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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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ber Wissenschaft, mit dem Bekenntnis zu einer fortschreitenden Entwicklung auch im religiösen Leben. Wer jeden Fortschritt leugne, ' die Wissenschaft in den Bann tue, habe kein Mittel, Vorwürfe über den Tiefstand unserer . Religion gebührend zurückzu weisen. Aber am allerwenigsten hätten die Gegner ein Recht, den fortschrittlich Gesinnten zuzurüfen: „Ihr seid nicht mein Volk!" Sie würden sich damit auch gegen die Lehre der Bibel vergehen, die keine Sonderung kennt zwischen Menschen und Menschen, die alle Kinder eines Gottes sind. Die Bibel mache nur einen Unterschied zwischen Anschauung Und Anschauung, zwischen Gottesverehrung und Götzendienst, zwischen Sittlichkeit und Sittenlosigkeit. Die Liberalen sonderten sich auch in ihrer Anschauung nicht ab, sondern wußten sich darin eins mit den Besten und Verständigen aller Konfessionen. Der Fortschritt solle nur der Erhaltung dienen, und nur durch den Fortschritt sei der Verfall, der Abfall aller Gebildeten aufzuhalten. — Während wir mit der Arbeit nach außen nur Anerkennung, nur Gleichberechtigung mit anderen Konfessionen erstrebten, solle die Arbeit im Innern ein Vorbild schaffen für die anderen, ein religiöses Vorbild nach Inhalt und Form. Die vorbildliche Lehre besäßen wir bereits. Es gelte nun, auch die Passende Form zu' finden. Und da wäre nur die schönste gut genug. Tenn je schöner die Form sei, in die eine religiöse Lehre sich hülle, um so stärker und tiefer sei ihre Wirkung. Sie wollten sein Kinder des lebendigen Gottes lnach des Propheten Verheißung), nicht Kinder eines vom Leben abgewandten, erstarrten Dienstes. Möge man über Art und Maß des Fortschritts verschieden denken — es sei Pflicht eines jeden, der es mit seiner Religion aufrichtig meine, mitzuarbeiten an der Erneuerung des Judentums. Die Predigt, mit warmem Eifer vorgetragen, hinterließ den tiefsten Eindruck bei allen Zuhörern. Am Samstag abend trafen sich die Delegierten mit ihren Damen im „Kulturverein", einem beliebten Gartenlokal, wo man sich nach gegenseitiger Begrüßung angeregt unterhielt. Der nächste Tag brachte dann die Arbeit. Die öffentliche Versammlung*.) hat auf jeden Teilnehmer die nachhaltigste: Wirkung ausgeübt und wird niemandem aus dem Gedächtnis schwinden. Sie war imposant und in ihrer inneren Wirkung von größtem Erfolg. Nach einer gröberen Mittagspause, in der das gemeinsame Mahl der Delegierten durch Trinksprüche ernster und froher Art gewürzt wurde, traten die Abgeordneten wiederum zu internen Beratungen zusammen. Obwohl die Sonne in übermäßiger Glut für die liberale Sache begeistert war, hielten jene unermüdlich bis zum späten Abend im dumpfen Saale aus. Endlich durften sie aufatmen. Sie begaben sich nach dem schönen Stadtpark und suchten dort nach dem an- ,Mengenden Tage wieder zu guter Luft und zu Kräften zu kommen. Was aber ist geschehen? Welches sind die Taten? — so lassen sich tausend murrende Stimmen vernehmen. Was ist von der praktischen/ Arbeit zu künden, welche die Vereinigung geleistet? Nun — es ist nicht nur geredet worden. Viele und wichtige Anträge über allgemeine religiöse Grundsätze und spezielle religiöse Einrichtungen im Goltesdienst, im privaten und bürgerlichen Leben sind einer Kommission überwiesen worden. Man muß schon ein wenig Geduld haben. Eine so heikle, schwierige, langverschleppte Krankheit, die bereits den Lebensnerv einer großen Gemeinschaft bedroht, kann nicht durch einen kühnen Operationsgriff kuriert werden. Es ist große Vorsicht geboten. Diejenigen, die immer scheel auf uns sehen, werden diese Vorsicht nur billigen, und diejenigen,- die sich schon aus der Krankenstube heraussehnen, werden in Erkenntnis des Ernstes der Situation und der Sache, die auf dem Spiele steht, noch ein wenig warten. Wir dürfen der Kommission vertrauen, daß sie uns eine sichere Stätte bereitet. Wir sollen wohnen und uns heimisch fühlen in unserer Religion. Darum muß renoviert werden von Zeit zu Zeit, darum dürfen wir nicht warten, bis das Gebäude über uns zusammenstürzt oder des Hauses Söhne — und nicht die schlechtesten -1) Hebet die Beratungen der Delegierten am Sonntag vormittag und über die öffentliche Versammlung vergleiche den Bericht in Nummer 23. — sich davonschleichen, um ihre Seele anderen Göttern anzuvertrauen.. Die. Risse müssen vermauert, der Bau muß gefestigt werden, aber mit Geschmack und pietätvollem Sinn. Das ist erkannt worden. Das erfordert aber Vorsicht und.Vorbereitung. Diese vorbereitende Arbeit wird besorgt, und dann — lasset uns weitersehen! - In jedem Falle ist die erste Tagung der Vereinigung ein gutes Vorzeichen für die Erfüllung aller Hoffnungen gewesen. Sie hat Geschick, Tadel. Mut und ehrliche Arbeitsfreudigkeit bewiesen und für die Sache des Liberalismus einen großen moralischen Sieg errungen. Guttao Leomltem. m 28. Mai verschied ein in weiten Kreisen geschätztes und verehrtes Mitglied der Berliner jüdischen Gemeinde, der Fabrikbesitzer Gustav Levinstein. In noch ungebrochener Kraft ereilte ihn der Tod im soeben vollendeten 68. Lebensjahre. Noch waltete Herr Levinstein als Seniorchef seiner großen Fabrikunternehmungen. Die im Ausland gelegenen Fabrikanlagen leitete er von Berlin aus, und oft besuchte er sie auch persönlich, weite beschwerliche Reisen nicht scheuend. Er nahm auch den regsten Anteil am geistigen Leben der Berliner Judenheit; hat er doch erst am 9. Februar d. I. im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen eindringlichen und schwungvollen Vortrag über „Jüdische Kindertaufen" gehalten. Eine eigenartige, fesselnde Persönlichkeit, ein vorbildlicher Charakter, ein hochkultivierter Geist, ein warmes, von Menschenliebe erfülltes Herz zeichneten den Verstorbenen aus; darum ist es Pflicht, ihm ein Wort ehrenden Andenkens zu weihen. Gustav Levinstein war ein Berliner Kind. Am 15. Mai 1842 als Sohn des Großkaufmanns L. I. Levinstein geboren, besuchte er in Berlin das Gymnasium zum Grauen Kloster, erhielt danach eine kaufmännische Ausbildung und genügte seiner Militärpflicht beim Kaiser-Alexander - Garde-Grenadierregiment. Im 23. Lebensjahre ging er mit zwei Brüdern nach England, wo die drei jungen Berliner bald eine rege und erfolgreiche industrielle und kommerzielle Tätigkeit entfalteten. Eine Reihe von Jahren hindurch arbeiteten die Brüder gemeinsam. Die stete Vergrößerung ihrer Unternehmungen brachte es schließlich mit sich, daß einer der Brüder das englische Geschäft behielt, ein zweiter dauernd die Pariser Firma übernahm, und Gustav in Trier in der Rheinprovinz, in Südfrankreich und später in Korsika eigene Fabriken gründete, htach einem mehrjährigen, von größeren Reisen unterbrochenen Aufenthalte in Trier siedelte Levinstein' mit seiner Familie im Jahre 1890 wieder endgültig nach seiner Vaterstadt Berlin über und verlebte die letzten zwanzig Jahre seines reichgesegneten Lebens abwechselnd hier und auf einem herrlich gelegenen Landsitz in Groß-Lichterfelde. Er war seit 1875 verheiratet mit Frau Hermine geb. Popper aus Brünn und Vater blühender Kinder. Ein schönes Familienleben und eine feinsinnige Gastfreundschaft zeichneten dauernd seine Häuslichkeit aus. Levinstein war trotz seiner regen kaufmännischen Tätigkeit durch sie allein nie innerlich aüsgefüllt worden. Er 'chatte im Auslande vielmehr auch englische und französische Sprache und Literatur eingehend studiert und seinen Geist dauernd weitergebildet. Ins geliebte Berlin zurückgekehrt, empfand er um so lebhafter den erneuten Durst nach den Quellen deutscher Geistesbildung, und er war mehrere Jahre lang Gasthörer an der Universität, wo er besonders philosophische Vorlesungen besuchte. Levinstein war im Auslande nicht nur ein guter Deutscher, sondern auch ein guter Jude

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