Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Verderben Preisgegeben. Und unter diesen Umständen traten stolze und widerspenstige Menschen auf, „Feinde des -Kreuzes CHristi",. „Menschen mit irdischer Gesinnung, deren Gott Ler Bxruch war". Diese verlegten si ch nicht aus die Besserung der Sitten, sondern auf die Leugnung: der Dogmen, sie vermehrten die Unordnung und ließen für sich und andere der Zügellosigkeit freien Lauf; oder sie untergruben wenigstens,i^iit Verachtung der maßgebenden Führerschaft der Kirche und im Gefolge der Leidenschaften verkommener Fürsten und Völker mit einer gewissen Tyrannei Lehre, Verfaffung und Disziplin der Kirche. Dann ahmten sie jenen Gottlosen nach, denen die Drohung gilt: „Wehe euch, die ihr das Gute bös und das Böse gut meint" und nannten den rebellischen Wirrwarr und die Verkehrtheit des Glaubens und der Sitten Reform und sich selbst Reformatoren. In Wahrheit aber waren sie Verführer, und indem sie durch Streitigkeiten und Kriege die Kräfte Europas - erschöpften, haben sie die Emp örun g und,den Abfall der modernen Zeiten vorbereitet, in denen sich die drei Arten von Kampf, die früher getrennt waren, und aus denen die Kirche immer siegreicher hervorgeht, zu einem einzigen vereinigt haben: die blutigen Kämpfe der ersten Zeit, dann die innere Pest der Häresien, endlich, unter dem Namen der evangelischen Freiheit, jene Verderbtheit der Sitten und Verkehrtheit der Disziplin, zu der vielleicht das Mittelalter nicht gelängt war." Daß Aehnliches von dem Haupt der katholischen Kirche gesagt wird, ist eben nicht wunderbar, überdies auch gar nicht selten, denn 1897 war in einer, anderen Enzyklika die Reformation noch ausdrücklicher denn jetzt als rebellio Lutherana gebrändmärkt, und es waren Ausdrücke, wie „Entartung, Verfall der Sitten, unheilvolles Gift" und ähnliche über die Reformation gebraucht worden. Aber es ist charakteristisch, daß die Veröffentlichung dieser Bulle gerade jetzt geschieht, nachdem erst vor kurzem der deutsche Reichskanzler vom Papst in längerer Audienz empfangen worden und zu einer Zeit, da die Zentrumspartei die herrschende im Deutschen Reich, die bestimmende im preußischen Abgeordnetenhaus ist, und da sie und auch wohl ihr Schirmherr allen Anlaß hätten, mit ihren Genoffen in Frieden zu leben. Daß die Protestanten, namentlich die sonst dem Zentrum so nahestehenden Konservativen über eine solche Verdammung des Protestantismus ergrimmt sind, daß sie Interpellationen im Abgeordnetenhaus Vorbringen, um sie dann in recht nichtiger Weise aufzugeben, daß die Freisinnigen sich zu dem Verlangen versteigen, die Preußische Regierung solle ihren Gesandten beim Vatikan abrufen, ja die ganze Gesandtschaft aufheben, ist wohl begreiflich. Freilich wird es bei flammenden Protesten in Zeitungsartikeln und Versammlungen bleiben, irgendeine Maßregel des protestantischen Staates Preußen ist kaum, zu erwarten. . Für den Kulturhistoriker ist die Tatsache ungemein betrübend, daß eine der Weltreligioneu^n derartiger Weise von einer anderen spricht. Wir^clls-JudLufind ja leider gewohnt, daß unsere Kritik anderer Religionen höchst ungnädig bemerkt wird, wir müssen es oft genug erfahren, daß unsere Religion von -einzelnen, ja von ganzen Korporationen beschimpft wird und können keineswegs immer durchsetzen; daß Richter und andere Beamte, die einen Juden als Juden beleidigen, wegen solchen Tuns zurückgewiesen oder bestraft werden. Trotzdem lächeln wir nicht höhnisch über derartigen Unfrieden innerhalb der christlichen Kirche,' sondern beklagen aufs tiefste solch polternde Expektorationen, die niemandem nützen und nur dazu dienen können, die Zwietracht zü vergrößern. Die unblutigen, aller Menschlichkeit hohnsprechenden Greuel in Rußland finden noch immer ihre Fortsetzung: Zeugnis davon legt folgendes Telegramm ab, das der Hilfsverein der Deutschen Juden versendet:. s Petersburg, s 11. Juni. Die jeder Menschlichkeit spottenden Ausweisungen von Juden in Rußland, werden in immer empörenderer Weise fortgesetzt. Die Bestimmung, daß Juden nicht auf dem Lande wohnen: dürfen, wird dahin interpretiert, baß sie auch keine Sommerfrischen - .laufsuchen dürfen. Da die Hitze das Leben in den hygienisch stark zurückgebliebenen russischen Städten zurzeit fast unmöglich macht so haben zahlreiche Juden Landhäuser bezogen. Daraus werden sie nun unerbittlich vertrieben, selbst wenn die Häuser noch im Weichbild der Stadt liegen. In den kaukasischen Kurorten waltet eine Kommission ihres Amtes, die in jedem einzelnen Falle nachprüft, ob ein erholungsbedürftiger Jude krank genug ist, um eine Kur zu gebrauchen. Die meisten werden natürlich aus den Kurorten verjagt, soweit sie sich überhaupt hinwagen. In vielen Städten der Provinz werden alle Häuser durchsucht, um festzustellen, ob nicht-wohnberechtigte Juden sich darin befinden: so ist im Gouvernement Smolensk eine Reihe von Flecken Von berittener Polizei umzingelt worden, und alle Juden, denen nach dem - Ermessen dieser niederen Polizeibeamten das Wohnrecht nicht zustand, wurden verhaftet. Auf viele, die sich vor den Heldentaten der Polizei in den angrenzenden Wäldern versteckten, wurde eine förmliche Treibjagd abgehalten. Aus der Umgegend , der Orte, in denen diese unglaublichen Maßnahmen stattfinden, fliehen viele Juden, ihr Hab und Gut völlig preisgebend. Viele Juden, die großen Kornhandel treiben und daher auf dem Lande zu tun haben, Müssen ihre Geschäfte aufgeben, wodurch der gesamte Handel schwer geschädigt wird. ' Lindrückr von drr Tagung drr Vrreimgimg kür das librralr Judentum in Drutkchlsnd. ©eit Gründung der liberalen Vereinigung find zwei Jahre ins Land gegangen, und drinnen wie draußen war man gespannt, zu wissen, welche Früchte in diesen Jahren gereift sind. Als Versammlungsort für die erste ordentliche Tagung seit der Begründung war Nürnberg gewählt worden, das traute, alte Nürnberg mit seinen strebsamen, durchaus nicht im Alten steckenden Bürgern; Nürnberg, das eine große, moderne, jüdische Gemeinde besitzt. Dort hat der liberale Gedanke festen Fuß gefaßt, seitdem die im^ Mittelalter vollständig aufgelöste Gemeinde sich in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts neu gebildet. hat. Seitdem ist auch der Gottesdienst in moderner Weise gestaltet, und den Delegierten war Gelegenheit geboten, sich am Samstag dessen Eindrücken in dem. schönen Gotteshause hinzugeben. Da gibt es "t,ein beliebig Kommen und Gehen, da erscheint man nicht kurz vor der Predigt, um nach /ihr wieder zu verschwinden. Erst nach dem allgemeinen Schlußlied, das die ganze Gemeinde singt, erhebt man sich, um den weihevollen Raum zu verlassen. Weihe und Schönheit waren die Merkmale des Festgottesdienstes: Chor- und Gemeinde- und Wechselgesang, stille Gebeteüber denen diese Melodien schwebten, erhoben das Herz ,des^ Andachtsuchenden. Mit kraftvollem, wohlklingenden Tone, führte die Stimme des Kantors empor, bis in der Predigt der Gottesdienst seinen Höhepunkt erreichte. Herr Rabbiner Dr. Freudenthal begrüßte die Delegierten, soweit sie schon erschienen waren, und. sprach im Anschluß an das verlesene Prophetenwort (Hosea 2) in lebendiger, eindringlicher Weise, etwa folgendes: „Die Kanzel sei nicht dazu da, einer Partei das werbende Wort zu reden. Aber im Namen, im Interesse der Religion müsse überlegt werden, ob der in diesem Gotteshaüse von allen vertretene Standpunkt nicht berechtigt und notwendig sei, zunächst um Angriffe aus unsere Religion nach außen abzuwehren. Denen, die unsere Religion als minderwertig bezeichnen, könne nur entgegengetreten werden mit den Ergebnissen