Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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lll \t!-u' t : i: Aus den Uebersichten (pagina 36—43) über die Ergebnisse der Prüfungen, die von den Königlichen Wissenschaftlichen Prüfungs-Kommissionen abgehalten wurden, ergibt sich, daß 16 jüdische Schulamts-Kandidaten in der genannten Zeit zum erstenmal geprüft wurden, und zwar zehn in Berlin, je einer in Greifswald, Breslau, Halle, Kiel, Göttingen, Marburg. Von diesen Prüflingen bestanden sechs in Berlin, ferner diejenigen in Greifswald, Breslau, Halle und Göttingen, so daß ein Zugang von zehn Kandidaten (im Vorjahre sieben) stattfand.. Hierunter sind ein Altphilologe, zwei Neuphilologen, fünf Mathematiker, zwei Germanisten (bezw. Historiker). In derselben Zeit bestanden von 993 Evangelischen 663, von 478 Katholiken 279, oder es betrug der Prozentsatz der erfolgreichen Prüflinge bei den Evangelischen 66,7, bei den Juden 62,5, bei den Katholiken 58.3. Hiermit sind die jüdischen Kandidaten von der letzten Stelle (gegenüber dem Vorjahr) an die zweite Stelle gerückt, und ihr Zugang entspricht dem von 943 Andersgläubigen (auch ein Dissident bestand) fast genau der Bevölkerungsziffer der preußischen Juden. Immerhin mag auch noch aus diesen Ziffern, den jüdischen Philologen die dringende Mahnung erwachsen, ihre Studienzeit so gründlich wie möglich auszunutzen, sie nicht durch Nebenbeschäftigung übermäßig zu schmälern, auf keinen Fall aber vor beendeter Prüfung eine Stellung anzunehmen, die ihr Bestehen in Frage stellt. Außerdem ist zu berücksichtigen, daß die Ablegung der Prüfung noch keineswegs die Erteilung des Zeugnisses der Anstellungsfähigkeit oder gar die Anstellung selbst gewährleistet. In dieser Beziehung spricht die äußere Erscheinung, die Sicherheit im Auftreten, die pädagogische Befähigung mit. Auf S. 52. ff. der statistischen Mitteilungen finden wir die konfessionellen Verhältnisse der Schüler an den höheren Lehranstalten dargestellt. Es ergibt sich: a) Vollanstalten Gymnasien Realgymnasien Oberrealschulen Schülerzahl 102 297 41 202 34 735 jüdisch 6 249 2 660 1 494 Vorschulen Schülerzahl 13 309 7 424 5 644 jüdisch 1 570 807 271 b) Nichtvollanstalten Progymnasien Realprogymnasien Realschulen Schülerzahl . 4 497 4 878 33 350 jüdisch 144 167 1 900 . Vorschulen Schülerzahl 39 1 127 4 898 jüdisch 4 22 420 In Prozenten betrug die Anzahl der jüdischen Schüler auf den Gymnasien Realgymnasien Oberrealschulen 6,1 6,4 4,3 11,8 Proghmnasien 3,2 Vorschulen 10,8 Realprogymnasien 3,4 Vorschulen 1,9 4,8 Realschulen 5,7 8,6 10,3 Hieraus folgt, daß die Zahl der jüdischen Schüler gegenüber dem Vorjahr (vergl. diese Zeitschrift 73. Jahrgang Nr. 15) in den Vorschulen der Proghmnasien und Realschulen relativ ein wenig gewachsen, in den Vorschulen der Realgymnasien und Realproghmnasien gleich geblieben ist, in den eigentlichen Anstalten (mit Ausnahme der Realproghmnasien) dagegen abgenommen hat. Auffallend ist wieder der zum Teil erheblich höhere Prozentsatz der jüdischen Schüler in den Vorschulen gegenüber dem in den eigentlichen Anstalten (mit der eben erwähnten Ausnahme). Hinsichtlich der Religion bezw. Konfession der Abiturienten ergibt sich: Gymnasien Realgymnasien Oberrealschulen Anzahl 5 919 1449 926 jüdisch . 362 91 28 Progymnasien Realproghmnasien Realschulen Anzahl 438 314 3438 jüdisch 20 17 218 In Prozenten betrug die Anzahl der jüdischen Abiturienten an den ‘ Gymnasien 6,1 Proghmnasien 4,6 Realgymnasien 6,2 Realprogymnasien 5,4 Oberrealschulen 3,0 Realschulen 6,3 Alle diese Zahlen sind niedriger als die entsprechenden im Vorjahr — wahrscheinlich die verhängnisvolle Folge des Rückganges, der Geburten unter den Juden Preußens. Johannes Joel. Llile Vr?ks?tw? Am 19. Mai starb zu Grodno eine Schriftstellerin, der Dank und Verehrung gebührt, weit über das Grab hinaus. Elise Orzeszko (eigentlich Eliza Orzeskowa, geb. Pawloska) polnische Romanschriftstellerin, war 1842 in der Nähe von Grodno geboren, heiratete 1858 Peter von Orzeszko, der wegen Teilnahme an dem polnischen Aufstande 1863 nach Sibirien verbannt wurde. Sie kehrte nach der gewaltsamen Trennung von ihrem Gatten auf ihr väterliches Gut zurück, leitete später eine Zeitlang eine Buchhandlung in Wilna, die bald durch die russische Regierung unterdrückt wurde, und lebte seit dem Anfang der achtziger Jahre bis zu ihrem Tode in Grodno. Elise Orzeszko war eine fruchtbare, viel gefeierte Schriftstellerin. Ihre Werke erschienen in 44 Bänden in Warschau 1884—88; gar manche sind ins Deutsche übersetzt worden. Die tapfere, kluge und edle Frau behandelte mit Tapferkeit, Klugheit und Edelmut gesellschaftliche und sittliche Probleme, indem sie das Leben und die Stellung der Frau, die traurige äußere und innere Lage der Juden und das Elend der bäuerlichen und kleinadligen Bevölkerung zum Gegenstand ihrer Schilderungen machte. Nur selten wandte sie sich von der Gegenwart ab und unternahm Streifzüge in die Vergangenheit, aus der die römische Kaiserzeit sie besonders lockte. Realistische Darstellung und freiheitliche Gesinnung treten in allen ihren Dichtwerken hervor. Sie war keine Politikerin in dem Sinne, daß sie stets mit Entrüstung die traurigen Zustände ihres Volkes und Landes darstellte, noch weniger eine Revolutionärin, die unermüdet zum Kampf gegen den Bedrücker ausrief, sondern eine Frau hohen Sinnes, die ihre Landsleute zu stetiger, nur durch diese Stetigkeit erfolgreichen Arbeit, zur inneren Wiederbelebung, zur kulturellen Erstarkung nach Maßgabe anderer Länder feurig und nachdrücklich mahnte. Sie hatte das Glück, ihre, erfinderische und darstellende Kraft bis zum Ende ihres Lebens zu bewahren, so daß ihr, als sie fast das 6. Jahrzehnt erreicht hatte, eines }) Ein Bild der Verstorbenen zu bringen, war leider unmöglich, da die erreichbaren Vorlagen so schlecht waren, daß eine Wiedergabe zu undeutlich erschienen wäre.