Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Professor Dr. M. Schäfer, Berlin erstattete dayach den Geschäftsbericht, aus dem hervorgehoben ist, daß an 234 Orten ' Deutschlands die Vereinigung bereits Boden gefaßt hat. Hierauf wurde in die geschäftliche Beratung eingetreten, die bis 11 Uhr dauerte und nachmittags um 4 Uhr fortgesetzt wurde. Die Diskussion gestaltete sich lebhaft. Es zeigte sich, daß über die Tendenzen und über die Maßnahmen, die zur Ausgestaltung dex Organisation getroffen werden sollen, allgemeine Uebereinstimmung herrschte. Um 11 Uhr fand im großen Saale eine öffentliche Versammlung statt, die von mehr als 600 Personen aus Nürnberg und anderen Orten besucht war. Nachdem zunächst der Vorsitzende Justizrat Breslauer der Versammlung für den zahlreichen Besuch gedankt hatte, ergriff Justizrat Hel dt, als Vorsitzender der Kultusgemeinde Nürnberg das Wort. Er hob hervor, daß die jüdische Gemeinde Nürnberg, wenn sie auch liberal sei, doch eine neutrale Organisation darstelle, da sie alle Bekenner der jüdischen Religion umfasse. Gleichwohl dürfe die Versammlung der liberalen Vereinigung ihren Dank aussprechen, daß es ihr gelungen sei, Kräfte die bisher brach gelegen, für das Judentum neu zu beleben und besonders die Kreise der Intelligenz wieder für jüdische Dinge zu interessieren. Es sei das ein Ruhmestitel für ihre Führer, besonders in einer Zeit der Lauheit, Entfremdung und Abkehr von der Religion. Hierdurch hätten sich die Liberalen um das gesamte Judentum verdient gemacht. Als Vorsitzender des Ortsvereins dankte sodann Realschuldirektor Gombrich dafür, daß Nürnberg als Verhandlungsort gewählt worden sei. In Nürnberg, einer der größeren jüdischen Gemeinden Deutschlands, habe der Ruf zur Sammlung der liberalen Elemente einen Widerhall gefunden, weil die Mehrzahl der Gemeinde" Mitglieder liberal gesinnt sei. Als Morgengabe für die junge Bewegung biete er namens seiner Ortsgruppe das Gelöbnis treuer Mitarbeit an der Verwirklichung der liberalen Gedanken. Als erster Redner behandelte hierauf Rabbiner Dr. Freudent hal-Nürnberg das Thema: Die Stellung des Rabbiners zur liberalen Bewegung im Judentum. Er führte aus; Wenn auch das Thema scheinbar ein persönliches Gepräge trage, so behandle es doch eine für die Entwicklung der religiös-liberalen Ideen besonders bedeutsame Frage, und sei für die jetzige Tagung um so geeigneter, als Abraham Geigers Name noch auf aller Lippen schwebe — sein 100 jähriger Geburtstag sei erst kürzlich festlich begangen worden—, und dieser als der liberale Rabbiner schlechthin zu gelten habe. In seinem Sinne habe die liberale Bewegung zunächst ihre wissenschaftliche Grundlegung von den Rabbinern zu erwarten und zu fordern, hauptsächlich auch die Popularisierung des bereits gewonnenen wissenschaftlichen Materials. Was die praktische amtliche Tätigkeit des liberalen Rabbiners betreffe, so müsse vor allem das Vorurteil schwinden, als ob er nur zum Niederreißen berufen sei, auch er habe positive, religiöse Wirkungen zu erzielen, diese um so mehr, als seine ganze Anschauung darauf hinausgehe, den Widerspruch' zwischen Lehre und Leben zu überbrücken. Solch positives Wirken sei in erster Reihe im Unterricht zu betätigen, freilich ohne schroffe Forderungen und ohne rücksichtsloses und darum aussichtsloses Vorgehen. Auch auf der Kanzel habe der liberale Rabbiner das Judentum als eine -Religion des Lebens zu predigen, die mit einem bestimmten unveräußerlichen Schatz religiöser Anschauungen den Entwicklungsstufen des Lebens folgen müsse. Den Gottesdienst selber müsse.er durch Zurückgehen auf die ursprünglichen schlichten Formen und durch die Einführung neuer weihevoller Gebräuche zu einem lebendigen und eindrucksvollen gestalten. In seiner seelsorgerischen Amtstätigkeit habe sich der liberale Rabbiner als der milde und versöhnliche Ausleger des Gesetzes zu erweisen, ganz besonders da, wo die Tradition im Gegensatz zu den heutigen Anschauungen des öffentlichen Lebens und Rechtes steht. So müßten z. B. auch für die religiösen Formeln der Ehegesetzgebung die landesgesetzlichen Bestimmungen zugrunde gelegt werden. Für diese ganze seelsorgerische Tätigkeit gelte das talmudische Wort: Nimm es für Dich persönlich schwer, aber erleichtere für die Gesamtheit. Freilich gelte dieses Wort auch für die persönliche religiöse Lebensführung des liberalen Rabbiners, die sich von allem radikalen Ueberbordwerfen fernhalten und voll Takt die mit der Stellung eines Rabbiners verbundenen Imponderabilien des religiösen Lebens beachten müsse. Alle Mitglieder seiner Gemeinde müßten von ihm den Eindruck gewinnen, daß er den Mut liberaler Gesinnung und den Ernst religiöser Lebensführung in sich zu vereinigen wisse. In diesen Gesinnungen glaube Redner sich eins zu wissen mit allen seinen liberalen Amtsbrüdern, die gern einmütig ihre Kraft, ihre Amtstätigkeit und ihre wissenschaftliche Arbeit in den Dienst der liberalen Auffassung des Judentums stellen wollen, welche nach ihrer Ueberzeugung die allein berechtigte und allein die Erhaltung desselben sichern könne. (Lebhafter Beifall.) Hiernach sprach Professor Hirsch, Chicago, über „Das liberale Judentum in Amerika". Der Redner wies darauf hin, daß das liberale Judentum in Amerika ein Kind des deutschen jüdischen Liberalismus sei, und daß die Freunde und Schüler Abraham Geigers, besonders David Einhorn, seine Gründer gewesen seien. Daher sei auch in Amerika die Erinnerung an die große Zeit der Entstehung des jüdischen Liberalismus noch nicht vergessen. Noch jetzt lebe dort fort das Gedächtnis der liberalen Führer und der großen Rabbinerversammlungen der Jahre 1844, 1845 und 1846. Drüben, jenseits des Ozeans, auf jungfräulichem Boden, habe die Saat des jüdischen Liberalismus zu herrlicher Blüte aufgehen können, weil keine geschichtlichen Bedingungen, kein Zwang des Staates dem entgegengestanden habe, wie im alten Europa. Aus der Geschichte des liberalen Judentums in Amerika könne die hiesige Bewegung die Waffen entnehmen, um Geguer zurückznweifen, die da behaupten, der Liberalismus führe zur Vernichtung des Judentums und sei die Vorstufe der Taufe. Die Juden Amerikas hätten es bequem gehabt, ohne Taufe das Judentum zu verlassen, niemand sei gezwungen, einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Wenn trotzdem in Amerika die größten Opfer gebracht würden zur Errichtung prächtiger Synagogen und zur Erhaltung jüdischer Institutionen, so beweise das, daß der Liberalismus mehr sein müsse als eine rein negierende Bewegung. Für ein liberales Judentum negativer Art, das den Standpunkt vertrete, es sei so liberal, daß es über alles hinaus sei, hätten die Juden Amerikas kein Verständnis. Es sei besser der Fanatismus des Strenggläubigen, der für Tradition schwärme als ein solcher Liberalismus. Amerika habe bereits die dritte Generation liberaler Juden, und diese sei noch eben so treu wie die erste, die aus Deutschland eingewandert sei. Sei das Abfall? Zwischen Entwicklungstheorie und Offenbarungsglauben gähnt keine Kluft, Gott offenbart sich durch den Geist erwählter Menschen. Die Vermittlungspartei hat beim Talmud zugegeben, und ihr Meister hat es nachgewiesen, daß der Talmud-Produkt einer langen Entwicklung mit Aufstieg und Verfall sei. Die Liberalen gehen einen Schritt weiter und sehen auch in der Bibel, wie der göttliche Gedanke sich läutert und sortentwickelt. Es gibt keinen Brauch, der ursprünglich rein jüdisch ist. Darum kann der Brauch auch nicht das Unterscheidende und Entscheidende im Judentum sein. In Gerechtigkeit wandeln und Liebe üben, wie die Propheten es verkünden—das ist das Wesen des Judentums. Dies zuerst ausgesprochen zu haben, ist das Verdienst des Judentums gegenüber anderen Völkern. Aber die Idee bedarf der Form. Soll sie jedoch dadurch zum Ausdruck gebracht werden, so muß sie auch deutlich sein. Eine Form, zu der man erst lange Kommentare schreiben muß, um sie zu verstehen, hat sich überlebt. Das hat man in Amerika begriffen. Die Gebetssprache muß die Muttersprache, darf keine Kunstsprache sein, wie es das Hebräische heute selbst für diejenigen ist, die seiner kundig sind. Trotzdem sind wichtige Gebetstücke wie das „Sch'ma" die „Keduscha" und andere stehen geblieben, um die Verbindung mit der Vergangenheit aufrecht zu erhalten und zu begründen. Wäre die Gebetssprache nur hebräisch, so gäbe es in Amerika kein Judentum mehr. So wie man in Nürnberg den Forderungen der Neuzeit nach Licht und Luft hat Rechnung tragen müssen und nur einzelne Türme aus alter Zeit hat stehen lassen, so ist es ähnlich im amerikanischen Judentum geschehen. (Stürmischer Beifall.) Nachdem Justizrat Breslauer beiden Rednern namens der Vereinigung für ihre Ausführungen gedankt hatte, hielt er selbst den dritten Vortrag über „Unsere Gegner". Er ging aus von dem Wahlspruch der liberalen Bewegung „In Wahrheit treu", und führte etwa folgendes aus: „In Wahrheit treu" heißt treu dem Judentum mr'