Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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finanzielle Unterstützung zu versagen, solange nicht den Juden die Menschenrechte gewährt werden." . $ Ueber die zweite Konferenz der jüdisch-nationalen Part ei Oesterreichs meldet eine Korrespondenz der „N. I K." folgendes: Sonntag den 15. Mai wurde im Saale des Vereins „Haschachar" in Krakau die 2. Konferenz der österreichisch-jüdisch-nationalen Partei eröffnet. Die Versammlung war von Delegierten aus Galizien, der Bukowina und aus Wien besucht, die das zionistische Zentralkomitee Galiziens, den Wiener Jüdischen Nationalverein und die jüdischnationale Partei der Bukowina vertraten. Es waren auch alle vier Mitglieder des reichsrätlichen jüdischen Klubs, die. Herren Dr. Strauches Gabel, Stand und Dr. Mahler, anwesend. Als Gast nahm an der Konferenz auch der bekannte Schriftsteller Wladimir Jabotinsky teil. Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel referierte über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs im österreichischen Reichsrat sowie über die zu schaffende Organisation der jüdischen Nationalpartei in Oesterreich. Dieser Organisation sollen alle Vereine angehören, die auf jüdisch, nationalem Boden stehen. Die einzelnen Kronländer sollen sich im Rahmen der Reichspartei autonom betätigen. Es soll eine Reichsexekütive und eine Reichskonferenz ins Leben gerufen werden, die dem Jüdischen Klub im Parlament Direktiven erteilen soll. Der Bericht des Abgeordneten Gabel über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs wurde zur Kenntnis genommen: Zur endgültigen Redaktion des vom Abgeordneten Gabel unterbreiteten Statutenentwurfs wurde eine Kommission eingesetzt. Herr Jabotinsky hielt ein interessantes Referat über die Lage des Zionismus in der Türkei. Zum ersten Vorsitzenden der Reichsexekutive wurde Herr Dr. A. Salz.(Tarnow) und zu stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Frucht und. Dr. Scharlit gewählt. Im Anschlüsse an die Konferenz fand abends eine große Volksversammlung statt, in der sämtliche vier Reichsratsabgeordnete Reden hielten. Die Versammlung nahm einen glänzenden Verlaus. Es herrschte große Begeisterung. Man erwartet von der Tätigkeit der neugegründeten Reichsexekutive bedeutende Erfolge für die Ausbreitung des jüdisch-nationalen Gedankens in Oesterreich. Es wurde folgende Resolution angenommen: „Die 2. Konferenz der jüdischen Nationalpartei in Oesterreich spricht ihre Entrüstung aus über die barbarische Behandlung der Juden in Rußland durch die dortige Regierung im allgemeinen und insbesondere über die unmenschliche Ausweisung jüdischer Familien aus Städten und Ortschaften, wo sie bereits jahrzehntelang wohnen. Die Konferenz fordert den reichsrätlich-jüdischen Klub auf, einen Protest gegen die barbarischen der Zivilisation hohnsprechenden Vorgänge in Rußland bei . den russischen Kreisen einzulegen." . s ' . Auch in Deutschland sieht es nicht rosig aus. Selbst in Bayern, dem deutschen Staate, in dem die Lage der Juden noch mit am besten bestellt zu fein schien, erklingt eine schmerzlich erregende Aeußerung, zwar nicht aus dem Munde eines der leitenden Staatsmänner, aber doch eines höheren Beamten. Die „Vosstsche Zeitung" nämlich berichtet folgendes: „Das Recht ist eine Theorie." Der Staatsrat im bayerischen Kultusministerium v. Schätz hat seine Professor Dr.. Sickenberger gegenüber gebrauchte Aeußerung von den-„suspekten Persönlichkeiten" entschieden in Abrede gestellt. . . Professor Sickenberger' hält aber nicht nur seine Behauptungen völlig aufrecht,, sondern ergänzt sie auch noch. Er erklärt: Als nämlich das Wort von den „suspekten Persönlichkeiten" gefallen war, berief, sich Dr. Sickenberger nach seiner Darstellung daraus, daß doch nach der Verfassung alle Bürger gleiches Recht hätten. Diesem naiven Glauben gegenüber erhielt er von Staatsrat v. Schätz die für die.Haltung und Richtung des bayerischen Kultusministeriums bezeichnende Antwort: „Das Recht ist eine Theorie. Mit anderen Beamten, z. B. mit denen, die in Mischehe leben, haben wir die gleiche Schwierigkeit. Nach der Verfassung haben ja auch die Juden gleiches Recht, aber wir stellen sie eben nicht an." Der „Fränkische Kurier" stellt fest, daß der bayerische Kultusbeamte v.Schätz nur die Wahrheit gesprochen habe: an keinem baherischen humanistischen Gymnasium ist ein Jude als ordentlicher Lehrer oder Professor angestellt, nur an den Realschulen gewährt man einzelnen Juden den Eintritt in dieses Lehramt und auch hier meist nur für die neuphilologischen Fächer. . * Aus demselben Bayern, in dem es bisher möglich war, die Osfiziersqualität zu erlangen, werden der „Frankfurter Zeitung" zwei Fälle gemeldet, die leider an das preußische Verfahren erinnern, bei denen aber weit deutlicher als das in Preußen zu geschehen pflegt, geradezu das Judentum als Hindernis der Beförderung zugestanden wird. Diese Fälle find die folgenden: Dem Bankbeamten und Vizefeldwebel der Reserve Otto Groß aus Frankenthal --- seit längerer Zeit der erste Jude, der beim 18. Infanterie ° Regiment die. Uebung B gemacht hat — ist nach Ablauf dieser Uebung die Qualifikation zum Reserveoffizier ohne irgendeine Begründung verweigert worden! Mit dem nicht bewiesenen Reserveosfizierstaktgefühl wollte und konnte man nicht zum zweitenmal operieren. Da Groß überdies ein ganz auffallend repräsentabler, strammer und tüchtiger Soldat'ist, der ausnahmslos von allen bisherigen Vorgesetzten — darunter verschiedenen > als außerordentlich streng bekannten Offizieren — eine glänzende Qualifikation aufzuweisen hat, so kann als tatsächliche Ursache der jetzigen Disqualifikation einzig und allein die Zugehörigkeit des G. zum jüdischen Glaubensbekenntnis in Frage kommen! Bezeichnend ist, daß der Bataillonskommandeur des G. einige Tage vor Schluß der Uebung, obschon G. bereits die praktische Prüfung einwandfrei und mit gutem Erfolg abgelegt hatte, ihn vor den versammelten Bataillonsoffizieren in willkommener Ausnutzung eines vorhergangenen fauxpas mit folgenden Worten auf die Nichtqualifikation vorbereitete: „Ich bedauere überhaupt sehr, daß Sie es zu einem so hohen Dienstgrad gebracht haben, das ist offenbar nur auf ein Versehen zurückzuführen!" Die auf diese Beleidigung hin erfolgie Beschwerde des G. beim Regimentskommandeur hatte natürlich nicht den gewünschten Erfolg. Im Verlauf der Beschwerde sprach der Oberst die Absicht aus, den G. disziplinarisch zu bestrafen, weil er in der Begründung der Beschwerde dem Major „Gehässigkeit" vorwerfe! Der Oberst sowohl als. auch der Kompagniechef, bei dem G. einen Teil seiner Dienstzeit und. die Uebung A abgeleistet hat, behaupteten gelungenerweise, sie hätten keine Ahnung davon, daß G. Jude sei! V * Um so erfreulicher ist es, daß in Hessen der erste jüdische Richter angestellt.worden ist. Diese Tatsache wird von den neuen hessischen Volksblättern durch einen Artikel von Hans R. Fischer in folgender Weise gewürdigt: ' Ein Mitarbeiter stellt fest, daß mit der am Samstag erfolgten Ernennung des Gerichtsassessors Dr. May zum Amtsrichter in Osthosen zum erstenmal im Großherzogtum Hessen ein ungetanster Jude zum. Richter befördert worden ist. . . . Das ist ein geschichtlicher Wendepunkt. Im ganzen.Deutschen Reiche gilt Hessen — einst war es das „Musterländle" Baden — als der liberalste Bundesstaat, der jeden nach seiner Fasson selig werden und die Sonne über Gerechte und Ungerechte, Protestanten, Juden und Katholiken, Gläubige und. Ungläubige in gleicher Weise scheinen lasse. Vielleicht gehen darüber die Ansichten auseinander; Tatsache ist jedenfalls daß die Juden Hessens mehr als die Preußens — dieses angeblich durch und durch, reaktionären Staates — von öffentlichen Aemtern ausgeschlossen sind. Vom Richteramte bisher ganz. Auch wohl vom höheren Schulamt. Im Lause der Zeit hatte man sich damit auf seiten der Rechten wie der Linken abgefunden; es schien ein unabänderlicher Zustand zu sein. Nur dann und wann -wetterleuchtete es. Unsere Ansicht sei offen bekannt: Wir hallen Juden und Christen in gleicher Weise für das Richteramt