Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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geblieben. Durch und durch liberal erblickte er den Wesensinhalt des Judentums nicht in unveränderlichen äußeren Formen, sondern in den geistigen Schätzen des alten Testaments, das ihm stets das Buch der Bücher geblieben ist- Seine vertiefte philosophische Bildung erschütterte nicht, sie bestätigte vielmehr seine religiöse Ueberzeugung und befähigte ihn, in ebenso warm empfundenen wie gedankentiefen Worten auszusprechen, was ihn innerlich erfüllte. Solche Aussprache, solch geistiger Austausch über die höchsten und letzten Fragen, über das, was Du Bois-Reymond die sieben Welträtsel nannte, war im Freundeskreise Levinsteins keine Seltenheit, und in der Debatte war er selbst stets der Führer. Er verstand es, aus scheinbaren Widersprüchen schließlich zu Einheit und Klarheit durchzudringen, liebte er doch besonders den Ausspruch des Heraklit: -air^ -av-iov. Gewissermaßen die Frucht dieser Gespräche mit Freunden war der Vortrag „Der Glaube Israels" (gedruckt bei Emil Billig Nchf. Berlin, Dezember 1896), den Levinstein im Winter 1896 im Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt. Der Vortrag behandelt den scheinbaren Gegensatz zwischen Glauben und Denken und gelangt zu dem Ergebnis: „Der Glaube muß das Denken ergänzen; reines Denken gibt keine zureichende Erkenntnis, und das Judentum fordert keinen Glauben, welcher der Vernunft widerspricht." Während die Tochterreligion des Judentums, das Christentum, den Glauben an ein System von Dogmen verlangt, verkündigt das Judentum nur den reinen Gottesglauben. Eine andere literarische Frucht der Studien Levinsteins war ein Vortrag und Aufsatz: „Professor Paulsen und die Judenfrage" (1897, Verlag von M. Poppelauer). Levinstein richtet einen ebenso energischen wie freimütigen Angriff gegen ein Kapitel in Friedrich Paulsens „Ethik", welches sich mit der Judenfrage beschäftigt. Der Kernpunkt von Paulsens Ausführungen in diesem Kapitel ist der Satz: „Wollen die Juden an unseren Angelegenheiten als voll- und gleichberechtigte Bürger teilnehmen, so müffen sie die Konsequenzen ziehen und aufhören, Juden sein zu wollen." Die erstaunliche Tatsache, daß die traurige Praxis so vieler hoher Staatsbehörden, den jüdischen Bewerber erst nach der Taufe anzustellen, also die Gewissenlosigkeit zu prämiieren, von dem Ethiker Paulsen philosophisch begründet werden will, entstammte Levinstein zu leidenschaftlicher Beredsamkeit. Er schreibt: „Es ist vollkommen richtig, daß wir die Erhaltung des Judentums wünschen . . . aber lieben wir deshalb um das geringste unser Vaterland weniger? Sind wir nicht seit der verhältnismäßig kurzen Zeit der Emanzipation in das Innerste der deutschen Volksseele gedrungen? Wer gab ihr innigeren Ausdruck als Berthold Auerbach? ... Ist irgendeine Bestimmung in unserer Religion, die uns hindert, auch die größten Opfer, zu denen der Staat berechtigt ist, zu bringen?... Wenn wir nach allen Richtungen hin die, Pflichten erfüllen, die der Staat uns auserlegt, wenn wir in jeder Beziehung ebenso gute Bürger sind wie die Anhänger anderer religiöser Bekenntnisse, weshalb soll dann unser Judentum dem Staat die Berechtigung geben, die uns durch die Verfassung garantierten Rechte im administrativen Wege zu verweigern?" Die polemischen Aufsätze Levinsteins gegen Paulsen sind jedem aus dem Herzen geschrieben, der sich als Jude und zugleich als Deutscher fühlt. Zwei Jahre nach diesen Veröffentlichungen ergriff Levinstein wiederum die Feder, um den polemischen Aufsatz „Die Taufe" (erschienen bei Franz Weber, Mai 1899) zu schreiben. Die Veranlassung war das neu erschienene „Handbuch der Mission unter Israel" bon Lizentiat Dr. G. H. Dalman, vervollständigt durch Pastor Gottheil. Die Theorie und Praxis der Judenmission wird in dem Handbuch erörtert. Dr. Dalman tadelt selbst, wie Levinstein offen hervorhebt, solche christlichen Geistlichen, welche die sich bei ihnen meldenden Juden nach kurzem, oberflächlichen Unterricht alsbald taufen. Dalman verlangt einen gründlichen und längeren Unterricht, der in dem Täufling die volle Ueberzeugung von der Superiorität der christlichen Religion erwecken müsse. Dann werde der Täufling das rechte Glauben und Beten verstehen lernen. „Das jüdische Volk", sagt der Missionar - wörtlich, „ist ein betendes Volk, und doch weiß der Jude nichts von der Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit." Levinsteins Polemik richtet sich gegen diese und ähnliche Herabsetzungen der jüdischen Religion; ferner wendet sie sich gegen solche Juden, die aus Unkenntnis ihrer eigenen Religion das Judentum mißachten und ins andere Lager übergehen. Der Aufsatz schließt mit einer warmen und begeisterten Apotheose des reinen jüdischen Glaubens. Die Abhandlung „Die Taufe" hatte noch eine zweite im Gefolge, die unter dein Titel „Warum die Inden nicht Christen werden können" im September 1899 gedruckt wurde. Es hatte nämlich ein Herr Pastor Gebhardt auf „Die Taufe" in einem „offenen Briefe" geantwortet, und der offene Brief rief wiederum Levinsteins Entgegnung hervor. Auch dieser zweite Aussatz atmet die tiefe, treue Liebe zum angestammten Glauben und ist mit Wärme und Begeisterung geschrieben. Es ist charakteristisch, daß Levinstein in einer dritten literarischen Fehde noch schärfer und erbitterter! kämpfte als gegen den Philosophieprofessor und die christlichen Jndenmissio- ' nare. Denn in dieser dritten Kontroverse trat er einem Manne seiner eigenen Konfession entgegen, der zu einem völligen Aufgehen des Judentums im Christentum rät. Der betreffende Gustav Levinstein.