Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 aus den Sternen zu lesen geglaubt, daß ihm nur ein Sohn (Jsmael) geboren werden würde; da mahnt ihn die Himmelsstimme: „Laß die Astrologie der Völker; es herrscht kein Sternbild über Israel". Dies war eine gute Devise. Mochte Aegypten die Sonne anbeten (König Chuenaten erklärte sie um 1400 vor unserer Zeitrechnung für den höchsten, ja einzigen Gott), Kanaan dem Monde die Kußhand zuwerfen, Babel alle Planeten und das gesamte Heer des Himmels verehren — Israels geistige Zentralsonne ließ alle Gestirne erblassen. Die Starrheit des Monotheismus trug gute Früchte; draußen regierte bald Jupiter, bald Mars, bald Venus die Stunde; in Zion herrschte Gott allein. Der Tempel auf Moria war nach Westen gerichtet; alles warf sich vor der aufgehenden Sonne nieder; Israel kehrte ihr den Rücken. Unter den Davididen blieb es der Bedientenseele Manasse Vorbehalten, den babylonisch-assyrischen Gestirndienst mit seinen Astrologen und Sonnenrossen einzuführen. Die Gesetzesrolle seines Enkels Josia fetzt auf solchen Kult mit dürren Worten den Tod. Das niedere Volk huldigte noch lange dem astrologischen Aberglauben, wie Ezechiel bezeugt; aber zur herrschenden Richtschnur wurde mit seltener Einmütigkeit das Wortdes Jeremia (10, 1): „In der Richtung anderer Völker sucht keine Belehrung, und vor Zeichen am Himmel erschrecket nicht, so viel jene auch davor erschrecken!" Die Bibel erwähnt die, so den Himmel teilen; die Tagesverwünscher und die den Sonnendrachen reizen, sie stehen ihr alle auf einer Stufe mit Zauberern. Der Sternentraum Josephs und der Bileamsspruch vom Sterne Jakobs bedienen sich einer Bildersprache, wie sie uns noch eignet. Das aber war der Vorzug Israels, daß es zwischen Bild und Ding eine scharfe Trennung machte. Daher eben führte es dem Bildersaal der Gestalten des Glaubens keine einzige zu! Wie steht es nun aber mit dem Weltuntergang? Haben die Sterne mit dem Schicksale von Menschen und Völkern nichts, absolut gar nichts zu tun, so haben sie auch keinen Einfluß auf die Geschicke des Erdballs. Nichts ist der Bibel sicherer, als der ewige Bestand der Welt. Gott ist der große Ordner der Welten, er hat ihnen Gesetze erteilt, die sie niemals aus sich heraus auch nur um Handbreite überschreiten dürfen; in ihnen ist ein Abglanz der der Menschenbrust eingezeichneten Sittengesetze zu erblicken. Dennoch sieht die gesamte Prophetie für die Erde einen großen und furchtbaren Tag voraus. Anders aber, als in den kosmischen Dichtungen des übrigen Altertums, ist seine Bedeutung ganz ins Sittliche entrückt. Wir kennen jenen Tag, unsere Gebildeten zwar kaum aus dem Zephania (1, 15), aber aus Goethes „Faust" als den 1)168 irae dies illa — denselben, der die Menschheit in zwei Lager zerspaltet, von denen nur das der Gottessürchtigen aus Rettung hoffen darf. Wie alle Gotteserscheinungen ist er von Naturereignissen aufregender Art begleitet. Sie zeigen sich auf der Erde und am Himmel, wo die Sonne sich verfinstert und der Mond zu Blut wird; die Sterne ihr Licht einziehen (Joel 3, 3). Oder umgekehrt gleicht dann das Mondlicht der Sonne, und die Sonne strahlt in siebenfacher Glut; ja, Sonne und Mond stellen ganz ihren Dienst ein, weil Gott selbst dem geretteten Volke zum ewigen Lichte wird. Ein neuer Himmel und eine neue Erde machen dann die alten vergessen. Hiermit erreicht der kosmische Optimismus des Judentums seinen Höhepunkt. Ihm ist Weltende zugleich schönerer Welt Anfang, alle Erschütterungen des Erdballs mitsamt den Gestirnen sind wie die Wehen des Messiasreiches, das den letzten Sieg alles Göttlichen herbeiführt. In der Messiaserwartung trennten sich dann unerbitterlich die Wege des Judentums von denen des Christentums. Nicht zum Schaden des ersteren. Denn indem der neuere Glaube ein vorzeitiges Ende und einen willkürlichen Neuanfang verkündete, beraubte er sich des großen Weitblicks in die fernere Zukunft. Er suchte sich wohl einen Ersatz in der Behauptung einer zweiten Gotteswiederkehr am Ende aller Zeit. Aber er belastetete diese letzte Theophanie, von der das alte Schrifttum nichts weiß, mit den Schrecken eines jüngsten Tages, der nur noch düstere Farben trug, und zum Gericht nicht etwa an den Lebenden, sondern an den Toten wurde. Arme Menschheit, die du eben dem Planetendienst entronnen warst, nun einem Weltgericht entgegengejagt wurdest, in dem das Grauen vorherrschte. Phantastische Rechnungen kommen hinzu, dich zu ängstigen, Kometenfurcht findet Nahrung in allgemeiner Dumpfheit des Geistes; im Jahre 1000 wagst du kaum zu atmen; denn das ist das große Sterbejahr der Christenheit. Die jüdischen Chroniken erwähnen der Tatsache nicht einmal, kein Zeichen einer Erregung gibt sich kund. Denn das Judentum hat inzwischen entgegengesetzte Bahnen eingeschlagen. Als in den Zeiten des Talmuds und des für Israel lichtreicheren, früheren Mittelalters keine Befürchtung astrologischen Aberglaubens mehr vorlag, wandte es sich auch astronomischer Forschung zu. Teils suchte es Anschluß bei griechischer Wissenschaft (sie war die einzige, die neben dem Götterglauben einherging); teils bei der auf ihr fußenden des' Islam. In seinen Reihen blieb man der Ueberzeugung treu: über Israel herrscht kein Sternbild; trotz Not und Tod, Vertreibungen und Bannflüchen, hängen wir doch nur von dem einig-einzigen Gotte ab. Der Talmud enthält auch Aussprüche von Rabbinen, die wie eine Anerkennung des Sternenglaubens lauten. Aber er läßt gleichzeitig Patriarchen und andere Gelehrte unablässig auf Mehrung astronomischer Beobachtungen und Berechnungen bedacht sein, deren man zur Festsetzung des Kalenders bedurfte. Endlich entsteht dieser selbst, als ein Werk von erstaunlicher Feinheit, das nun seit 16 Jahrhunderten tadellos seinen Dienst tut. Wirklicher Mond- und scheinbarer Sonnenumlauf sind in ihm wunderbar ausgeglichen, das Jahr von einem klingenden Rhythmus bewegt, die menschliche Arbeit mit Kreisen umgrenzt für Tausende vonJahren. Da ist kein Spielraum für krankhafte Phantasien und Kometensurcht. Was davon ans Licht will, wird von der strengen Halacha in Schranken gehalten, die mit der Abkehr von den „Wegen der Heiden" unerbittlich Ernst macht. Die Welt war längst wieder allen Gewalten des Aberglaubens und Geisterspuks verfallen, als Maimonides im More (III, 29 bis 32) seine ätzende Kritik an ihnen übte, und das alte Gottesvolk an seine Pflicht gemahnte. Der äußere Druck, der auf ihm lastete, mehrte sich; die Spannung seiner Geisteskraft ließ nach. In den letzten Zeiten vor dem Morgenrot des 18. Jahrhunderts berechnete der Jude, aller Warnungen ungeachtet, oft die Endzeit. Sie sollte ja nicht alle Schrecknisse, sondern alles Heil bringen. Die letzten Schatten aus den prophetischen Bildern waren gewichen oder zu weichen Konturen geworden. Israels Erhöhung und endliche Einsetzung in seine Rechte sind geknüpft an den Aufstieg der ganzen Menschheit zur Gottesnähe. Ein Fieber brach aus; ein Paroxysmus, wie im . Jahre 1666,' das uns Jacob Wassermann in den „Juden von Zirndorf" unnachahmlich schildert; es war wie eine Krisis vor der Genesung. Zu Spiel und Bild dienen die Sterne noch allein, erscheinen sie auf den Wimpeln der Kinder, verzierten Ehepakten oder im schöngestickten Trauhimmel.