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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 10. Juni 1910 Ti. Jahrgang. Nr. 23 eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch« Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 HI. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»«. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags - Lxpeäition: verlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Zum Wochenfest. Von H. Fuchs. — Die Woche. — tgULIUll. Verbandstag der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. — Karl Goldmark. Zu seinem 80. Geburtstage am 18. Mai 1910. Von Rahel Edelstein-Wien. — Jüdische SchulamtS-Kandidaten und jüdische Schüler im Schuljahr 1908/09. Von Johannes Joel. — Elise Orzeszko. - Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Das Testament. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland in drei Auszügen. Von Emanuel Kalisch. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin, Posen, Hamburg, Siegen, Frankfurt a. M., Wien,. London. — Von Nah und Fern. Lum Mochmfette. n der Einleitung seines Kommentars zum zweiten Buche \ Moses sagt Nachmanides: Als die Israeliten am Sinai die Offenbarung empfingen, war die Erlösung aus Aegypten beendetobgleich sie von dem Lande ihrer Väter noch weit genug entfernt waren; denn mit dem Religionsgesetz erhielten sie die ideelle Heimat der Erzväter wieder, ihre sittliche und religiöse Hoheit. Aegypten und Sinai sind die Pole einer einheitlichen Bewegung, und das ist der Grund, warum sie beide und nur diese beiden in einem Buche behandelt werden. — Die 50 Tage vom Auszug bis zur Offenbarung bilden demnach zusammen die Zeit der Erlösung. So nennt'auch der Talmud das Wochenfest Azereth, den Schluß des Passahsestes. Die Idee beider ist eine Einheit nicht hier nationale Befreiung, dort universales Religionsgesetz, sondern: die Befreiung der Nation erfolgte, damit das Weltgesetz in ihr offenbar werde! Wie ja auch die Bibel schon oft genug sagt: Gott hat' euch aus Aegypten geführt, um euch zum Gott zu werden. Die historische Kritik hat an dem wirklichen Ereignis sowohl des Auszugs aus Aegypten als der Offenbarung Anstoß genommen. Mit Recht und mit Unrecht. Mit Recht, denn das Uebernatürliche, gegen die Naturgesetze Verstoßende in den Berichten der Bibel über beide Ereignisse erheischt Widerspruch. Viel mehr aber noch mit Unrecht. Denn was besagen die angezweifelten Einzelheiten gegenüber der Hauptsache, daß in Israel die zehn Gebote und alle die übrigen herrlichen Sitten-, Rechts- und Religionsgesetze der Thora zum erstenmal in ihrer Mannigfaltigkeit und Einheit und Reinheit empfunden worden sind! Im Christentum, ja freilich, da kann unter Umständen der Zweifel an der Geschichtlichkeit des Religionsstifters verhängnisvoll werden — solange nämlich dessen Person als Quelle und Mündung alles religiösen Lebens angesehen wird. Im Judentum aber kann die geschichtliche Kritik das Wesen der Religion nicht treffen, und darum kann auch eine rein geschichtliche Anschauung keine wirklichen religiösen Werte , zerstören. Daß die Thora vom Himmel stammt, ist ja längst nicht mehr der Grund ihrer i Schätzung bei uns. Wir wissen: Wahrheit bleibt Wahrheit, ob sie nun unter Blitz und Donner und Schofarschall oder unter den dröhnenden Schritten welterobernder Legionen, ob im Laboratorium des Naturforschers oder in der Dachkammer des Dichters und Philosophen geboren ist. Die Herkunft vom Himmel ist auch kein Kriterium der Wahrheit: Auch das Palladium der Trojaner, auch die Kaaba der Araber sind ja vom Himmel gefallen — und doch vergängliche Götzenidole. Darum gilt uns der Satz des Rabbi Juda: „Uebernatürliche Stimmen entscheiden nichts", ] von der Sinai-Offenbarung ebensogut wie von der Entscheidung des Streits zwischen Hilleliten und Schammaiten. ’j Und wenn Juda Halevi die Wahrheit der Offenbarung damit j\ beweist, daß 600 000 Männer sie mitangesehen, so haben ji wir dafür nur ein überlegenes Lächeln — nicht bloß weil , man den Bericht selbst ja anzweifeln kann, sondern mehr noch - j; deshalb, weil weder die himmlische Herkunft noch die Be-! zeugung durch noch so viele ein Beweis für die Wahrheit der ' - Gottesoffenbarung sein kann und darf. Vernunft ist ja stets bei wenigen nur gewesen! Aller solcher geschichtlichen Beweise bedarf es aber auch!! gar nicht. Denn es gibt einen viel besseren, der gleichzeitig i der einzig erlaubte ist, in unserer persönlichen Ueberzeugung j| von dem inneren Wert der Offenbarung! Wir fühlen in \>j unserem Gewissen, daß diese Lehre die Wahrheit ist, und drei 1 j Jahrtausende Menschheitsgeschichte bestätigen die stolze Selbst- -s i einschätzung: „Wo ist wohl ein Volk mit Religions- und Rechts- - i gesehen, die so fromm und gerecht wie die Thora sind." Wenn , i wir in unseren Busen greifen und suchen drinnen die Sterne, j . die unseren Lebensweg erhellen, so sind es tatsächlich die Gesinnungen, die Tugenden und Rechtsprinzipien, wie sie im j 2. Buch Mose, Kap. 20 bis 23, im 3. Buch Mose, Kap. 19 und sonst so vielfach besonders im 3. und 5. Buch Mose und in den Geschichtserzählungen der Thora hervortreten. (Man Vj lese sie nur daraufhin einmal wieder durch!) Fragen wir unseren gesunden Menschenverstand, was Recht und Unrecht sei gegenüber andern, was Gut und Böse vor unserm Gewissen, >| und was der Mensch tun und lassen muß, um mit seinem .! Gott im Reinen zu sein, so finden wir — mit all unserer Bildung und komplizierten Geisteskultur — doch immer wieder die Grundsätze, die in der Thora ausgesprochen sind! Viel- * leicht (aber das ist noch sehr unsicher!) wird es einmal 1 tiefere Religionsanschauungen geben als die der Bibel — aber * niemals werden sie dann jenen widersprechen. Das fühlen wir so sicher wie die Richtigkeit eines Moralgebotes, daß die Bibel, von Einzelheiten des Kultus abgesehen, alle unzerstörbaren Elemente künftiger Religionen in sich enthält — wie ver- /■; schieden dieser Elemente Verbindungen auch jemals sein { werden. Die biblischen Vorschriften und Lehren sind das 7

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