle Gleichberechtigung neben den übrigen Staatsbürgern. Aber dieses. Versprechen der großen Kaiserin ist verloren und vergessen worden wie so manches andere in Rußland. Auch der fast völlige Ausschluß von jeder Bildungsmöglichkeit, wie er heute für die Juden besteht, war in früheren Zeiten in Rußland nicht gesetzlich festgelegt. Im Gegenteil, die Politik Alexanders I., die auch von seinen Nach- ■■ ' \ folgern fortgesetzt wurde, bestand den Juden gegenüber gerade darin, daß durch eine größtmögliche Bildung ihr trauriges Los gebessert werden sollte. Erst als unter Alexander III. der Panslawismus zum - ausschließlichen Bekenntnis fast aller gebildeten Russen wurde, als seine Doktrin auch von der Regierung angenommen wurde und seine Durchführung in praxi versucht wurde, begann die eigentliche Schreckenszeit für die Juden in Rußland, die heute noch andauert und deren Ende bei der heutigen Herrschaft des Neopanslawismus nicht abzusehen ist. Im Jahre 1907 erschien jener berüchtigte Ukas des Ministers der Volksaufklärung, der die Juden vom Besuch höherer Lehranstalten bis zu drei Prozent der Studierenden.ausschloß und ihnen den Zugang zu den mittleren Lehranstalten bedeutend erschwerte: Was die russische Negierung jahrelang erstrebt und für richtig-gehalten hatte, wurde jetzt, durch einen Federstrich vernichtet und für falsch erklärt. Und das alles, weil eine Handvoll chauvinistischer Großrussen mit lauter Stimme verkündeten, daß das heilige Rußland, das schon damals eiternde Wunden trug, nur an russischem Wesen genesen könne, und darum die Fremdvölker, vor allem die Juden vernichtet Und unschädlich gemacht werden müßten. Diese Lehre von der Staatsgefährlichkeit der Juden ist seitdem nicht mehr geschwunden, heute jedoch, wo in Rußland Herr Dubrowin und Purischkewitsch die ersten Volksführer sind, fast noch mehr verbreitet als früher. Zu diesem Argument kommt dann noch das zweite, ebenso ungerechtfertigte: die Behauptung, daß der russische Bauer vom Juden ausgebeutet werde. Nun läßt sich diese Behauptung leicht dadurch widerlegen, daß der Bauer in den Gouvernements, in denen keine Juden leben, ebenso arm und elend ist wie in den jüdischen Ansiedlungsbezirken, aber dieser Gegenbeweis wird ebenso totgeschwiegen oder geleugnet wie jeder andere. * Denn selbst bei denjenigen Russen, die die Nichtigkeit der angegebenen Gründe vollauf erkennen, herrscht vielfach eine so starke Furcht vor der möglichen wirtschaftlichen Konkurrenz eines gleichberechtigten Juden, daß sie jede neue Unterdrückungsmaßregel der russischen Regierung gegen die Juden mit Freuden begrüßen. So erfüllt die Regierung des Herrn Stolypin nur den sehnlichsten Wunsch weiter russischer Volkskreise, wenn sie die Juden bedrückt, und die Negierung wieder dankt es dem russischen Publizisten und Politiker, wenn er zum Kampfe gegen die Juden auffordert. Denn im Grunde erfüllt der nationale Chauvinismus Regierende und Regierte in gleicher Weise, und von gleichem ' Stolz erfüllt träumen sie von ihrer „Einmaligkeit"., So wird der Antisemitismus in Rußland weiter bestehen, solange die heutige Ver- - blendung die Augen der Russen zum Sehen untauglich macht., Die Juden aber, die solches in Rußland erdulden, müssen ihren Trost in dem Bewußtsein finden, daß nichts anderes als die Furcht des Feigen, in den freien Wettbewerb mit einem Gleichberechtigten zu treten und dabei zu unterliegen, ihnen dieses zeitliche Schicksal bereitet. So werden die Sieger zu den Besiegten und die Unterdrückten zu den Triumphierenden. * Sehr merkwürdig und einigermaßen erfreulich ist es, daß gegenüber dem unerhörten Auftreten der russischen Regierung die Versassungspartei für die Juden einzutreten scheint, wie man aus folgender Zeitungsnotiz schließen darf: - :: In der Duma brachten am 14. Juni 166 Abgeordnete, bestehend aus der Linken und 25 Oktobristen, einen Antrag auf Aushebung des Ansässigkeitsrayons für die Juden ein. In den Motiven heißt es: Die vom Ministerium »des Innern e.ingebrachte Vorlagebetreffend. die Unantastbarkeit der Person läßt Domizilbeschränkungen der Bürger zu, die in der Vorlage besonders aufgeführt sind.. Das ^Expose zu der Vorlage erklärt, .die Initiative zur Aufhebung des Ansiedlungsrayons für die. Juden müsse von der Volksvertretung /ausgehen. Der Antrag der Abgeordneten weist darauf, hin, das Fortbestehen der Domizilbeschränkungen für die Juden in dem erneuten Rußland .sei äußerst ungerecht, widerspreche dem .Manifest ^.v.yN.30<..RyvemVer? füge dem Staate direkt Schaden zu und dämme die wirtschaftliche Entwicklung ein, zu der alle Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität beizutragen berufen seien, .und trage zu der I Demoralisierung eines Teils der Staatsverwaltung/ bei, welche, hie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.