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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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geeignet. Nicht jeder Jude ist dafür geeignet, aber auch nicht jeder Christ. Gerade in der Zukunft, die eine Umwälzung aus vielen Gebieten sieht, die neue Werte schafft, werden an den Richter erhöhte Anforderungen gestellt. Er muß nicht nur ein in sich gefestigter, tadelloser Charakter, ein mit den Heimatsverhältniffen genau vertrauter Mann, ein Kenner der Volksseele sein — woran es heute in Deutschland fehlt —, sondern auch ein wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit stehender Jurist sein. Das werden auch die radikalsten Antisemiten im stillen zugeben, daß die Juden einen bewundernswerten Lerndrang haben und sich die Forschungen der Gegenwart zunutze machen. Man kann zu der Justizverwaltung des Grobherzogtums Hessen das Vertrauen haben, daß sie unter den jüdischen Bewerbern die besten der besten auszuwühlen wissen wird; wie natürlich unter den christlichen. Die Entschließung des Staatsministers Dr. Ewald, der gleichzeitig Justizminister ist, verdient rückhaltlose Anerkennung. Es sei von moral-politischen Erwägungen abgesehen; schon Gründe der Staatsraison gebieten, das Judentum durch die Zurücksetzung seiner wertvollen, begabten Angehörigen nicht in das Lager des staatsauslösenden Radikalismus zu treiben. Wir Deutschen sind rückständig. Wenn England heute die ausschlaggebende Weltmacht ist, so verdankt es dies einem Juden: Disraeli. Er war ein Premierminister, der es mit Bismarcks Nachfolgern ruhig hätte aufnehmen können. Aber das sind Träumereien; wir wollen zufrieden sein, wenn zunächst einem hochtalentierten Juden gestattet wird, ein kleines Richteramt anzunehmen. - Vor einem Jahrhundert sind in Hessen und anderen Staaten die Ghettomauern gefallen; ein freier Luftzug konnte wehen. Bisweilen aber scheint es heute, als erhöbe sich ein unsichtbarer Wall zwischen den Kindern eines Landes. Auch er muß verschwinden. * Zum Schluß mag eine Stelle aus den „Mitteilungen" . des Abwehrvereins folgen, die sich in einem aus dem Nachlasse des berühmten Geographen Alfred Kirchhof von W. Ule herausgegebenen Werke „Darwinismus, angewendet aus Völker und Staaten" findet. Und zwar steht sie in dem Kapitel „Wirtschaftliche und geistige Erziehung im Daseinskampf". Sie wird gewiß auch unseren Lesern interessant und beherzigenswert erscheinen. Sie lautet so: „Wie gründlich auch ein Kulturvolk sein ganzes Wesen zu wandeln vermag, wenn es in Berührung mit Fremden gezwungen wird, seine Wirtschastsziele zu ändern, lehrt uns das Beispiel der Juden. Was waren diese Kinder Israels einst für ein Heldenvolk, noch zur Makkabäerzeit und in den ruhmwürdigen letzten Verzweiflungskämpfen gegen Rom! Wie preist doch Tacitus das stattliche Aussehen, die robuste Arbeitstüchtigkeit der Juden seiner Zeit, die aus dem heute so heruntergekommenen Palästina ein Paradies gemacht hatten, da Milch und Honig floß! Dann in der Diaspora durch alle Lande zunächst des römischen Weltreichs vollzog das Schicksal mehr als an irgendeinem anderen Volk am jüdischen das Experiment der Anschmiegung an die allerverschiedensten Landeswie Gesellschaftseigentümlichkeiten. Zäh erhält sich dabei manche Eigenart des körperlichen Typus, sogar in Amerikas Vereinigten Staaten, die sonst das Wesen der Eingewanderten so rasch ummodeln; das ist die Wirkung der langwierigen, festigenden Vererbung durch so viele Jahrtausende, wie wir sie gleich auffällig bei Aegyptern und Chinesen wahrnehmen. Was aber haben die christlichen Völker des Mittelalters aus den Juden gemacht, denen sie das Gastrecht einräumten? Ein Geldwechsler- und Schachervolk, das leiblich und seelisch vielfach verkümmerte, weil ihm der freie Mitbewerb auf der Arena des schaffenden Daseins gesperrt wurde. Auch bei uns durfte im Mittelalter kein Jude Grundbesitz erwerben oder ein Handwerk betreiben; gleichzeitig verbot das kanonische Gesetz der Kirche den Christen. Geld aus Zinsen zu verleihen, was als Wucher galt. Da nun die Christen aus bloßer Nächstenliebe einander damals nicht gern zinslose Darlehen gewährten, so tat sich ganz von selbst für die Juden, den Christen durchaus erwünscht, das Geldgeschäft und Hand in Hand damit, der Handel als alleiniges Feld ihrer Tätigkeit auf. Wie Organe, so schwinden in der Vererbungskette auch Talente, falls sie nicht geübt werden. Folglich kam unseren Juden vor allem die Kunst Pflegsamer Landbestellung gänzlich abhanden und hiermit alles, was aus ihr als einem Jungbrunnen der Volkskraft quillt. Dafür wurden alle diejenigen Gaben und Triebe nunmehr gezüchtet, die im Bankiers- und Handelsfach von Nutzen sind, denn nur auf diesem Doppelseld spielte sich Jahrhunderte hindurch der jüdische Daseinskampf ab. Neben niederen Schlichen der Uebervorteilung bildete sich hierbei auch die angestammte Schärfe des Verstandes aus in vornehmlicher Richtung auf Geld- und Warenumsatz. Nun die harten Fesseln einer inhumanen Gesetzgebung vor dem befreienden Hauch der Neuzeit gefallen sind, unsere jüdischen Gemeinden die drangvolle Zeit, da sie, eingepfercht in.die Enge des Judenviertels, Qual und Hohn aller Art erlitten, dank ihrem ehrenfesten Famtlienzusammenhang leidlich Überstunden haben, fühlen und verwerten die Juden in allen Landen die Kraft der Schwingen, die ihnen damals in den Tagen der Trübsal gewachsen. Ihr, Talent für das Bank- und Handelsgeschäft ist unbestritten, und wie innig dieses von Laien oft unterschätzte, ja verächtlich herabgesetzte Talent sich mit hohen Geistesgaben vermählt, zeigt die Tatsache, daß dieselben Juden in einer ihrer mäßigen Kopfzahl gar nicht entsprechenden Häufigkeit Leuchten der Wissenschaft geworden sind, vornehmlich in der Mathematik." Verbandstsg der Vereinigung kür dss liberale Judentum in Seutlchlsnd. Nürnberg, den 6. Juni 1910. m 5. Juni fand in Nürnberg die ordentliche Versammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland statt. — Den Beratungen ging am Sonnabend vormittag ein Festgottesdienst in der Synagoge voraus. Die Festpredigt hielt Herr ' Rabbiner Dr. Freudenthal. Am Samstag abend fand eine gesellige Zusammenkunft der Gäste mit den Mitgliedern des Ortsausschusses im Garten des Restaurants Kulturverein statt. Die Beratungen begannen am Sonntag vormittag 8l/2 Uhr im Saale des „Hotels zum goldenen Adler". Es waren 63 Delegierte, darunter zahlreiche Damen aus allen Gegenden Deutschlands erschienen. Als Vorsitzender des Verbandes begrüßte Justizrat Breslauer-Berlin die Erschienenen, indem er ihnen insbesondere Dank dafür aussprach, daß sie aus weiter Ferne hierher gekommen seien. In seiner Ansprache hob der Redner hervor, daß der Kreis der Anhänger der liberalen Ideen im Judentum sich als größer erwiesen habe, als man es vor Gründung der Vereinigung habe erwarten können. Aber auch der Anschauungen gebe es viele bei einem so großen Kreise von Anhängern. Bei dem Drängen von links und rechts wäre allein der Weg auf der goldenen Mittelstraße zu suchen. So werde man am besten für die weitere Erhaltung des Judentums Vorarbeiten. Namens des Lokalkomitees sprach hierauf Realschuldirektor Gombrich. Es gelte bei der Bewegung, welche die liberale Vereinigung verkörpere, der Befreiung des Kultus von den Fesseln, die, nicht göttlichen Ursprunges, von Menschen gemacht worden feien, von Menschen, die als solche Kinder ihrer Zeit gewesen seien. Die Welt sei inzwischen fortgeschritten, und auch an das Judentum trete die Forderung heran, den Ansprüchen der modernen Kultur gerecht zu werden. Es sei abzulehnen, wenn von gewisser Seite verlangt würde, daß das Judentum bewahren solle, was mit dem Fühlen und Denken unserer Zeit nicht mehr im Einklang stehe. Der Redner gab in diesem Sinne das Versprechen seiner Ortsgruppe und der bayerischen Landsleute, daß die liberale Bewegung innerhalb Bayerns eine feste Stütze haben werde, und daß die bayerischen liberalen Juden Mitarbeiten würden an der Durchsetzung einer modernen Weltanschauung und ihrer Uebertragung in die Wirklichkeit.

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