Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufsatz Levinsteins, betitelt „Ueber die Erlösung des Judentums", erschien 1900 und ist gegen die gleichnamige Abhandlung des Benedictus Levita, die in den „preußischen Jahrbüchern" gedruckt worden war, gerichtet. Levita erklärt, daß er selbst sich zwar nie zur Taufe entschließen könne. Auch traut er der Mehrzahl der deutschen Juden diesen Entschluß nicht zu. Seine Schrift gipfelt aber in dem Rat, die kleinen Kinder taufen zu lassen, um ihnen die Qual der Wahl zu ersparen und ihnen in Deutschland eine wirkliche Heimat zu bereiten. Levitas Ausführungen sind so widerspruchsvoll, daß Levinstein ihm Schritt für Schritt seine Halbheiten Nachweisen konnte. Ohne Scheu spricht er von der totalen Ignoranz, mit der Levita dem Geist und der Geschichte seiner eigenen Religion gegenüberfteht. „lind welcher Art", fragt Levinstein, „sind die Motive Levitas zur Empfehlung der Kindertaufe? Die Kinder sollen Offiziere, Korpsstudenten, hohe Staatsbeamte werden; .... weil also der Staat Recht und Gesetz gegen uns verletzt, weil ein Teil der christlichen Gesellschaft seit einigen Jahrzehnten im Banne einer nichtswürdigen, vor keiner Lüge zurückschreckenden Verhetzung sich befindet, deshalb sollen unsereKinder sichzu denen flüchten, dievor Gottsich gegen uns vergehen und versündigen." Ueber eine solche Weltanschauung ergießt Levinstein die Schale seines Zornes. Liest man diese seine vor zehn Jahren geschriebenen Ausführungen und nimmt man dann den zehn Jahre später gehaltenen und gedruckten Vortrag vom 9. Februar 1910 zur Hand, so ersieht man, daß der Kummer über den Abfall so vieler und nicht der schlechtesten Sprößlinge des Judentums lebenslänglich in Levinstein lebendig war. Er hielt für die Hauptursache des Abfalls den Jndifferentismus, und als liberaler, unerschrockener Mann stand er nicht an, diesen Jndifferentismus zur Hälfte den veralteten Einrichtungen des Gottesdienstes zuzuschreiben, der zum großen Teil in einer der heutigen jüdischen Jugend fremdgewordenen Sprache abgehalten wird und an einem Wochentage stattfindet, welcher in Deutschland nicht Feiertag, sondern Werktag ist. Im Bewußtsein der inneren Bereicherung, die er selbst am Sonntage im Gotteshause der Reformgemeinde gewann, und durchdrungen von der Ueberzeugung, daß die allgemeine Einrichtung eines deutschen Sonntagsgottesdienstes neben dem Sabbatgottesdienst die beste Bekämpfung des Jndifferentismus sein würde, veröffentlichte Levinstein im Jahre 1897 die beiden Aufsätze „Die Heiligung des siebenten Tages" und „Die Forderung des Sonntagsgottesdienstes", Seine lebhafte Agitation für diese seine Lieblingsidee war jedoch, wie bekannt, nicht von Erfolg gekrönt. So war Levinstein nach bestem Wissen und Gewissen in Wort und Schrift ein eifriger Diener des liberalen Judentums. Daß er zugleich auch durch die Tat jüdische Interessen förderte, bewies seine freigebige Unterstützung jüdischer Vereine. So hat er insbesondere dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" eine große Stiftung gewidmet. Auch für allgemeine nicht jüdische Wohlfahrtsbestrebungen hatte er ein offenes Herz und eine offene Hand. Er gehörte seit vierzehn Jahren dem Ausschuß des Berliner Vereins „Mädchenhort" an und gründete aus eigenen Mitteln einen der Horte, welchem seine Gattin mit mütterlicher Fürsorge vorsteht. Auch errichtete er eine Stiftung am Askanischen Gymnasium zum Andenken an einen früh verstorbenen geliebten Sohn. Es ist der Verfafferin dieser Zeilen unmöglich, hier zu schließen, ohne sich noch einmal das menschlich so liebenswürdige Bild des verehrten Mannes zurückzurufen. Lebendig steht er vor mir mit seiner schlanken, elastischen Gestalt, den jugendlich raschen Bewegungen, dem frischen, von weißem Haarkranz umrahmten Gesicht, in welchem die lebhaften klaren. blauen Augen und das seine Lächeln um die Mundwinkel jeden bezauberten. Ich fühle wieder seinen freundlichen, herzlichen Händedruck, der für die ganze Natürlichkeit, Schlichtheit und Frische des Mannes so kennzeichnend war. Ich höre wieder den lebendigen Fluß feiner stets so anregenden Unterhaltung, in der er so oft und schnell vom tiefen Ernst zu Scherz und Witz oder zu schwungvoller, poetischer Rede überging. Ich sehe ihn vor mir als geistreichen Improvisator, dem bei festlichen Gelegenheiten die schönsten Verse entsprudelten, der es meisterhaft verstand, Menschen und Verhältnisse mit kurzen Schlaglichtern zu beleuchten, ohne daß sich auch nur einer von seinem liebenswürdigen Witz schmerzhast getroffen fühlte. Möge es zu allen Zeiten in Israel viele Männer geben, die sich Dir an die Seite stellen können, verklärter Gustav Levinstein! Frau M. Schaefer. Leitkchrikt für die sltteltsmentliche Willenlchskt. Von Dr. E. Rosenwasser, Sofia (Bulgarien), or einigen Tagen ist das 2. Heft des 25. Jahrganges der „Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft" herausgegeben von D. B. Stade erschienen. Eine Zeitschrift, die ihre Spalten vorzüglich alttestamentlichen Studien öffnet und auf eine so lange Lebensdauer zurückblickt, ist ein so seltenes und gleich freudiges Ereignis, daß es sich verlohnt, auf dieses näher einzugehen. Der Gedanke, ein Organ zu gründen, in welchem die wissenschaftliche Detailarbeit über Fragen der alttestamentlichen Exegese und Kritik veröffentlicht werde, ist nicht zuerst von Stade ausgegangen. Schon im 17. Jahrhundert sind wiederholt Versuche, Unternehmungen dieser Art zu schaffen, zum Teil mit einigem Erfolg gemacht worden. I. D. Michaelis hat die „Orientalische und exegetische Bibliothek" (1771 bis 1793) gegründet. Unter dem gleichen Titel Hirt (1772 bis 1779). Eichhorn, „Repertorium" für biblische und morgenländische Literatur (1777 bis 1786). Von demselben „Allgemeine Bibliothek der biblischen Literatur" (1787 bis 1800). Paulus „Neues Repertorium" (1790 bis 1791). Haben die Unternehmungen des 17. Jahrhunderts nach Schaffung einer stattlichen Bändezahl ihre Arbeiten eingestellt, so standen die Unternehmungen des 18. Jahrhunderts unter einem ganz besonders ungünstigen Zeichen. Die napoleonischen Kämpfe und die Märzstürme waren dem stillen Licht der Wissenschaft nicht günstig. Zobel hat den Faden wieder ausgenommen. Mit der Gründung seines „Magazin für biblische Interpretation" (1805). Arnoldi, Lorsbach und Hartmann folgten mit dein „Museum für biblische und orientalische Literatur" (1807). Rosenmüller „Biblisch-exegetisches Repertorium (1822 bis 1824). Winer „Exegetische Studien" (1827). Und zuletzt noch Ewald „Jahrbücher der biblischen Wiffenschaft" (1849 bis 1865). Alle diese Unternehmungen sind sanft verschieden (zum Teil schon nach Ausgabe des 1.Band es) zum großen Leidwesen ihrer Gründer und aller Freunde der biblischen Wissenschaft. Neues Leben und neue Hoffnungen erweckt hat die Gründung von Merx „Archiv für wissenschaftliche Erforschung des Alten Testaments" (1867 bis 1872). Auch diesem Unternehmen war nur eine kurze Lebensdauer beschieden, aber in der Kürze seines Daseins hat dieser erneute Versuch so viel Leben entwickelt, so viel ausgezeichnete Arbeiten veröffentlicht, daß man jetzt noch nicht begreift, woran dieses Unternehmen scheiterte. Aus der Fülle des Guten mögen einige Arbeiten an dieser Stelle ausgezählt werden. Im Raschi-Jahre soll an