Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
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treu sich selbst. Daher könne nicht der wahrhaft Orthodoxe unser. Gegner sein. Erst dann, wenn er uns nicht anerkennt, wenn er sagt: „Du bist kein Jude", 'dann wird er unser Gegner. Ebenso. verhält es sich mit dem Indifferenten/ der erst als Gegner zu betrachten ist, wenn er lehrt, - daß Religion etwas überwundenes, überflüssiges sei. Zwischen den Orthodoxen und Indifferenten gibt es aber eine Kategorie, die sich alle möglichen Namen beilegt, sagen wir — Scheinorthodoxe. Das sind unsere eigentlichen Gegner, weil sie gegen den Grundsatz: „In Wahrheit treu" verstoßen. Gegen diesen Grundsatz. vergehen sich auch die Zionisten, weil sie nicht aus innerster Ueberzeugung, sondern aus Politik und Diplomatie zu den Orthodoxen halten. Die letzten und schlimmsten Gegner sind schließlich die Liberalen selbst, diejenigen, die es nicht wagen, mit ihrer liberalen Meinung hervorzutreten. Wir wollen uns nicht mit unserer Anschauung überheben, aber auch als Männer unseren Standpunkt vertreten und nicht kleinliche Rücksicht nehmen nach rechts und links. Wir suchen keinen Kamp'. Doch wo er vonnöten ist, muß er energisch geführt werden; „In Wahrheit treu". (Lebhafter Beifall.) Rabbiner Dr. Vogelstein dankte hierauf dem letzten Redner für seinen Vortrag und seine großen Verdienste um die Vereinigung. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen. Nach den Vorträgen vereinigten sich die Delegierten mit ihren Damen zu einem Festmahl im Hotel „zum goldnen Adler". Karl Goldmark. ln keinem M. Geburtstngr gm I”. Mi 1910. Von Rahel Edelstein-Wien, m 18. Mai 1910 feierte Karl Goldmark das seltene Fest des 80. Geburtstages in voller Schaffenskraft und unverbrauchter Gesundheit. Doch nicht Goldmark feierte dieses Fest; — denn er kennt wohl ' die Arbeit, nicht aber das Feiern; — aber die ganze musikalische, und literarische Welt, alles, was an schaffender und ausübender Kunst in den Kulturnationen mit- und nebeneinander, aneinander vorüber- oder einander entgegenstrebt, alle diese und die genießende Laienwelt nicht minder hatten an diesem Tage ein Gefühl des Staunens, der Verehrung und Bewunderung, einen Zoll der Freude, Dankbarkeit und des Wohlwünschens für den unermüdlichen Meister, der noch dem Winter seines Lebens duftschwere Blüten und saftgeschwellte Früchteabzuringen weiß. Karl Goldmarks Lebensgang, der als ein Vorbild von höchstem erzieherischen Werte in allen Schullesebüchern Platz finden sollte, ist vielleicht die schönste Illustration zu dem schönen talmudischen Satze: „Wer das Leben sucht, der wird den Tod finden; wer aber dem Tode ins Auge zu sehen vermag, dem wird das Leben beschieden sein." Und Karl Goldmark, der stets treu und unverbrüchlich an seinem jüdischen Glauben festgehalten hat, verkörpert auch noch jene andere talmudische Lehre, welche sagt, daß denen, die in den Tagen der Jugend die Mäßigung und Resignation des Alters sich zu eigen machen, ein Alter voll Jugendkraft und Frische beschert sein wird. Unschwer läßt sich in dem Ringen und Streben des jungen . Musikers der Einfluß dieser im väterlichen Hause eingeimpften- Grundsätze erkennen, ein Streben, das nie so sehr dem äußeren Erfolge, als der inneren Vervollkommnung galt, ein Ringen, welches er gleich dem Erzvater Jakob im nächtlichen Dunkel des Fremdseins in einer großen Stadt mit dem Schicksalsengel rangder sich als Herausforderer und Prüfer der. strebenden Jugend entgegenstellt. Als 18. von 21 Kindern in dem Hause des Kantors in dem ungarischen Flecken Kestjelh geboren, war Karl Goldmark ein richtiges Wunderkind. Aber keines von denen, die, in Lockenkopf, Sammethöschen und Spitzenkragen aus das Podium gestellt, von den Damen für „süß" und von den Herren für „phänomenal" erklärt werden; sondern ein solches, welches das Wunder seiner Begabung unerschlossen in sich trägt, kaum den Mut ausbringt, selbst derselben inne zu werden, und welchem das Schicksal in den drolligsten und in den wunderlichsten Zufällen zu Hilfe kommen muß, um das Begabungswunder an das Licht zu fördern. Ein Wunder also war es, daß bei den ungünstigen häuslichen und c erziehlichen Verhältnissen, unter welchen der Knabe auswuchs, er doch schon, wie Goldmark selbst erzählt, im Alter von zwölf Jahren in einem Violinkonzert in Oedenburg öffentlich austreten konnte. Von da kam er mit 14 Jahren nach Wien, wo der Musiklehrer der St. Annaschule, Jansa, sein Lehrer wurde. Mit welchen' Ausdrücken Goldmark heute noch von diesem Lehrer spricht, zeigt ihn wieder als echten Talmudjünger, jene Lehrsätze des Talmud befolgend, in welchen die Dankbarkeit gegen die Lehrer zur obersten Herzenspflicht gemacht wird. In Wien folgt nun eine Zeit der ernstesten Arbeit, der strengsten Selbstzucht, der eingeschränktesten. Lebensweise — und dabei noch zeitweiliger harter Entbehrung. Wohl meldet sich schon das schöpferische Genie zum Worte; wohl singt es und klingt es in dem Kopse des jungen Geigers, von neuen, ihm selbst noch fremden Melodien. Allein, mißtrauisch gegen sich selbst, allzu bescheiden und der Aufmunterung entbehrend, fegt Goldmark, der den Mut noch . nicht finden kann, an sich zu glauben, alle diese Erstlinge seines Talents unbarmherzig in den selten gefüllten Bauch seines Zimmerosens. „Von den. Kompositionen, die bis zu meinem 27. Jahre hervorgekommen sind," sagt Goldmark von sich, „bewahre ich kein Restchen; in einem trüben Augenblicke flogen alle Manuskripte ins Feuer." Um wieviel Schönes, jung und zart Empfundenes mögen wir da gekommen sein! Endlich winkte dem jungen Musiker ein fester Erwerb als Geiger im Orchester des Karltheaters mit einem Monatsgehalt von sage und schreibe 20 Gulden. Was Goldmark von dieser Summe erübrigen konnte, schickte er heim zu Mutter und Geschwistern, die es wohl brauchen konnten. Aarl Golömark, geb. 18. Mai 1830.