Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · p. Seite 286

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228932--66587-3278731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Verhältnissen anpaßten und die Anordnungen der Lehrer willig befolgten. Die Gartenarbeit mit Spaten, Hacke, Rechen und Schaufel war ihnen keine Anstrengung, sondern eine Lust, und auch auf weiten Märschen zeigte sich kaum eine Spur der Ermüdung bei der jugendlichen Schar. Es war ein Vergnügen zu beobachten, wie allmählich der blasse Teint der Stadt sich verlor und an seine Stelle die gesunde, frische Farbe trat, wie sie die Landluft hervorzubringen Pstegt. An Körper und Gesundheit gekräftigt, eingeweiht in Wissensgebiete, die praktisch verwertbar und für die Allgemeinbildung in der heutigen Zeit unerläßlich sind, konnten die Teilnehmer in die Heimat entlassen werden, um die gewohnte Schularbeit mit erhöhter Kraft wieder aufzunehmen. Der gute Anfang sollte allerwärts ein Ansporn sein zu weiterer Betätigung auf dem neuen, Erfolg versprechenden Gebiete erzieherischer Arbeit. Es besteht die Absicht, in diesem Jahre einen zweiten, drei bis vier Wochen dauernden landwirtschaftlichen Kurs mit ähnlicher Organisation folgen zu lassen. Anmeldungen nehmen die Friedrich-Loge in Heidelberg und die mitwirkenden Lehrer entgegen. Sas Testament. Ein Schauspiel aus dein modernen Rußland in drei Aufzügen. Von Emanuel Kalisch. (Schluß.) Dr. Masirewitsch (nähert sich ihm langsam und reicht ihm warm die Hand): Sie haben Recht, mein Freund — wir hatten alle Unrecht. Die Großen und die Vornehmen — sie können nicht ewig taub sein gegen die ehernen Töne, die heute die Luft um das Erdenrund erzittern machen. Und was am mächtigsten zu ihnen spricht, das ist eben die unwiderstehliche Kraft der Wissenschaft und Kunst; ihre, flammende und feurige Beredsamkeit, die alle Schranken endlich niederreißen wird. In diesem Sinne ist Helbings Schöpfung eine große, eine hervorragende, eine bedeutungsvolle Tat. Frau Dörmann: Und darüber hinaus erwarte und verlange von uns niemand mehr. Auch Du nicht, liebe Helene. Beglücke ihn mit Deiner Hand — unfern braven, trefflichen Freund. Hier: Dein Vormund, und ich: Deine Tante; wenn wir Dir Vater und Mutter wären, wir könnten Dir nicht besser raten. Unfern Segen auf diesen Herzensbund! Helene: Ihr habt mich überzeugt. Aber glaubet mir: es bleibt dennoch ein Tropfen Wermut in meinem unermeßlichen Glück. Der einzelne kann also glücklich werden und kann in seiner Eigenliebe, in seinem Glück rings um sich schauen und lächelnd bemerken, wie seine eigenen Stammesgenossen sich winden in der Qual und Todesfurcht vor den kommenden lauernden Gefahren. Wo ist da die Gerechtigkeit? Dr. Masirewitsch: Mein liebes Kind. Aus der ganzen Welt gibt's heute noch keine Gerechtigkeit — und Du willst sie gerade in Rußland suchen? Gib Dich zufrieden mit Deinem Los und nimm das Glück an, das Dir die Liebe bietet. Ich kenne Euch beide: Euer eigenes Heil wird Euch nicht blind machen. Eure gegenseitige Verschmelzung in eins wird Euch nicht taub machen gegen die Leiden der Außenwelt. Daher fürchtet Euch nicht, daß Ihr zu glücklich sein werdet; nur die Egoisten sind völlig glücklich. (Helene reicht Helbing die Hand, welche er küßt. Sodann umarmt er sie und küßt sie auf den Mund.) Siebenter Auftritt? Die Vorigen, Silberstein, Frau Silberstein, Rosa, Moritz. (Die Silbersteins treten zur linksseitigen Türe ein, und zwar in der Reihenfolge, wie sie benannt sind. Silberstein sehr angegriffen, aber dennoch triumphierend.) Silberstein: Ihr Diener, Ihr Diener, meine Herrschaften, ich küß' die Hände. Sie haben mich sehr . . .' sehr zu Danke verpflichtet. Helene (verlegen): Seht Ihr, wie egoistisch uns das Glück gemacht hat? Unseren braven, guten Herrn Silberstein — wie konnten wir nur alle ihn vergessen? Frau Dörmann: Ja, aber wie sind Sie denn so schnell frei geworden, lieber Herr Silberstein? Silberstein: Hm. . . Gott hat geholfen. Und auch der Polizeichef — hundertundzwanzig Jahre soll er leben — auch er hat geholfen. Vor allem aber, denke ich: am meisten hat der Gouverneur geholfen. Gustav (zuHelbing): Na Alter, was sagst Du zu der Wirkung Deines Bildes? Helbing: Du sprichst immer von meinem Bilde. Daß wir aber jetzt unfern lieben Herrn Silber'stein mit seiner Familie in unserer Mitte begrüßen können, das haben wir nur Dir zu verdanken. Du Allerweltsbeglücker. Gustav: Hm, wer weiß? Ich habe dem Gouverneur gegenüber nur en paranlhese unseres lieben Gläubigers und Mäcens Erwähnung getan; ich hätte gar nicht gedacht, daß Exzellenz so alles im Gedächtnis behielte ... Frau Silberstein: Ich bitte, Exzellenz behält alles. Sogar darum ließ er sich bei Nathan erkundigen, was ich mache und wie Moritz und Rosa sich befinden. Silberstein: Du übertreibst, Sarah mein Kind. Nach Moritz fragte er, aber Rosa hatte er ganz vergessen. Ich bin aber nicht beleidigt. Helbing: Also dennoch . . . wie geschah denn diese wunderbare Rettung? Silberstein: Der Polizeichef hatte einen Befehl bekommen, mich sofort aus meiner Zelle herauszuführen, die, ich muß sagen, in Wahrheit kein ganz angenehmer Ort ist. Der Befehl kam direkt von Sr. Exzellenz dem Gouverneur, dem jemand erzählt hatte, der Pogrom sei vor meinem Gold-, Silber- und Juwelenladen ausgebrochen. Kurz, während mich | der Polizeichef ins Verhör nahm, und ich mich ganz beiläufig dessen rühmte, daß Dr. Masirewitsch und Fräulein Helene Nataschja Wassiljewitsch mir wohlwollende Bekannte wären, da sah ich sogleich, daß ich noch heute zuhause speisen werde. Auch das habe ich ihm gesagt, daß ich ihn nur so gemästet habe, diesen schmutzigen Räuber, den Steuerinspektor; aber ihm war es nie genug, und nachdem ihm nun das Messer an die Kehle ging — — Rosa: Huh, Papa . . . nur vom Messer sprich nicht, ich bitte! Moritz: Wie kann man nur gleich vor einem Messer so erschrecken; man sieht. Du bist kein Mann. Rosa: Hingegen Du — Du bist ein Mann! Natürlich! Wer Dich heute vormittag gesehen hat, der hätte darauf geschworen, Du seist ein Julius Cäsar, ein Alexander der Große-— Silberstein: Sei ruhig, Rosa! Du bist hier nicht zu Hause. Und laß mich in Ruh' mit diesen Heiden. Uebrigens ist in dieser Gesellschaft niemand neugierig auf Euch, sondern einzig und allein nur auf mich. Also bitte: sowie das Verhör zu Ende war, wurde ich sofort aus freien Fuß gesetzt. Ich stürmte nach Hause und — das soll der Mensch nicht sehen, was ich zu Hause fand! Ein Hund will ich sein, wenn ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.