Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ihrer reifsten und bedeutendsten Werke, „Die Argonauten", gelang. An diesem Orte kann nicht der Versuch gemacht werden, ihr Gesamtwirken. zu schildern, und gewiß nicht der, jede einzelne Dichtung der fruchtbaren Autorin durchzunehmen. Aber kurz möge auf einzelne Arbeiten hingewiesen werden, in denen sie mit starkem Talent, ungewöhnlichem Verständnis und einer bei Andersgläubigen seltenen Vorliebe jüdisches Leben vorzuführen verstand. „Ein eigenartiger Zufall", die folgenden Worte entnehme ich einem Artikel der Vossischen Zeitung, „machte sie mit dieser ihr bis dahin völlig fremden Welt des^polnisch-russischen.Jargonjudentums, der sogenannten Chassidim bekannt. Während einer Choleraepidemie, die zugleich eine schreckliche Hungersnot im Gefolge hatte, besuchte sie auch die Behausungen erkrankter Juden. Bis dahin hatte sie, wie viele ihres Standes, in dem Wahn gelebt, die Juden seien alle reich. Nun sah sie aber soviel Elend in ihren schmutzigen Wohnstätten, zugleich aber so viel Gottergebenheit und Resignation in das Schicksal, wie sie sich nie hatte träumen lassen. Während die polnischen Arbeiter im Instand tierischer Verkommenheit dahinlebten, oft die wenigen Groschen, die sie erworben, oder die mitleidige Nächstenliebe ihnen zugesteckt, vertranken, ihre Frauen prügelten usw. Dieser in die Augen springende Gegensatz veranlaßte die menschenfreundliche Aristokratin, sich von nun ab näher mit den bis dahin von ihr teils gering geschätzten, teils nicht geachteten polnischen Juden zu beschäftigen und nicht bloß in ihre völkerpsychologische Besonderheit, sondern auch in ihre religiösen Einrichtungen zu versenken". Hier kommt hauptsächlich in Betracht ein Bändchen „Der starke Simson und andere"L) und ein starker Band „Meier Ezofowicz" * 2). Das letztere, gewiß das Hauptwerk jüdischen Inhalts, das von unserer Verfasserin herrührt, verdiente in den Kreisen unserer Glaubensgenossen eine viel weitere Verbreitung als . ihm bisher zuteil geworden ist, zumal es mit einer trefflichen Verdeutschung und in einer für derartige Werke ungewöhnlich schönen Ausstattung vorliegt. Es ist die Geschichte eines Märtyrers, der für seine Ueberzeugung leidet. Nicht für seinen Glauben, denn kein Kampf der Juden oder eines Juden gegen Christen wird dargestellt. Sondern es ist die Entwicklungsgeschichte eines Juden, der aus eigenem Nachdenken und durch die Lektüre der Schriften eines Aelteroaters die geistige Freiheit erwirbt, sich aber nicht damit begnügt, für sich aus dem Grunde emporgestiegen zu sein, sondern der danach strebt, die Erleuchtung, die er sich erworben, auch seinen Glaubensgenoffen mitzuteilen. Er verliert alles, was er besaß: Stellung, Familie, Geliebte. Es kommt zu wilden Verwünschungen und fürchterlicher Bedrohung seines Lebens. Er aber flucht nicht und verzagt nicht. Nur seine Ueberzeugung aufzugeben, die ihm heilig geworden ist, vermag er nicht. Und da er, so lange er diese bekennt, unter seinen Heimat- und Glaubensgenossen nicht weiter leben kann, zieht ^er arm, aber ungebrochen in die Ferne. Es ist ein wunderbares Buch, das auch die Kinder des XX. Jahrhunderts mächtig zu ergreifen imstande ist, obgleich es in ferne Gegenden und in abgelebte Zeiten führt. Mit ersichtlicher Vorliebe für die Juden geschrieben, stellt es nicht y Berlin 1903, Verlag von Siegfried Cronbach. 2) Erzählung aus dem Leben der Juden. Einzig autorisierte Uebersetzüng aus dem Polnischen von Leonhard Brixen mit 26 Illustrationen von M. Andriolli. Dritte Auslage ohne Jahr. Dresden und Leipzig. Verlag von Heinrich Minden. <?»? i-m, j -r\ den Versuch dar, die geistig Zurückgebliebenen als moralisch minderwertig, als sittlich verkommen darzustellen, hütet sich aber anderseits davor, den wilden Fanatismus, die rachgierige Verfolgungssucht, das starre Festhalten an althergebrachten Anschauungen zu verklären. Ein freiheitdurchtränktes Buch das, doch im Hinblick auf das Land und auf die Zeit, in denen es spielt, nicht den Triumph des Geistes verkündet, dem die Zukunft gehört, sondern den Rückzug und zeitweiligen Untergang des Helden darlegt, der gegen übermächtige Gewalten kämpft. Inmitten der Vorführung dieses furchtbaren Ringens gar manche idyllische Züge, liebliche Ruhepunkte in der Welt des Haders und des Streites. Solche sinnigen Verherrlichungen des jüdischen Kleinlebens finden sich namentlich in den Erzählungen „Gedalje" und „Der starke Simson". Jene ist die Schilderung eines elenden totkranken Trödlers, der bei einem geringfügigen Erbsendiebstahl, begangen auf freiem Felde, von dem Sohne eines Bauern getroffen, von diesem jedoch, dem er in den Zeiten seines eigenen Wohlstandes und der Dürftigkeit jenes, gute Dienste geleistet hatte, nicht bestraft, sondern milde behandelt wird. Diese ist die Geschichte eines gelehrten für das Leben absolut unbefähigten Armen, Schimsche, der sich von seiner Frau, die den Gatten vergöttert, ernähren läßt, seine Tage mit „Lernen" und mit Verzärteln seiner Kinder zubringt, fast traumhaft dahinlebt, bis er infolge eines Purimspiels (sie), in dem er den Helden Simson zu agieren hat, die Nichtigkeit seines eigenen Dahinlebens, das Vorhandensein einer Welt des Ideals, die Ahnung einer Entwicklung, eines Aufstrebens, das auch für seine Kinder Geltung habe, empfängt, und schließlich in den Wunsch ausbricht, daß seine Kinder Stärke und Schönheit, sowie alle die kostbaren Güter, die seinem Traumleben versagt geblieben waren, erlangen mögen. *Eine Schriftstellerin, die mit so tiefem Verständnis das Elend der östlichen Juden erkennt, und statt mit Gleichgültigkeit oder Gehässigkeit sich davon abzuwenden, die Lichtseiten dieser Glaubensgemeinschaft erkannte, die tiefe Frömmigkeit, die Innigkeit des Familienlebens, das Verlangen nicht etwa nach Reichtum und hoher Stellung, sondern nach geistiger Ausbildung und innerer Befreiung in lebendigen Bildern vorzusühren wußte, die den Bestand dieses Glaubens, die Gewißheit seiner Wirkung auf die Zukunft verherrlichte, verdient, daß ihr Andenken auch im Geist und im Herzen jüdischer Leser erhalten bleibe. Ludwig Geiger. Das Testament. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland in drei Aufzügen. Von Emanuel Kalisch. JSSSä Sechster Auftritt. Die Vorigen, Gustav. Gustav: Verzeihung... für mein unangemeldetes Eintreten! Aber, ich wußte, daß ich meinen Freund Helbing hier treffen werde, und habe ihm etwas Dringendes zu berichten- Helene: Wir lassen Sie also allein. Gustav: Aber ich bitte... das heißt, ich weiß nicht. .. ich möchte nicht gerne indiskret sein ... Helene: Wir gehen also hinaus. Ich bitte . . . nur ganz wie zu Hause!