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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Es folgten die Logen, die Geschichtsvereine, und schließlich der . Verband deutscher.Juden. Trotz anhaltender Intoleranz (I) der Reform, trotz Orgänisationsprojekt usw.. griff eine mildere Beurteilung der Reform. Platz, bis die Gründung der „liberalen Vereinigung" die Situation fanalgleich' erhellte. Die . Pflicht der Ort hodoxie in der Gegenwart sei.es, nicht in der bloßen Abwehr ihr Genüge zu finden, nicht in einem Wettlauf mit den gegnerischen Organisationen um die Gunst der öffentlichen Meinung, um das Wohlwollen dieses oder jenes. Standes, um die Priorität dieses oder jenes Erfolges ihren Stolz urrd Eifer zu setzen; nicht jeder taggeborenen Neuheit. nachzujagen, und überall ihre Flagge zeigen müssen zu glauben, sondern in der Erkenntnis des eigenen.Könnens, in richtiger Einschätzung ihrer Fähigkeiten und in treffender Distanzierung ihrer Bedürfnisse positive Arbeit im Innern und nach innen zu leisten. Das Referat schließt mit dem Wunsche, daß es den Mitgliedern des Verbandes, als den Führern der Orthodoxie, vergönnt sein möge, die Forderungen des Tages mit den Geboten der Thora, das Endliche des Diesseits mitder Unendlichkeit des Jenseits in Einklang zu setzen. In seinem Korreferate verbreitete sich Herr Dr. Cahn-Fulda über den Begriff der „Orthodoxie" als einer zwar unzutreffenden, doch einzig unterscheidenden Bezeichnung. Die Anerkennung, die der prinzipielle Gegensatz der Reform zur Orthodoxie selbst im neologen Lager findet, wurde ausführlich besprochen. Die Verhandlungen der liberalen Vereinigung beweisen, daß die Orthodoxie keine verschwindende Minderheit .ist. Die „freie jüdische Vereinigung" bietet alles auf, um den Schein zu erwecken,.als gehörte sie nicht zu den Gegnern der Orthodoxie. Nachdem noch die mannigfachen Schwierigkeiten. denen das orthodoxe Prinzip allenthalben begegnet, eingehend beleuchtet worden waren, und Redner mit zündenden Worten den Mangel an. Offenheit und durchgreifender Scharfe, mit der. so oft im eigenen Lager, z. B. gelegentlich der Aufnahme von Berliners Randglossen zum Gebetbuch (die vom badischen Oberrat bereits weidlich ausgebeutet wurden) vorgegangen werde, als eine schwere Unterlassungssünde dargelegt hatte, ging die Versammlung zur Besprechung der - beiden Referate über. (Uns fällt hier .das Wort unserer Weisen ein: Wehe dem Geschlecht, das seine Richter richtet. Die Red.) Es folgte sodann das Referat des Herrn Rabbinatsassessor Posen-Frankfurt a. M. über „Nahrungs- und Genußmittel". Im Verlauf der Diskussion besprach u. a. Herr Dr. Meyer-Regens-' bürg in gerechter Schärfe Schäden des Restaurationswesens, indem selbst solche Betriebe, die auch an gesunde Gäste am Sabbath gekochte Speisen verabreichten, für rituell zuverlässig erklärt würden und beantragte, bei dem Hamburger Speiseverein deshalb anzufragen. Der Antrag wurde angenommen.. Ferner wurde auf Grund eines Antrages von Herrn Dr. Mannes-Schwabach die Einrichtung einer Zentral-Auskunfts stelle für die Zulässigkeit von .Nahrungs- und Genußmitteln in Aussicht genommen. - Die Tagung des 17. Mai begann mit einem außerordentlich instruktiven Vortrage des Dr. Hirsch feld-Gießen über „Schaatnes". Der Redner ging von der Tatsache aus, daß es bei der heutigen Fabrikation und Verarbeitung der Stoffe dem Nichtsachmanne einfach unmöglich sei, zwischen Leinen, Jute, Hanf, Baumwolle, Wolle usw. zu unterscheiden. Noch schwerer ist ein Weg zu finden, ein Gemischtgewebe aus beispielsweise Hanf und Leinen zugleich nach ., seinen qualitativen Bestandteilen zu prüfen. Aus dieser Schaatnes-Miserevermag nur dre mikroskopische Untersuchung der rohen Pflanzenfaser zu . befreien: eine Methode, die auch der unter Aufsicht des Referenten stehenden Fabrikation von Koscherwattierleinen, zugrunde liegt. Das Referat,wurde von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen, eingehend besprochen und eine aus Dr.' Hirsch feld- Gießen, Dr., Schiffer-Karlsruhe und P osen-Frankfurt a. M. bestehende Kommission wurde mit. der Aufgabe betrautdie zweckentsprechenden Maßregeln in die Wege zu leiten. (Heil Euch, Ihr Retter -Israels!' Die Red.) Es' folgte nun das Referat des Herrn Dr. Bondi-Mainz über das Thema: Wie weit ist die moderne B ib el?riti k b eim Ün t erricht zu^l' er ü cksi ch ti ge n?", in welchem der Redner das Verhältnis des orthodoxen, Judentums zur Bibelkritik eingehend besprach. Der Redner führte ungefähr folgendes aus: „Seit geraumer Zeit wiederholen sich die Versuche, weite Volkskreise mit den^Ergebnissen der deskrutiven Bibelkritik vertraut zu machen. Zeigt nun auch die Erfahrung, daß man trotz allem der Bibelkritik nicht das erwartete Interesse entgegenbringt, so dürfen wir doch den großen Gefahren gegenüberdie gerade dieser moderne Zweig des Wissens in sich trägt,, beim Religionsunterricht nicht untätig und sorglos sein. Verbietet sich nun eine eingehende Beschäftigung mit der modernen Bibelexegese an Schulen und Lehrerbildungsanstalten schon deshalb, weil die Schüler meist nicht über die genügende Bibelkenntnis verfügen,-so müssen doch den Besuchern des Oberghmnasiums und Lehramtskandidaten gegenüber allgemeine Gesichtspunkte hervorgehoben werden, und was für die Schüler besonders anziehend ist, die Resultate von Ausgrabungen erwähnt werden, die früher weitverbreitete Anschauungen cher Bibelgegner unbestreitbar als Jrrtümer enthüllen- Bei den exegetischen Vorlesungen der Rabbinerschulen ist daran festzuhalten, daß der Student erst nach gründlichem Bibelstudium,- das durch ein Examen oder durch den. Nachweis mehrjährigen Besuchs eines solchen Unterrichts sichergestellt erscheint,, zum Studium der Bibelkritik und Apologetik zugelassen wird. Unabweisbare pädagogische Gründe gebieten auch, daß der Lehrer der Exegese von den vorzüglichen altjüdischen Bibelerklärungen ausgehe, daß die modernen nichtjüdischen Exegeten erst in zweiter Linie genannt werden und daß man nicht in den Fehler verfalle, bei den Bemühungen der Zurückweisung radikaler Angriffe den Schüler darüber vergessen zu lassen, daß auch, unter den Alttestamentlern der Universitäten eine starke, wohl zu berücksichtigende konservative Partei existiert. Bei der Bekämpfung der unter Wellhausens Namen gehenden Evolutionstheorie muß darauf hingewiesen werden, daß die Wurzeln der Lehren dieser Art in dem doppelten - Streben zu suchen sind, zunächst die Bedeutung des Judentums zu verkleinern, um dann auf seine Kosten die christliche Religion zu glorifizieren, die als das Ziel der Entwicklung erscheinen soll. Der Lehrer der Exegese muß mit Konzessionen an die moderne Bibelkritik sehr zurückhaltend sein, selbst da, wo nach seiner festen Ueberzeugung dadurch kein Glaubenssatz irgendwie berührt wird." Wegen der vorgerückten Stunde konnte sich die Versammlung mit diesem Referate nicht so eingehend beschäftigen, wie es bei der aktuellen Wichtigkeit des Gegenstandes erforderlich gewesen wäre. Die Diskussion über dieses Thema wurde darum bis auf weiteres vertagt. Nach einem Schlußworte des Vorsitzenden wurde die Versammlung geschlossen. Gesterrrjch-LluMrn. K. Wien, 1. Juni. Der Aufenthalt Sr. Majestät unseres Kaisers in Serajewo, wird unseren Glaubensgenossen stets in , angenehmer, freudigster Erinnerung bleiben. Unser greiser Monarch hat auch diesmal bewiesen, daß alle seine Untertanen seinem Herzen gleich nahe sind, ohne Unterschied der Konfessionen und der Nationalität. Gleich nach seiner Ankunft in Serajewo empfing der Kaiser eine Deputation der spaniolischen und der österreich-ungarischen Kultusgemeinde, bestehend aus den Vorstehern Jesua Salom, dem neugewählten jüdischen Landtagsabgeordneten und Dr. Rothkop f, bei denen sich der Monarch eingehend nach den Verhältnissen der jüdischen Bevölkerung erkundigte. Zum Vorsteher. der.Spaniolen bemerkte der Monarch: „Ich kenne Sie schon von Wien, - > Tr. Rothkopf erstattete dem Kaiser Bericht über den vor einigen Jahren vollendeten Bau der Synagoge der österreich-ungarischen ^Gemeinde in Serajewo. Der Monarch beehrte auch mit seinem Besuche die israelitischen Gotteshäuser in Serajewo. Nach dem Besuche der serbisch-orthodoxen Metropolitankirche begab sich der,Kaiser nach dem sephardischen (spaniolischen) Tempel, wo ein Spalier junger Mädchen in originellen spaniolischen Kostümen, die Ankunft des^ Monarchen erwartete. Von dem Oberrabbiner und dem Kultusvorstande empfangen, wohnte der Kaiser einer kurzen ZerempnUbeh worauf der Rabbiner den Segen über den Monarchen sprach^. Vom.sephardischen Bethause begab sich der Kaiser zur Besichtigung^er^rotestantischen .Kirche, und von da fuhr der Monarch zum Tempel, der österreichischungarischen israelitischen Kultusgemeinde. Dietmar -das letzte Gottes-. Haus, dem der Kaiser einen Besuch widmete.,-Zum Hofdiner, das am 31. Mai stattfand, waren auch Rabbiner Dr..Wessel und her Kultusvorsteher Ie sua Salom geladmr.^. DerKaiferzeichnete-bei dem daraus folgenden Cercle beide Herren durch kurze Ansprachen aus. Dem Rabbiner Dr. Wessel sprach der Monarch seine besondere

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