Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228930--66553-3278695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeindebund cm. Jetzt ist es gelungen, diese größte Provinzialgemeinde für die Wanderarmenorganisation zu gewinnen. Eine on stituieren de Sitzung, auf die der „Deutsch-Israelitische Gemeindebünd" das größte Gewicht legt, soll nun in den nächsten Tagen dort stattfinden, und es ist die Hoffnung vorhanden, daß dieser erste Schritt zu dem bisher schmerzlich entbehrten jüdischen Gemeinschaftsleben in der Zentralprovinz der preußischen Monarchie führen wird- In,der Provinz Schlesien ist die Errichtung einer Provinzialkasse und Anschluß an die Zentrale nahezu gesichert.' Schwierigkeiten bestehen nur inr Bezirk Oberschlesien, wo einige kleine Differenzen wegen der Grenzbureaus vorhanden und noch auszugleichen sind. Ueber die positiven Ergebnisse in der Zentralisationssrage in den Provinzen Sachsen, Hannover. Westfalen, Rheinlande und im Herzogtum Braunschweig ist bereits seinerzeit berichtet worden. Die abwartende Haltung und teilweise weniger geneigte Zustimmung zur . Gesamtorganisation, die sich anfangs in Süddeutschland zeigten, dürfte überwunden sein. Eine in dieser Frage vor längerer Zeit in Frankfurt a. M. abgehaltene Versammlung von Vertretern der Gemeinden Hessen-Nassaus und des Großherzogtums Hessen lehnte zwar die Gründung von Provinzialkassen mit Beiträgen der einzelnen Gemeinden ab, sprach sich aber nichtsdestoweniger für die Zentralorganisation aus. Der Anschluß an diese aber wurde abhängig gemacht von der vorausgehenden Begründung eines Verbandes für Hessen-Nassau und das Großherzogtum Hessen mit dem Vorort Frankfurt. Am eben verflossenen Sonntag, also gleichzeitig mit der Sitzung der Zentralkommifsion in Berlin, fand eine weitere Sitzung in Frankfurt statt, in welcher die Schaffung einer solchen Kasse für Hessen-Nassau und das Großherzogtum Hessen und deren Anschluß an die Berliner Zentrale beschlossen werden sollte, was voraussichtlich auch bereits in diesem Augenblick geschehen ist. Es wird also für ganz Deutschland nur eine Zentrale mit dem Sitz in Berlin vorhanden sein. Von den größeren süddeutschen .Staaten liegen bisher nur aus Baden keine Resultate vor- Die Gemeinde Mannheim hat es abgelehnt, die erforderlichen Schritte zur Schaffung einer Kasse für Baden und die bayerische Pfalz zu tun. Die Zentralkommission hat sich daraufhin an die Gemeinde Karlsruhe gewandt, von wo zurzeit ein Ergebnis noch nicht vorliegt. Dagegen ist im Königreich Württemberg die Gründung einer Landeskasse mit dem Sitz^,Stuttgart bereits beschlossen. Auch in Bayern, wo neben dem Zentralverein in Nürrberg-Fürth, nach dem Plane der Berliner Zentralkommission, noch zwei andere Provinzialkassen mit dem Sitz in Würzburg und in München ins Leben gerufen werden sollen, ist die Errichtung einer Kasse für die Gemeinden des unterfränkischen Kreises unter Führung Würzburgs gesichert, und auch in Oberbayern dürfte die Begründung der Kasse zustande kommen und sich der Anschluß an die Berliner Zentrale vollziehen. München hat seine Bereitwilligkeit zur Uebernahme der Provinzialkasse erklärt. In den Reichslanden endlich, für welches nach der politischen Gliederung drei Provinzialkassen in Vorschlag gebracht waren, will man anscheinend gemeinsam unter Führung von Straßburg arbeiten. Der Anschluß der Organisation in den Reichslanden ist bestimmt zu erwarten und hat sich wohl nur durch die Krankheit des Leiters der Sache, des Herrn Konsistorialsekretärs Hagenau er, etwas verzögert. — Bezüglich Hamburgs, das sich bekanntlich im Prinzip zum Anschluß an die Zentralorganisation bereit gefunden hat, bleibt einstweilen die Frage offen, ob es wie Berlin eine eigene Provinzialkasse für sich bleibt, oder ob ihm ein anderes Gebiet, etwa Mecklenburg angegliedert wird. Hamburg bleibt nur dieses „Hinterland", da die Unterwesergemeinden, die Bezirke Osnabrück und Ostfriesland sowie das Großherzogtum Oldenburg sich in einer gemeinsamen Provinzialkasse mit Bremen zusammenschließen wollen. — Nach allen bisherigen Ergebnissen darf man hoffen, daß. bald ein lückenloses Netz von Provinziakkaffen Deutschland umspannen wird, und daß die Zentrale, mit ihrer Unterstützung erfolgreich an der Linderung der Mißstände des Wanderunterstützungswesens wird arbeiten können. — Ferner hat man beschlossen, die bekannten schwarzen Listen, deren Fortführung Herrn Lebrecht aus Gesundheitsrücksichten schwer fällt, fortan im Bureau des „Deutsch-Jsraeltischen Gemeindebundes" fortzuführen und vorläufig als Publikationsorgan der Zentralkommission die „Mitteilungen vom Deutsch-Jsraelitischen Gemeindebund" zu benutzen. Die Grenzbureaus des Hilfsvereins' der deutschen Juden und die Mitarbeit der Vertrauensmänner der „Alliance" sind der Zentrale für ihre Ausgaben zur Verfügung gestellt, und beide Organisationen haben sich, der Hilfsverein mit 1500, die „Alliance" mit 1000 Mark an der Deckung der vorläufigen Kosten, zu denen auch der „Deutsch-Israelitische Gemeindebünd" 1000 Mark und die Großloge 500 Mark beisteuerten, beteiligt. Ferner hat die Zentralkommission eine Anzahl Druckschriften verschickt, unter anderen auch Statutenentwürfe für Ortskassen und Provinzialkassen, die selbstverständlich der freien Entschließung der Beteiligten anheimgestellt sind, bis auf die Frage der Beitragsleistung an die Zentralkasse, von der die Zentralkommission erklärlicherweise Nicht absehen kann. Im übrigen besteht die Absicht, für den' Fall, daß am Schluffe, des Geschäftsjahrs Ueberschüsse verbleiben, diese an die Kassen nach Verhältnis der von ihnen geleisteten Beiträge zurückzu erstatten. — Die weiteren Gegenstände der Beratung der Zentralkommission am Sonntag betrafen Fragen der Abgrenzung der Gebiete der einzelnen Provinzialkassen, wobei sich die Zentralkommission auf den Standpunkt stellte, daß die Regelung dieser Abgrenzung am besten der Verständigung der Beteiligten überlassen bleiben sollte. Nur in ein paar Spezialfällen sollen lediglich Ratschläge erteilt werden. An den Bestimmungen der für die Kassen vorgeschlagenen Statuten wurden sodann einige Abänderungen vorgenommen und schließlich der Termin für die große Versammlung zur definitiven Konstituierung der Zentralorganisation und der Beschlußfassung über die Statuten der Zentrale auf den 26. Juni festgesetzt. Die Versammlung wird nach Berlin und zwar nach dem Verwaltungsgebäude der Berliner Gemeinde in der Rosenstraße einberusen werden. Die Frage einer besonderen eigenen Zentralkasse für Süddeutschland kam überhaupt gar nicht mehr zur Sprache, obwohl auch aus Bayern ein Vertreter erschienen war. Man erfuhr nur, daß Bayern Grenzbüreans in Weiden, Passau, Hof, Cham und München erhalten wird. So steht in "vier Wochen die großzügige Regelung der Wanderarmenfürsorge unter einheitlichen Gesichtspunkten für ganz Deutschland endlich in Aussicht und damit eine bedeutungsvolle Etappe in einer Frage, die die deutsche Judenheit länger als ein Menschenalter in zahllosen Tagungen und Beratungen beschäftigt hat. - Alles 'wird nun darauf ankommen, mit welchem Geiste die neue Form erfüllt werden wird, und ob jeder einzelne unserer Glaubensgenossen die Aufgabe erfüllen wird, die ihm hiernach zugewiesen ist. *** Berlin, 31. Mai. Die Berliner Judenheit hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Am Sonnabend den 28. Mai verschied nach kurzem Leiden der in weilen Kreisen unserer Gemeinde bekannte und allgemein verehrte Herr Gustav Levinstein im soeben vollendeten 68. Lebensjahre. Der Entschlasene war ein edler Mensch und überzeugungstreuer Jude, der sein Wissen und Könnenseine ganze Persönlichkeit einsetzte, um das Judentum nach innen zu heben und nach außen zu verteidigen. In Wort und Schrift trat er für die Ehre des Judentums ein und fand Anerkennung und Würdigung auch bei denjenigen, die seinen religiösen Standpunkt nicht teilten. Sein Andenken wird in der Berliner jüdischen Gemeinde sortleben. Berlin, 29. Mai. Das „Jasfasche Fürsorge- und Waisenheim der Großloge für Deutschland VIII. U. O. B. B.", das seinen Wohnsitz in Charlottenburg, Leibnitzstr. 106 hat, versendet seinen zweiten und dritten Jahresbericht: In aller Stille hat dieses, in weiten Kreisen noch viel zu wenig bekannte Institut seine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Am 1. Juli 1907 durch die Stiftung ches- Herrn Max Jaffa unter dem Protektorat und der Verwaltung der Großloge für Deutschland mit vier Kindern ins Leben gerufen, umfaßt es gegenwärtig 14 Zöglinge, und zwar sieben Knaben und sieben Mädchen. Nach noch nicht dreijährigem Bestehen hat es sich aus bescheidenen Anfängen zu einem stattlichen Institut ausgewachsen, das neben den anderen großen Anstalten derselben Artseinen Platz ausfüllt.' Ja, in der weiten Fassung seiner Statuten tritt es ihnen ergänzend und ebenbürtig an die Seite, indem es, unabhängig von Herkunft und Geburtsorts nicht bloß Waisenkinder, sondern — wie schon sein Name sagt — infolge von Not und Unglück der Eltern dringend der Fürsorge bedürftige Kinder ausnimmt und so eine bisher nur zu empfindlich gewesene Lücke in der jüdischen sozialen