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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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nicht zehntausend Rubel Schaden habe. Da hätte ich doch gleich lieber das Geld dem Räuber geben können. Dann hätte ich mir wenigstens den Schrecken erspart. Aber es ist noch ein Glück, daß das der ganze Schaden ist. Frau Silberstein: Ein wirkliches Judenglück. So sieht unser Glück aus. Meine Tochter fiel aus einer Ohnmacht in die andere — von mir gar nicht zu sprechen. Dr. Masirewitsch (lächelnd): Na, bis sie heiraten wird, das schöne Fräulein Rosa, bis dahin wird sie's verwunden haben. Helbing: Ich weiß auch schon einen passenden Mann für sie. Eine mächtige und einflußreiche und angesehene Persönlichkeit, auf deren Machtwort die Türen der Kerker nur so auffliegen... Silberstein: Um Gott... der ist ja aber doch kein Jude. Gustav: Verzeihung . . . das war ich all meine Tage und will es auch weiterhin bleiben. Siberstein: Der Herr von Gustav? Und wenn Sie meine Frage nicht für zudringlich finden, wieviel Gehalt beziehen Sie bei der großrussischen Zeitung, und ist Ihre Stellung sicher? Rosa: Aber Papa! Silberslein: Gut gut. Der Mensch kann gar nichts wissen. Uebrigens — — ich Hab' gar keine Einwendung. Gustav: Na sehen Sie, liebe Rosa, wie glücklich dieser traurige Tag noch endigt. Indessen, das können wir besser zu Hause besprechen. Unser lieber Papa wird in Zukunft vielleicht nicht mehr so hart sein, wie bisher, wenn Sie auf Ihre zarte Neigung 'ne Anspielung machen werden- Silberstein: Herr Gustav, dort unten bin ich etwas weicher geworden, das muß ich Ihnen konzedieren. Nun also, Gott mit Ihnen! Noch einmal: ich danke Ihnen . . - danke Ihnen sehr — Sie haben viel für mich getan! (Silberstein und Familie nach herzlicher Begrüßung Gustavs mit diesem ab.) Achter Auftritt. Frau Dörmann, Helene, Helbing, Masirewitsch. Helbing: Auch ich verabschiede mich. Vielleicht ist es Ihnen möglich, am Nachmittag zur Vernissage zu kommen. Dr. Masirewitsch: Gedulden Sie sich, Freund. Auch ich gehe zurück ins Krankenhaus. Weiß Gott, es mag dort heute mehr wie sonst zu tun geben. (Helbing küßt Frau Dörmann die Hand. Frau Dörmann geht auf der linken Seite hinaus, um ihre Gäste zu begleiten. Helbing küßt Helene. Dr. Masirewitsch reicht Helene die Hand. Helbing und Masirewitsch ab.) Letzter Auftritt. Helene allein. Helene sieht lange und in tiefer Ergriffenheit zu den Bildern hinauf, die ihre Eltern darstellen, als wolle sie mit ihnen zu Rate gehen. Sie läßt sich langsam aufs Knie nieder, ihr Busen wogt; man sieht, wie sie mit sich selber kämpft. Schließlich bricht sie in ein sanftes beruhigendes Weinen aus. Wie sie sich umblickt, steht Helbing in der Türe. Er breitet die Arme nach ihr aus. Sie stürzt ihm in die Arme. Vorhang. E Literarische Mitteilungen. Ariana, Traum der Luft und hebräische Lieder von Adolf Schafheitlin, Berlin. S. Rosenbaum, Verlag 1910. Die hebräischen Melodien dieses älteren christlichen Dichters (er ist in Pernambuko 1852 geboren, lebt in Capri, gehört aber, wenn ich nicht sehr irre, einer Familie an, die lange in Berlin weilte) sind aufs rühmlichste zu erwähnen. Es sind formvollendete und stimmungsvolle Gedichte. Sie sind in unseren Kreisen sehr wenig bekannt, wie überhaupt die Poesien dieses seit 1888 dichterisch tätigen Mannes sich leider keiner allgemeinen Bedeutung zu erfreuen gehabt haben. Ich glaube, den Lesern dieses Blattes einen wirklichen Dienst zu erweisen, wenn ich aus diesen 32 trüben, schwermütigen Klagen, zwei Proben hervorhebe und diesen die herzerquickende Schlußdithyrambe hinzufüge. Endlos die Heide trübe, sandig kahl. Im blassen Lichte geisterhaft erscheint Und geisterhaft verschwebt Gebirg und Tal. Der Nebel steigt; die dunft'ge Höhe weint. Da schweigt das Flimmern, und aus letzter Glut Enttaucht ein Bild, geheimnisvoll zu schauen. Indes der Krug auf ihren Häuptern ruht, Vorüberhuscht ein Zug von blassen Frauen.. Was sprach das Auge jeder Dulderin? Sind's Seelen, denen keine Ruh' beschieden? Sie ziehn, wie Töchter großer Zeit dahin. Erquicken sie ein Volk, das lechzt nach Frieden? Verlaß die Welt, Herz! ihrem Takte Schlägst Du nicht matten Widerklang, Es stürmt in Dir wie Katarakte, Wie Wettertosens Ueberschwang. Laß ihren niederen Lüsten stöhnen Des Lasters feile, freche Brut, Verschachern ihren Schlangentönen Das junge, unverständ'ge Blut. Ersticken in des Elends Pfuhle Das gottesschmachtende Talent, Ihn prahlen auf dem Ruhniesstuhle, Der nichts als Größenwahn bekennt. Laß nur das Leben selbst unmöglich Dem Edlen werden, laß Du nur Den Geistesdruck erst unerträglich Sich senken auf die finst're Flur. Laß sie nur höhnen: „Alle schliefen. Die Götter, die Heroen des Lichts" — Bis daß. anwachsend aus den Tiefen, Stumm naht' der Engel des Gerichts. Starr sieht er hin auf Berg und Tale, Zu schlägt er der Vergebung Buch, Hebt auf der Allvergeltung Schale, Gießt auf die Welt den großen Fluch! Laß ab Herz; dieser Zeiten Takte Verweigre Deinen ernsten Sang. Es stürmt in Dir wie Katarakte, Wie eines Weltenmorgens Klang. Letztes Wort. Dich ahnen, doch mit schwachen Worten Dich nie umfangen, lichter Geist! Dein herrlich Wesen aller Orten Empfinden, wenn wir ganz verwaist. Im Blitz, der durch die Himmel zündet, Im Meere, das gestaltend träumt. In: Herzen, das den Frieden findet, Und das sich schmerzvoll zürnend bäumt: Dich tief erkennen, Schein der Scheine, Unzähl'ger Sonnen dunkler Quell! Die große Menschennot, — die kleine, Vor Dir vergessen wunderschnell. In Deinem Anblick lichte Schwingen Sich wachsen fühlen, geistergroß Dir dichtend immer näher dringen — O selig, überselig Los. L G. *

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