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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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. Aber er durfte den Titel Konzertmeister führen, der ihm zu Lektionen verhalf, und da er, der seine eigene Bildung zumeist als Autodidakt erworben hatte, auch hier wieder die altbewährte talmudische Lehrmethode zur Anwendung brachte, konnte ihm der Erfolg nicht fehlen. Der Tag war also mit Stundengeben ausgefüllt, des Abends spielte er im Theaterorchester die auch damals bejubelte Operette. In den Pausen des Orchesters aber, wenn auf der Bühne der Kalauer und die Zote zu Worte kamen, da füllte sich das Notenheft, das. auf Goldmarks Knien lag, mit tiefdurchdachten, klangfarbigen Kompositionen, welche als Kammermusikstücke in Haslinger einen Verleger fanden und, in den Konzerten der Philharmoniker dem Publikum zum erstenmal zu Gehör gebracht, eine gehaltreiche, edle Musik offenbarten. Die „Frühlingsouvertüre", . „Ländliche Hochzeit", „Sakuntala", „Sappho", „Penthesilea", „Briseis" und andere Kompositionen, welche bei voller Getragenheit des Stiles, des Wohllautes und der Verständlichkeit nicht entbehren, begründeten den Ruhm des aufstrebenden Komponisten, dessen männlich-schöne Erscheinung, nicht beeinträchtigt durch sein ein wenig linkisches, aber dennoch sicher in sich selbst ruhendes Wesen, . die Sympathien, die er in der Elite des musikalischen Wien fand, rasch vermehrte. Goldmark näherte sich seinem 40. Lebensjahre, als er seine erste Oper zu schreiben begann. Er hätte nicht der im jüdischen Sinne sich betätigende geistige Arbeiter .sein müssen, der er ist, wenn er ein anderes als ein biblisches Thema gewählt hätte. Das Libretto hierzu schrieb ihm Mosenthal. Und so entstand die „Königin von Saba", ein Werk, in welchem die anmutigste Lyrik, die flammendste Leidenschaft, das reichste, aber in den Strängen musikalischer Logik gezügelte Temperament zum Ausdruck kommen. Goldmark ist kein Viel- und kein Schnellschreiber; fünf Jahre vergingen, ehe die Arbeit von ihm, der an sich selbst den kritischsten Maßstab legte, für vollendet erklärt und in der Hofoper zur Aufführung gebracht werden konnte. Aber dafür auch welche Gediegenheit, welcher Schliff, welche Gefeiltheit! Nichts von dem Jnstrumentengewirre moderner Komponisten, dessen lärmendes Chaos vergeblich die mangelnde Erfindung bemäntelt. Rein undvoll strömt bei Goldmark der Strom der Melodien, die edelsten Töne jedweden Instrumentes werden durch die Partitur hervorgeholt und zu euphonischem Zusammenklange voll Kraft und Harmonie geführt. Umsponnen von den farbenreichen Klängen, umbraust von den Fluten des Wohllautes, umfangen von einer durchgeistigten Sprache der Töne lauscht der Hörer den zarten und mächtigen Schöpfungen einer reichen, weitausgreifenden, aber durch Intelligenz begrenzten, nie ins Uferlose sich verlierenden Phantasie. „Ein alternder Mann", hieß es damals, habe dieses Werk voll jugendlichem Feuer geschrieben, und siehe da! in Wahrheit stand Goldmark erst am Beginn seiner Jugend. Was dann folgte, die Zauberoper „Merlin", Dickens, niedliches „Heimchen am Herd", „die Kriegsgefangene", alles Selma Rurz (Königin von Saba). Produkte jahrelanger Arbeit und sorgfältigst durchdachten' Schaffens, zeigte mehr und mehr den sich verjüngenden Komponisten, bis er mit seinem „Götz" das jugendkräftige Blühen des jungen Goethe erreichte. Und Shakespeares „Wintermärchen", an dessen Fertigstellung der Achtzigjährige arbeitet,. wird das Frühlingswunder nicht eines Johannistriebes, sondern einer weise aufgesparten Jugendlichkeit sein. Von all den Ehrungen zu berichten, mit welchen man dem an Bescheidenheit abermals einem Talmudweisen gleichenden Tondichter das Begehen seines 80. Geburtstags erschwerte, würde wohl Bände füllen. Fast kein Opernhaus in der ganzen Welt, das nicht eines seiner Werke gebracht hätte, der Gedenktafeln, Ehrenmitgliedschaften, Ehrendoktorate, Bankette und Festlichkeiten gar nicht zu gedenken. Die Konzerte des vergangenen Winteks waren reich an Goldmark-Nummern, und jedes dieser Programme wollte als Goldmark-Feier gelten. Recht ä propös erschien auch anläßlich des 50jährigen Bestandes der Philharmoniker eine kleine Schrift „Ernstes und Heiteres aus den Erinnerungen eines Philharmonikers" vom Dirigenten des Hofburgtheaterorchesters Kapellmeister Josef Sulzer, einem Sohne des unvergeßlichen Wiener Oberkantors Salomon Sulzer, der in Gemeinschaft mit dem Prediger N. Mannheimer den modernen Gottesdienst geschaffen hatte. Vielfach sind in diesem Schriftchen die Anregungen und Beziehungen nachgewiesen, die Goldmark während des jüngsten halben Jahrhunderts in das, Wiener Musikleben gebracht hat. Ward doch durch Goldmark eine Wiener Musik geschaffen, die nicht bloß Süße, sondern auch Kraft, nicht bloß Feuer, sondern auch Logik, nicht bloß Temperament, sondern auch geistigen Inhalt besitzt; eine Wiener Musik, die schmelzend, weich und schmiegsam ist, ohne bloß tändelnd, oberflächlich und gedankenarm zu sein. Oder sollte es etwa gar die alte jüdische Musik sein, die in Goldmarks Werken atavistisch wiederklingt? Sind es Davids Harfenklänge, welche das umdüsterte Gemüt des Königs Saul. erhellten; sind es die Reigen der Pauken und Zimbeln, mit welchen jüdische Mädchen die aus der Schlacht heimkehrenden Krieger begrüßten? sind es die feierlichen Lieder als deren Refrain das Hosiannah von den frommen Wallern auf dem Tempelberge gesungen wurde? Ist es das sangesfreudige Israel, das liederkundige Juda, welches in den lieblich-mächtigen Tondichtungen des jüdischen Meisters eine verheißungsvolle Auferstehung feiert? Iüdilche Schulamts-Kandidaten und Milche Schüler im Schuljahr 1308/UU. statistischen Mitteilungen über das höhere Unterrichts-., -v' wesen im Königreich Preußen für die Zeit vom 1. April 1908 bis 31. März 1909 sind als Beilage (26. Heft) zum Jahr-. gang 1909 des Zentralblattes für die. gesamte Unterrichts?. .' Verwaltung im Januar dieses Jahres veröffentlicht.

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