Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Und heuteim neuen Kometen jahr, da an der Menschheit eine Epoche gewaltiger Geistesarbeit ihr Werk getan, wenngleich noch nicht vollendet hat? Es soll wirklich einige Opfer der Kometenfurcht gegeben haben! Sind sie nicht Erfindung der Zeitungen, nun, dann sind sie deren Opfer! Den richtigen Geist der Zeit erfaßte die Stadt mit dem ewigen Dom. Dort feierte man in der Nacht vom 18. auf den 19. Mai einen lustschäumenden Weltuntergangs-Karneval! So spottet der neue Mensch des alten. Wann aber kommt der Karneval — des Judenhasses? Zu guter Stunde erinnerte dieser Tage Wilhelm Förster (auf der Generalversammlung des Abwehrvereins) an die Leistungen von Juden auf dem Gebiete der Sternkunde und der übrigen Naturwisienschaften. Wichtiger könnte uns sein, daß auch die Spekulationen der Naturphilosophie dort anzulangen scheinen, wo das Judentum sich längst befand, beim Vertrauen zur Welt, beim sieghaften, kosmischen Optimismus. Ein vielgelesener Schriftsteller dieser Richtung, Wilhelm Bölsche, läßt^) die Naturforschung alle Möglichkeiten des Weltunterganges erproben, um sie allesamt mit ihren eigenen Gründen wieder zu bekämpfen. Weder das Zu-Eiserstarren, noch das Jn-die-Sonne-stürzen winkt uns eher, denn in Jahrmillionen, wo die Bedingungen unseres Seins vollkommen andere geworden sein müssen. Er kommt zu dem Schluß: „Hier flammt die eigentlichste Weltenkraft der Individualität hervor, so lange sie keinen Weltuntergang glaubt, gibt es ihn nicht." Heißt das nicht der ganzen Menschheit künden: über Dir herrscht kein Sternbild?! Was wird der Halley nach 75 weiteren Jahren schauen, wann er sich in den goldenen Türmen des Kremls spiegelt, in dessen Schatten wieder Greuel an Juden begangen werden? Wir wissen nur, daß wir die Zeichen am Himmel und auf Erden ethisch deuten müssen. Sie mahnen uns, nicht abzulassen in der Arbeit, bis die Kulturwelt auch wegen der an Juden geübten Gewaltakte und Rechtsbeugungen Anklage erhebt und Rechenschaft fordert. Sittliche Arbeit an uns selbst und an anderen ist die große Trösterin, die alle Schmerzen lindert, und neuer Welten Aufgang verheißt. Der Jude darf weder leichtfertig in den Tag hineinleben, noch dem Weltuntergang, der Auflösung ins Nichts entgegenstarren. Ihm hat alte Weisheit die Bahn gewiesen: Dein Sonnentag ist kurz, vielgestaltig- Dein Werk; zu träge noch sind die Arbeiter, der Lohn ist unermeßlich; — hart drängt der Weltenherr. Nachwort. Zu dem hier behandelten Thema erhalte ich von Herrn Albert Katz folgende Zuschrift: Richter 5, 20 lesen wir: „Vom Himmel herab stritten sie. die Sterne aus ihren Bahnen stritten mit Sisra." Zu diesem Vers bemerkt Niärased Tanchuma Bereschith: „Ein Stern, vom Himmel losgelöst, kämpfte damals mit der Erde." Es dürste nicht ausgeschlossen sein, daß hier auf den Durchgang der Erde durch den Schweis des Kometen hingewiesen ist. Numeri 24, 17: „Es tritt hervor ein Stern aus Jacob — und durchbohrt die Seiten Moabs und zerschmettert alle Söhne Schets." Das Erscheinen des Messias, der über die Völker Unheil bringen wird, wird hier — nach Abraham ben Esra — mit dem Erscheinen eines Kometen verglichen. Im babylonischen Talmud Traktat Lukka 29 a werden Sonnen- und Mondfinsternis wie alle anderen Himmels-- erscheinuugen als ein (IT) J^D) böses Zeichen bezeichnet; es *) In seinen naturwissenschaftlichen Plaudereien ..Vom Bazillus zum Affenmenschen." Leipzig 1903. wird aber das Wort Jeremias hinzugesügt: Vor den Zeichen des Himmels zaget nicht. Hochinteressant ist eine Stelle im Sohar zum zweiten Buch Mose.Seite 8 a (Wilna 1882). Da wird mitgeteilt, daß vor dem Erscheinen des Messias ein Komet mit einem Feuerschweif 40 Tage lang am Himmel sichtbar sein und die Menschheit in Angst und Schrecken versetzen wird. Dir Woche. Berlin, 15. Juni 1910. wei Angelegenheiten haben in dieser Woche die öffentliche Auflnerksamkeit vielfach beschäftigt: eine politische und eine religiöse. Haben sie auch beide mit dem Judentum direkt nichts zu tun, so sind sie doch an dieser'Stelle der Erwähnung wert, teils weil sie Symptome der allgemeinen Zustände sind, teils weil beides Ereigniffe genannt werden müssen, deren Einwirkung sich für einige Zeit spüren lassen wird. Das eine ist der Rücktritt Bernhard Dernburgs vom Vosten eines Staatssekretärs, das andere die päpstliche Enzyklika. Erst in den letzten Tagen wurde bekannt, daß Dernburg, früher Direktor der Darmstädtischen Bank, seit 1906 in das Kolonialamt berufen, seit 1907 Staatssekretär, um seinen Abschied gebeten habe. Die Bewilligung seines Abschiedsgesuchs ist seitdem offiziell bestätigt worden, in ehrenvollen Ausdrücken, mit der üblichen Ordensdekoration. Das Interesse für diesen zielbewußten, praktisch unendlich tätigen und in seinem Tun von reichem Erfolge gekrönten Mann stammt bei uns nicht nur aus dem Umstande, daß er mit Juden zusammenhängt, denn er ist ein Großneffe des unvergeßlichen Joseph Dernburg, wenn er auch selbst von christlichen Eltern geboren ist — schon sein Großvater, der Bruder des genannten Joseph Dernburg war zum Christentum übergegangen — sondern vor allem daher, daß mit ihm, was in Preußen bisher selten geschehen ist, ein Kaufmann und dazu ein völlig liberaler und unabhängiger Mann in das durchaus konservative Ministerium getreten war. Was den hochverdienten Mann zu seinem Rücktritt bewog, einem Entschluß, der nach allem, was man hört, ein vollständig freiwilliger, nicht erzwungener, auch nicht, wie man so gern sagt, aus Gesundheitsrücksichten veranlaßter war, das ist nach einstimmigen Meldungen teils die unwürdige Behandlung, die er durch das Zentrum oder wenigstens von einem von dessen Führern empfing, teils die immer wachsende Ueberzeugung, daß er in keiner rechten Uebereinstimmung mit seinen Kollegen in der Reichsregierung lebte, keinen Einfluß auf ihre Entschließungen und keine Förderung in den von ihm ausgehenden Maßregeln besaß. Auch wir von unserem Standpunkte aus müssen den Entschluß des ausgezeichneten Mannes, von seinem Posten zu scheiden, aufrichtig beklagen. £ Die päpstliche Enzyklika, die man, weil sie an den Heiligen Borromäus anknüpst, als borromäische Enzyklika bezeichnet, enthält folgende Stelle: „Eine solche wunderbare Einwirkung der göttlichen Vorsehung auf die von der Kirche beförderte Reformarbeit tritt klar und deutlich in dem Jahrhundert hervor, das zur Stärkung des Guten den Heiligen Karl Borromäus erstehen sah. Damals tobten die Leidenschaften, Kenntnis der Wahrheit war durchquert und verdunkelt, cs war ein beständiger Kampf mit dem Irrtum, und die menschliche Gesellschaft stürzte sich dem Unheil entgegen und schien