Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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... ... Und eben dieser schon auf der Schulbank, viel härter und früher eintretende Daseinskampf, hat das Reisen im Sommer zu einer Notwendigkeit gestaltet, die bis in die Arbeiterkreise hinein eine Ausspannung erheischt. Und wiederum ist es derselbe früh einsetzende Kan,pf, der unser heutiges Geschlecht an die Heilstätten treibt, weil sie mit einer Schar von Leiden heimgesucht ist, die. unseren Vorfahren unbekannt waren. Diese Allgemeinbeträchtungen führen uns auf ein Gebiet, das speziell für die jüdische Welt eine besonders ernste Bedeutung hat. Wir sagen ja den Lesern jüdischer Blätter nichts Neues, wenn wir hier erwähnen, daß eine ganze Reihe, von Krankheiten unter den Juden entschieden stärker verbreitet ist, als unter Nichtjuden./Und daß von den vielen tausenden in Bäder reisende Glaubensgenossen doch nur ein Teil, wie ich sagen möchte, Vergnügung?- und Luxusreisende find, erhärtet die aus den ärztlichen Registern festgestellte enorme Zahl von Zuckerkranken und sonstigen Nervenkranken. In den letzten zwei Jahrzehnten sind zu diesen von einem berühmten Kliniker als „spezifische Judenkrankheiten" bezeichneten Leiden auch Organerkrankungen hinzugetreten, die mehr als je unter der jüdischen Bevölkerung ihr unheimliches Bürgerrecht zu erwerben drohen. Es sind dies die verschiedenen Formen von Herzerkrankungen, die häufig schon in einem Alter, das viel zu früh, und, mit analogen nichtjüdischen Kranken verglichen, auch viel zu häufig einsetzen. Ist schon an sich Kranksein ein Schicksal, so ist es ein Unglück für den Betroffenen, wenn sich die Armut hinzugesellt. Das Bitterste aber, was Krankheit und Armut dem Menschen zufügen können, bleibt das große Herzleid, wenn Eltern kranke Kinder haben, für deren Pflege ihnen keine Mittel übrig bleiben. Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, ein halbes Menschenalter hindurch als Arzt der Menschheit ganzen Jammer mitbeobachtet und mitempfunden hat, nur der weiß, wie arme Eltern empfinden, die für ihre unglücklichen Kinder weder Bäder noch Sanatorien oder Sommerfrischen aufsuchen können; denen der Mangel an Mitteln die Heilspforten verschließt, die man an Heilstätten und Heilquellen zu suchen pflegt. Ein herzkrankes Kind! Wieviel Herzleid, wieviel verhaltene Tränen aus den liebenden Mutteraugen! Wie viel verzweifelte in der Brust verschlossene Seufzer mitempfindender Väter! Wahrlich, ein herzkrankes Kind ist auch das größte Herzleid für Eltern, das allergrößte für mittellose Eltern, denen die Armut die Hände, die so gerne helfen möchten, bindet. Doch, wo die Zeit Wunden schlägt, schenkt sie auch Heilmittel, Unser Heilmittel der Gegenwart mit ihren vermehrten Leiden und viel verbreiteten Krankheiten ist das erwachte soziale Gewissen mit seinen großzügigen humanen Bestrebungen, die ihre Hauptaufgabe in der Linderung menschlichen Elends, und, als deren letztes Ziel die höchste Menschenaufgabe in der'Hilfe für die Aermsten, sonst dem Schicksal wehrlos Preisgegebenen erblickt. Inmitten aller dieser neuzeitlichen Bestrebungen sehen wir mit Genugtuung wiederum wie überall, wo es gilt, die höchsten Menschheitsziele zu verwirklichen, unsere jüdischen Glaubensgenossen mit an der Spitze der Völker marschieren. Nicht mehr allein in der Errichtung von Krankenhäusern sehen die Juden ihre Aufgabe an die leidenden Mitbrüder erfüllt, ihre Opferwilligkeit und ihr Mitgefühl haben auch ihren Blick geweitet und zu jenen Heilstätten hingelenkt, deren Ruf längst bewährt ist. Seehospize, Höhenkurorte, Sommerfrischen und Heilquellenbäder, sie alle berichten von jüdischer Wohltätigkeit und jüdischem Gemeinsinn. Sicherlich zu einem der segensreichsten aller solcher Institute muß die Kuranstalt für herzkranke jüdische Kinder betrachtet werden, die unser Glaubensgenosse Dr. Münz in der berühmten Badestadt Kissiugen errichtet hat. Doch so dankbar man auch anerkennen muß,, wie mit Hilfe gabenfreudiger Glaubensgenossen sein Werk geschaffen worden ist, das schon manches jüdische herzkranke Kind geheilt und zu einem künftigen Beruf körperlich widerstandsfähig gemacht hat, ebenso sehr muß auch bedauert werden, daß von den vielen Tausenden jüdischer Badegäste kaum 10 Prozent, ja vielleicht nicht einmal fünf Prozent, das Innere dieses schönsten Monuments jüdischer Mildtätigkeit je betreten haben. Es ist kaum ein größerer Anachro* nismus denkbar wie die Opferwilligkeit auf der einen Seite und diese /-/:/ fast unglaubliche Indifferenz jüdischer Badegäste gegenüber einer-: jüdischen Institution, wie man das in Kissingen leider beobachten muß. Bekanntlich bietet dieser Badeplatz keine allzugroße Fülle von Zerstreuungen, und liegt das ja auch, selten in dem Heilplan für die Kurgäste. Um so mehr sollte man doch erwarten dürfen, daß jüdische Kurgäste zum mindesten so viel jüdisches, und, generell auch humanes Interesse für ein Werk jüdischer Wohltätigkeit besitzen sollten, das selbst von nichtjüdischen Kurgästen häufig besichtigt wird. Es scheint mir daher nur eine Pflicht als Arzt, Mensch und Jude, durch diese Zeilen die Aufmerksamkeit unserer jüdischen Mitbürger auf das Sanatorium für herzkranke Kinder in Kissingen hinzuweisen, wobei ich annehme, daß von den Tausenden jüdischer Badegäste nur ein kleiner Bruchteil überhaupt diese Anstalt kennt. Es ist doch wahrlich kein allzugroßes Opfer, wenn man von den Hunderten eines Badeaufenthaltes einige wenige Mark auch für dieses Sanatorium erübrigen kann. Ich wende mich daher an Euch, Ihr jüdischen Mitbürger, die Ihr in der glücklichen Lage seid, mit Euren Kindern ohne gebündene, Marschroute nach Belieben Eure Sommerfrischen aufsuchen zu können, mit der Mahnung: Gedenket der armen herzkranken Kinder, die zu Hause bleiben müssen, trotz ihrer Krankheit! Ich wende mich an Euch, Ihr jüdischen Mütter, denen ein freundliches Geschick gesunde Kinder geschenkt hat, wenngleich vielleicht die Ueberbürdungen der Schule sie erholungsbedürftig gemacht hat. Dankt der Vorsehung für dieses unvergleichliche Glück, indem Ihr von den Mitteln, die Ihr für eine Badereise bestimmt habt, .einen kleinen Teil, das Maasser, dem Institut für arme jüdische herzkranke Kinder zuwendet. Ich wende mich an Euch alle, Ihr lieben Glaubensgenossen, die Ihr Euch ein mitfühlendes Herz bewahrt habt, unterstützt ein jüdisches Werk für arme jüdische Kinder. Ihr alle wißt ja mehr oder weniger, daß es nur wenige gemeinnützige Anstalten in Deutschland dieser Art gibt, in denen jüdische Kinder eine andere als theoretische Aufnahme finden. Um so ernster und dringender ist es unsere Pflicht, jüdische Kinderheilstätten zu unterstützen. Mir fällt hier ein Wort Heinrich Heines ein: „Arm sein, krank und Jude sein — eine dreifache Krankheit." Wollte doch der Dichter nur damit sagen, daß, wenn der arme Jude krank wird - und Aufnahme sucht für sein Gebrechen, sein Judentum ihm noch einmal zur Krankheit wird. Wir aber sollen und wollen diese dritte Armut überwinden, damit das Judentum nicht eine Krankheit, sondern ein Panier des sittlichen Reichtums, der Nächstenliebe und der Hilfsbereitschaft bleibe. Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid dankbar gegen die Vorsehung, sofern sie Euch vor dem schweren Leid bewahrt hat, ein krankes Kind in Eurer Mitte leiden zu sehen. Gedenket der armen Mütter, deren Herz betrübt ist, von der Herzkrankheit ihres Kindes. Erweist Euch dem Schicksal dankbar für Eure und Eurer Kinder Gesundheit/indem Ihr der armen herzkranken Kinder gedenket. Ihr werdet dann mit froherem Gefühl Eure Sommerfrischen besuchen; und mit dem Bewußtsein, Eure Menschenpflicht erfüllt zu haben, werdet Ihr doppelt gestärkt in Euer von Herzeleid verschontes Heim zurückkehren! Dr. Arthur Kahn.. ^^>ir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Bezüglich der gegenwärtig so viel diskutierten Frage, ob Jesus gelebt hat, ist es wohl von Interesse, daß hierüber schon vor Jahren sehr geistvolle und scharfsinnige Untersuchungen von dem leider viel zu früh verstorbenen Dr. H. M. Cohn im Jahrbuche für jüdische Geschichte und Literatur für 1903 („Sein Blut komme über uns") und 1905 („Jesus-Barabas") erschienen sind. Ob hierauf.schon Bezug genommen worden ist, weiß ich leider nicht, da ich nicht imstande war, den Verlauf der Diskussion näher zu verfolgen. Sollte es aber nicht der Fall sein, so dürfte es wohl ein Akt der Gerechtigkeit sein, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung ergebenst L. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berli«