Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Alphabet aller Religion; und wer dieses Alphabet nicht benutzt, dessen Religiosität wird nicht mehr verstanden, seit sie offenbar geworden. Die Religion der Bibel ist eben doch die Wahrheit! Wenn sie auch nicht aus dem Himmel über uns, aus der blauen Luftspiegelung dort, oben stammt — sie stammt doch von jenem viel herrlicheren ewigen Himmel echter Religiosität, aus innigster Hingebung an das Heilige, aus stärkster Empfindung sür die Wucht der sittlichen Forderung, aus reiner Liebe zu Gott und Menschen — und darum aus der Ewigkeit! Wie aber diese, so kann auch die andere Tatsache kein Kritiker aus Bibel und Weltgeschichte fortdeuten: daß die Grundlagen-aller Religiosität in der Bibel zuerst kodifiziert und in dem Volke unserer Väter erkannt und wirksam geworden sind. Jsrael-Juda hat ja im Altertum nie eine bedeutende Rolle gespielt, weder in der Politik noch in Kultur und Kunst und Wissenschaft. Aber di e Bedeutung kann ihm niemand absprechen, daß das wahre Wesen des Göttlichen, das vorher ganz unbekannt gewesen, daß der einheitlich-ethische ^Charakter Gottes und seine Forderung der Welt zuerst und für alle Zeiten mustergültig ihm offenbar geworden ist. Und das bedeutet ein doppeltes: Einmal sind in diesem Volke die großen Genien der Religion, die prophetischen Pfadfinder einer neuen Epoche der Menschheit ihre via triumpkalis gezogen, — sicher doch, weil nur dort der fruchtbare Boden, aus dem die Blüte der Religion hervorgewachsen, die Vorbedingung vorhanden war, unter der die ewige Idee in die zeitliche Erscheinung treten konnte. Anderseits aber ist dieses Volk selbst der Knecht Gottes geworden, der zwar, sein Wissen von Gott und religiöser Lebensauffassung nicht auf die Gassen hinausschrie, der aber diese Offenbarung zur Geltung gebracht hat durch das, was man nennen kann seinen Opfertod. Denn auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Lehre der Propheten (ebenso wie die der griechischen Philosophen in ihrem Volke) unwirksam verpufft wäre, wenn nicht der Untergang des alten jüdischen Staatslebens aä oeulos demonstriert hätte die zentrale Idee der biblischen Offenbarung: daß ein Geist der Gerechtigkeit die Geschicke der Welt gestaltet. Zum Gemeingut der Massen und dadurch zur lebengestaltenden Macht der Zukunft ist die Offenbarung geworden durch den Untergang Judas. Dies in Verbindung mit dem erstgenannten ist die ewige providentielle Bedeutung des antiken jüdischen Volkslebens. Man mag also über den Auszug aus Aegypten und über die Offenbarung am Sinai denken wie man will, die Be/ merkung des Nachmanides, von der wir ausgegangen, bleibt jedenfalls wahr. Die teleologische Betrachtungsweise der Geschichte ist uns ja fremd geworden, und wir sprechen deshalb nicht gern von dem Zweck der Volkwerdung Israels. Aber das wird auch der radikalste Kritiker anerkennen: Der Wert dieses Volkslebens für die Menschheitsgeschichte war die Offenbarung! Die Offenbarung nicht etwa der mosaischen, israelitischen, indischen Spezialreligion, sondern der Religion überhaupt, des für alle Zukunft feststehenden Kerns aller Religion! Von diesen Gedanken aus aber gewinnt auch das Wochenfest eine neue Nuance. Die Kritik, die uns bis hierher veranlaßt hat, von der traditionellen Geschichtskonstruktion möglichst abzusehen, sie wirkt nun neu aufbauend. Wir brauchen jetzt unser Fest nicht mehr allein als den dem .Datum nach genauen Geburtstag unserer Religion anzusehen, so daß es die Erinnerung an die Stiftung irgendeiner Glaubensgemeinschaft mit zweifelhaften mythischen Reminiszenzen feierte. Es feiert vielmehr den Abschluß, das Ziel der Erlösung des Offenbarungsvolkes und somit die Freude über die Mxiste nz der ethischen Religiosität überhaupt. Es ist ein Fest der Menschheit; wir Juden aber haben deswegen die Ehrenpflicht, es zu feiern, weil wir eben das Volk der Offenbarung sind. Uns zwingt dazu der Gedanke, der aus unserem Bekenntnis in unsere Gebete übergegangen ist: Nicht Politik, Kunst- Wissenschaft und dergleichen, sondern „Gott ist unser Gott," der Lebensinhalt unserer Gemeinschaft. Andere Völker brauchen es nicht zu feiern, denn ihr Lebensinhalt ist eben ein anderer. Uns aber gilt das Wort bis heute, das wir darum mit Recht vor der Lesung des Dekalogs uns in Erinnerung rufen: „Mir Gott gehört zwar die ganze Erbe; ihr aber sollt mir das Priesterreich sein, das heilige Volk," dessen Aufgabe allein das Göttliche und sein Begreifen ist. Wer empfindet, daß mit der Bibel alles religiöse Barbarentum ideell überwunden ist, der feiert das Wochenfest als den Geburtstag einer neuen Menschheitsepoche, die durch unser Volk inauguriert ist. H. 'Fuchs. Dir Woche. Berlin, 7. Juni 1910. öchst traurig lauten noch immer die Nachrichten aus Rußland. Selbst^die Vermittlung angesehener Männer fruchtet nichts. Wir erhalten darüber von dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" folgenden Bericht: Zum Geburtstag des Zaren sandte der bekannte Millionär und Philanthrop Leo Brodski im Namen der jüdischen Gemeinde in Kiew ein Huldigungstelegramm an den Zaren mit der untertänigsten Bitte, der Zar möge an diesem Tage in Gnaden der aus Kiew ausgewiesenen Juden gedenken und ihnen das Verbleiben in Kiew gestatten. Auf dieses Telegramm ist eine Antwort nicht erfolgt. Dagegen dauern die Massenausweisungen fort. Die Zahl der Ausgewiesenen wächst von Tag zu Tag. Auch eine Reihe von Juden, die bisher nicht auf der Liste der Auszuweisenden standen, mußten Kiew verlassen. In Privatwohnungen werden nächtliche Untersuchungen vorgenommen, um festzustellen, ob Juden, denen man das Wohnrecht verweigert, im Hause sind. Ob ein Appell an die deutschen Bankiers jüdischen Glaubens, das Zarenreich zu boykottieren, d. h. nicht wie es bisher geschehen, durch Gewährung von Anleihen oder durch Ankauf russischer Papiere zu unterstützen, einen besonderen Erfolg haben wird, mag dahingestellt bleiben. Immerhin verdient das energische Auftreten der Berliner Zionisten Erwähnung und Billigung. Man schreibt uns: In einer überaus stark besuchten Versammlung wandte sich Rechtsanwalt Dr. A. Klee gegen die Barbarei der russischen Regierung. Es ist nicht nur Pflicht aller Juden, sondern der gesamten Kulturwelt, gegen diese mittelalterliche Schmach feierlichst Protest zu erheben. lStürmischer Beifall.) Aber was geschieht? Große jüdische Bankiers in Berlin und vielen anderen Orten unterstützen diese Regierung durch Ankauf russischer Papiere. Die Versammlung nahm, nachdem noch mehrere Redner gegen die russische Regierung und die jüdischen Großfinanziers, deren Schildhalter, Stellung genommen, folgende Erklärung an: „Die am 30. Mai 1910 im Tiergartenhof in Berlin tagende, von etwa 2000 Männern und Frauen besuchte Volksversammlung nimmt mit Abscheu Kenntnis von den gegen die Juden von der russischen Regierung verübten Greueln. In der Erkenntnis, daß moralische Vorstellungen diesem Lande gegenüber versagen, fordert sie die jüdischen Großfinanziers, diejenigen, deren Stamm im Judentum wurzelt, und endlich alle gerecht und moralisch denkenden Menschen auf, der russischen Regierung jede