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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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Helbing (zu Gustav)- Jetzt Ms aber genug. Gustav, nur keine Wichtigtuerei! Wir sind unter guten Freunden, und wenn Du etwas zu sagen hast, so sag' es nur rund heraus!' Gustav: Also — wenn Sie gestatten! Ich komme schnurstracks vom Gouverneur, dem Fürsten Suwaroff. Zu Hause traf ich ihn wohl nicht an, aber rate, wo ich ihn dann fand? Helbing: Nur möglichst wenig Rätsel! Gustav: Ich hatt' 'ne feine Witterung. Er war im Künstlerhaus. In zehn Minuten war ich dort. Die Jury 'war eben zusammengetreten. Ich schickte zunächst meine Karte hinein und ließ Obolenski, unfern alten Kameraden, bitten. Von ihm hörte ich, daß der Streit über Deine „Plünderer" gar heftig entbrannt war. Mich interessierte es freilich nicht, was Csirczky, Leontjew, Oblomowitsch und die ganze Künstlergesellschaft zu dem Bilde sagten, denn ich wußte, es gefiel ihnen sehr. Mir war es hauptsächlich darum zu tun, auf diplomatische Art zu erfahren, was die Kunstfreunde, die Hochmögenden, die Politiker dazu sagten, denn von ihnen hing alles ab. Unterdessen — während ich mit Oblomowitsch noch sprach — kam plötzlich Fürst Suwaroff, der Gouverneur, aus dem Saal heraus, und reete auf mich zu. Sein Aussehen war gar nicht vertrauenerweckend. Der. russische Grandseigneur, wenn er wütend ist, Ihr wißt ja — na, kurz und gut, mir schwante Böses, doch sollte ich mich in ihm — zu meinem Vergnügen — sehr gründlich geirrt haben. Ich wußte gar nicht, daß wir an ihm so einen warmen, aufrichtig überzeugten Demokraten haben. Mit tiefer Verbeugung nahte ich mich ihm: „Exzellenz waren so gütig, mir eine Audienz zu bewilligen. Aber ich fand Sie in Ihrem Palais nicht zu Hause. — (Imitiert den aristokratischen Tonfall des Gouverneurs) : „Hier war ich, mein Lieber, in Anspruch genommen ... bei der Jury . . . und sehen Sie, mein Bester, es ist wohl das abgeschmackteste Ding von der Welt, das ich kenne, einer solchen Körperschaft in Rußland zu präsidieren. Was ist das doch für ein perfides, gemeines und ränkesüchtiges Volk . . . püh . . .. daß einem schon von weitem der Gestank von ihrem Dünkel in die Nase dringt. So mußte ich mich denn eine geschlagene halbe Stunde mit ihnen herumbatgen . . . wegen eines Bildes. Aber sagen Sie, mein Freund, Sie kennen Helbing?" — „Zu Diensten Exzellenz!" — „Ein starkes Talent!? Ein Draufgänger. Und hat auch Rückgrat, der Mann! Ja, was ich sagen wollte, das Bild ist prachtvoll, aber der Gegenstand . . . vielleicht denn doch etwas zu schlüpfrig . . . von den Juden spricht der Tenor seines Werkes, und nimmt für sie Partei. Und deshalb wollte es die Bande zurückweisen. Cretins, nicht wahr?" — „Ganz meine Meinung, Exzellenz... Cretins!" — „Ja so Ms. Ich kapazitierte als. Präsident die Majorität, und — mag es biegen oder brechen — wir geben ihm den ersten Preis. Hab' ich recht oder nicht?" — „Bedingungslos Exzellenz!" — „In Petersburg zwar werden sie darüber aus der Haut fahren, aber.— das ist mir gerade recht, das freut mich, das prickelt mich wie ein Stahlbad." — „Exzellenz, ich bitte den Ausdruck meiner tiefsten Verehrung — --" „Ah, bah, also Helbing hat den ersten Preis, sie mögen bersten oder platzen . . . ich sage: äixi. Wie meinen Sie mein Freund?" — „Exzellenz, er verdient ihn auch vollauf." Und. dabei, weißt Du, dachte ich gleich im stillen: Gustav, Gustav, Du bist ja mitinteressiert dabei. Ich gratuliere! . Helbing: Nicht ohne tiefe Wehmut empfange ich diese Nachricht — an diesem Tag der Trauer. Wohl muß ich mich darüber freuen, aber es ist ja immerhin doch nur meine Freude. Und wenn das. alles ist, Gustav, was Du mir zm sagen hättest, so wäre es doch viel richtiger gewesen, unter vier Augen —- ( . Helenen Auch ich freue mich von Herzen über den Erfolg Ihres Werkes. Und was mich besonders freut, ist: daß Sie gerade mit diesem Bilde den Erfolg errungen haben. . Helbing Ob dieses oder jenes:' es ändert gar nichts an der Sachlage. Und wenn ich es mit feuerflammenden Worten und mit blutigen Lettern ans Firmament zu schreiben vermöchte: Ihr Menschen, seht den Völkermord! Auch das würde uns nicht viel helfen. Bringe uns, mein Freund, die Nachricht,, daß der Zar die Gleichberechtigung proklamiert habe für alle seine Untertanen, daß er willens sei, seine treulosen Beamten zu bestrafen, die. den Mob auf seine friedlichen Bürger hetzen, und willens sei, der himmelschreienden Ungerechtigkeit der Justiz in seinem Lande ein Ende zu bereiten: dann wird' unsere Freude allgemein sein. Helene: Sie sind, lieber.Helbing, in Ihrem Wunderglauben so kindisch — — — Dr. Masirewitsch: Wie Sie selbst waren, mein Kind und wie auch — Ihr seliger Vater gewesen ist. Er wünschte in seinem Testament, daß der Auserwählte seines Mädchens etwas Großes, etwas Außergewöhnliches für. sein Volk vollbracht haben müßte, nur, daß dies Große, dies Außergewöhnliche von einem Mitglied unseres Volkes nicht vollbracht: werden kann. So wie auch der stärkste Riese nicht imstande ist, sich selbst aufzuheben. Andere, die über größere Kräfte verfügen, wie wir, die müssen dies Wunder bewirken, diejenigen, in deren Hand sich vereinigt: die Kraft, das Gesetz und die militärische Macht. Die Großen und Vornehmen, die bisher so taub wären gegen alle unsere Nöten — — — Gustav (verbeugt sich ironisch vor Dr. Masirewitsch): Verzeihung, Herr Doktor, Sie haben unrecht. (Verbeugt sich ebenso vor Helene): Verzeihung, mein Fräulein, Sie haben gleichfalls unrecht. (Verbeugt sich ebenso.vor Helbing): Verzeihung,-mein'. Freund, Dir hast insbesondere und vor allen unrecht, da Du selbst am besten weißt, daß Du unrecht hast. Helbing: Ja, Alter, wenn Du uns nicht etwa anulken , willst, was heißt denn das? Was sprichst Du da? Wenn alle unrecht haben, wer hat denn sonst recht? Gustav: Er, der einzige, unser allverehrter, verewigter Herr Samuel Wassiljewitsch mit seiner Klausel im Testament. Helbing: Bist Du von Sinnen? Gustav: Das wird Dich die morgige. Nummer der Wjedomoszti schon lehren. Dort lies den Artikel von mir! Einen kleinen Auszug — wenn es die Damen vielleicht erlauben — Helene: Bitte, wir hören. Frau Dörmann: Wir sind ganz Ohr! Gustav (nimmt ein Papier zur Hand, in das er zuweilen hineinblickt): „Traurig wäre es, wenn wir aus der Menschengeschichte daran verzweifeln ' müßten, daß die materielle und moralische Lage der Menschheit jemals besser werden könnte. Noch trauriger aber wäre es, wenn wir in den Zeiten der . Not, wo kein Rettungsanker uns vor den Stürmen der sozialen Kämpfe zu sichern scheint,-uns nichts anderes zu sagen hätten, als: „hier muß ein Wunder geschehen!" Aber leben wir denn wirklich noch in jener finsteren Zeit, wo der schwächste Einfluß ein ^Hebel sein konnte, unter dessen Drucke die Jahrhunderte erzitterten, wo die schweren dumpfen Massen in ihrer finsteren Unwissenheit hinbrüteten und ihre Rettung nur vvn einem einzigen allein erwarteten, der auf der Höhe des Lebens stand? Sind wir noch Analphabeten, die durch tausendjährigen Druck zur Armut, zur Knechtschaft und zu geistigem

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