Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Anregung der Friedrich-Loge. Um so Bemerkens- und anerkennenswerter ist das Vorgehen der Friedrich-Loge in Heidelberg, das den Mißständen; des heutigen Erziehungsshstems in zweckmäßiger und energischer Weise entgegenwirken soll. Die Loge veranstaltete nämlich im Sommer des vorigen Jahres im Einvernehmen mit anderen badischen Logen einen drei Wochen dauernden landwirtschaftlichen Ferienkurs für jüdische Schüler. Zweck der Kurse. Durch diese Einrichtung sollen die jüdischen Schüler, auf einige Wochen wenigstens, der Einseitigkeit der Schularbeit entzogen und, durch ausgiebigen Aufenthalt und zweckmäßige Beschäftigung in. frischer : Landluft gesundheitlich gefördert werden. Die praktische Einführung in den Gartenbau,-die Obstbaum- und Bienenzucht soll der geistigen Anstrengung ein heilsames Gegengewicht schaffen, den Gesichtskreis unserer Jugend erweitern und gleichzeitig ihr Verständnis für Landwirtschaft und mit ihr zusammenhängende wirtschaftliche Fragen wecken und bilden. Eine derartige Schulung wird, wie die geistige, 'Bildungswerte erzeugen, die für den einzelnen und seinen späteren Beruf von nicht zu unterschätzender Bedeutung werden können. Stätte des Kurses. Die Unterrichtsgegenstände wurden in Müüheim bezw. Niederweiler gelehrt, während die Kursteilnehmer in guten Familien in Nieder- und Oberweiler untergebracht waren. Sämtliche Orte sind vorteilhaft bekannt durch herrliche, gesunde Lage im badischen Schwarzwald und durch ihre reizende, zu Ausflügen verlockende Umgegend. Vortreffliche rituelle Verpflegung fand der Kurs im Restaurant Hemmendinger in Badenweiler. . Schülermaterial. Die Kursteilnehmer waren mit einer Ausnahme Schüler badischer Gymnasien und Realschulen im Alter von 14 bis 18 Jahren; die große Mehrzahl derselben stellten die Städte Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe. Zugelassen waren nur körperlich gesunde und sittlich makellose junge Leute. Lehrer und Leiter. Der Unterricht lag in den Händen von Lehrkräften, die seit langer Zeit in den einzelnen Disziplinen mit Erfolg tätig sind. Garten- und Obstbau unterrichtete Herr Hauptlehrer Seligmann in Müllheim. Die Einführung in die Bienenzucht hatte Herr Hauptlehrer Vollmer in Niederweiler, ein bewährter Bienenzüchter, übernommen. Der Verfasser des vorliegenden Berichts war von der „Kommission zur Förderung der Bodenkultur unter den Israeliten des Großherzogtums Baden" dazu berufen worden, sich an dem Kurse durch Vorträge über die Verwertung der landwirtschaftlichen Produkte durch Handel und Industrie zu beteiligen. Um die Führung der jungen Leute hatte sich der Präsident der Friedrich. Loge, Herr Hauptlehrer Müller in Heidelberg, in dankenswerter Weise angenommen. Tageseinteilung. Nach neunstündigem Schlafe erhoben sich die Zöglinge um 6 Uhr morgens, das erste Frühstück wurde um 6 3,;4 Uhr eingenommen. Um 7 Uhr sammelten sie sich zum Marsch nach Müüheim, ein prächtiger Spaziergang durch eine schattige Nußbaumallee von 15 bis 40 Minuten, je nach Lage des Quartiers. Bei Negenwetter benutzte man die Lokalbahn Müllheim—Badenweiler. - Um 8 Uhr begann die praktische Gartenarbeit,, die bis zur zweiten Frühstückspause 9 3/, Uhr dauerte. Machten die. Unbilden der Witterung die Gartenarbeit unmöglich, was bei der ausgesprochenen Neigung des letzten Sommers zu Niederschlägen hin und wieder vorkam, so trat an die Stelle der Gartenarbeit der Werkstättenunterricht in einer eigens hierzu gemieteten, vollständig eingerichteten Werkstätte. Von 10 bis 11 Uhr fand teils theoretischer Unterricht im Anschluß an die Gartenarbeit, teils handelswiffenschastlicher Vortrag statt. Um 11 Uhr begaben sich die Schüler und Lehrer ins Müllheimer Thermalbad, das ihnen durch dankenswertes Entgegenkommen der Verwaltung zu ermäßigten Preisen offen stand. Nach dem Bad erfolgte Rückmarsch nach Badenweiler und Einnahme des Mittagsmahls gegen 1 Uhr. Der Nachmittag blieb der Erholung, den Ausflügen, zum Teil auch dem Unterricht in der Bienenzucht Vorbehalten. Um 7 Uhr bezw. 71/2 Uhr abends nahm, man das Bachtesfen ein; die Zeit nach diesem bis zum Schlafengehen füllten die Zöglinge in der Regel mit Briefwechsel usw. aus, um 9 Uhr abends begaben sie sich zur Ruhe. Gottesdienst. Der Sabbat war vollständig Ruhetag; er war hauptsächlich dem Genuß der herrlichen Natur Badenweilers und seiner nächsten Umgebung gewidmet. Am Freitag abend und Samstag morgen veranstaltete der Kurs für sich einen eigenen Gottesdienst im Restaurant Hemmendinger. Ausflüge und Besichtigungen. Einen wichtigen Teil des Unternehmens bildeten die Spaziergänge und Ausflüge in den Schwarzwald und die Umgebung Müllheims. Der Kurs machte drei ganztägige und ebenso viele halbtägige Exkursionen; hierbei sind kleine Spaziergänge an Samstagen und sonstigen freien Stunden nicht inbegriffen. Kosten. Diese beliefen sich einschließlich der Hin- und Rückfahrt auf 110 bis 120 Mark für jeden Teilnehmer; hierzu kommen künftig noch etwa 20 Mark Pro Kopf als Beitrag zur Deckung der erforderlichen allgemeinen Unkosten. Schlußbetrachtung. Mit hoher Befriedigung dürfen alle Beteiligten auf den Verlauf und den Erfolg des ersten landwirtschaftlichen Ferienkurses zurückblicken. Diese Einrichtung entspricht einem dringenden Bedürfnisse unserer Zeit, und ihre Wiederholung Und Verbreitung müssen von einsichtigen Eltern Und Erziehern und auch von Behörden, denen das Wohl der Heranwachsenden Jugend am Herzen liegt, nachdrücklich gefordert werden. Kann auch ein greifbarer Erfolg erst in der Zukunft durch Betätigung der Kursteilnehmer im Garten und am Bienenstand, durch eigenes Handanlegen bei einfachen, handwerksmäßigen Verrichtungen und durch verständnisvolles Erfassen wirtschaftlicher Fragen in Erscheinung treten, so hat sich doch schon heute gezeigt, daß die Schüler sowohl dem praktischen als theoretischen Unterricht, der ihnen Belehrung über bisher ganz fremde Gebiete bot, mit großem Interesse folgten und, wie die nachträglich freiwillig gefertigten schrift. lichen Arbeiten bewiesen, den neuen Stoff auch gründlich erfaßten. ■ Nicht zu unterschätzen ist auch der erzieherische Einfluß, den der eigenartige Unterricht sowohl als auch das Leben in einer größeren Gemeinschaft, wo der eigene Wille einem höheren unterzuordnen war, auf die Schüler ausübte, und cs muß lobend anerkannt werden, daß sie sich rasch den gegebenen