Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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»,**«»:» Der Oemeindeüate. Berlin, 3. Juni 1910 Beilage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums". lkorrrlponLm?kn und Kschrichtm. Deutschland. Berlin, 31. Mai. Die Berliner jüdische Gemeinde feierte am 24 Mai den 100. Geburtstag von Abraham Geiger durch die Veranstaltung eines Festgottesdienstes in der Neuen Synagoge, zu dem viele Hunderte aus allen Kreisen der Berliner Judenheit sich eingefunden hatten. Der erhebende Festakt wurde durch zwei Chorgesänge ein geleitet. Darauf hielt Rabbiner Dr. Warschauer in bekannter Meisterschaft die Gedächtnisrede, in der er das Lebensbild des Gefeierten zeichnete und seine unsterblichen Verdienste um das Judentum'' und seine Wissenschaft feierte. Chorgesänge und Gebet beschlossen die stimmungsreiche Feier. — Der „Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben" in Frankfurt a. M. veranstaltete ebenfalls am 24. Mai eine Gedächtnisfeier zu Ehren des Unvergeßlichen, der dort das Licht der Welt erblickt und lange segensreich gewirkt hatte. Die Gedenkrede hielt sein treuer Schüler Oberrabbiner Professor Dr. Klein aus Stockholm. — Im Oberlichtsaale der Philharmonie in Berlin fand am 29. Mai, mittag eine Gedenkfeier sta.tt; die von dem Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde ' veranstaltet worden war. Das Podium des Saales bildete einen Hain von Blattpflanzen und Lorbeerbäumen,, in dessen Mitte das Bild des verstorbenen Gelehrten Aufstellung gefunden' hatte. Die Feier begann mit einem Psalmengesang .des Shnagogenchors. Dann hielt Rabbiner Dr. Blumenthal die Gedenkrede. Mit dem Liede: „Die Himmel rühmen" endete der feierliche Akt. — Ferner feierten in gehaltvollen Reden das Gedächtnis Abraham Geigers: in Hamburg Prediger Dr. Leimdörfer; in Köln Rabbiner Dr. Caro; in Karlsruhe Rabbiner Dr. Appel; in Wiesbaden Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. Kober; in Königsberg Rabbiner Dr. Vogelstein; in Karlsbad Rabbiner Dr. Ziegler. Erwähnt sei noch, daß viele hervorragende deutsche Tageblätter und fast sämtliche jüdische Zeitungen den 100. Geburtstag von Abraham Geiger nicht unbenutzt ließen, um in ausführlichen Aufsätzen das Andenken dieses Großen in Israel gebührend zu würdigen. Selbst die gegnerischen Zeitungen wurden ihm gerecht und priesen übereinstimmend seine unsterblichen Verdienste um die jüdische Wissenschaft, in der seinem Andenken ein Denkmal für ewige Zeiten errichtet ist. — Berlin, 31. Mai. Am 26. Mai begann Herr vr. MI. Emil G. Hirsch, Professor für' orientalische Sprachen an der Universität Chicago und Rabbinör der Chicagoer Sinai-Gemeinde, an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums seinen Vortragszyklus über „Das Judentum in den Vereinigtrn Staaten" mit einem Referat über die Einwanderung der Juden in Amerika, ihre staatliche und gesellschaftliche Stellung. Für die Einwanderung der Juden unterschied Redner drei Epochen. Die erste Epoche, unmittelbar nachdem die ersten Ansiedlungen englisch sprechender Puritaner stattgefunden hatten, eine Einwanderung, die hauptsächlich von portugiesischen Juden ausging, und deren Spuren heute fast völlig verloren sind. Die zweite Einwanderungswelle folgte in den Jahren 1840—1870, ihren Keru bildeten die deutschen Juden, die den größten und nachhaltigsten Einfluß auf das jüdische Leben Amerikas gewannen. Die dritte Epoche setzte im Jahre 1880 ein, veranlaßt durch die Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien, ihr ist das große Anschwellen der Zahl der Juden in Amerika zu verdanken. Während um das Jahr 1880 noch keine 200000 Juden in Amerika wohnten, beträgt ihre Zahl jetzt mehr als l1/4 Millionen, davon allein in New York gegen eine Million, so daß New York bei weitem die größte jüdische Stadt darstellt. Infolge ihrer Zahl spielen die Juden in dem eigenartig gestalteten politischen Leben Amerikas eine ganz bedeutende Rolle. Verschiedene Nationalitäten, von denen keine die Mehrheit erlangen kann, stehen dort im politischen Kampfe, und die verschiedenen Parteien hüten sich davor, das Selbstbewußtsein derJuden zu verletzen, die beispielsweise im Staate New Jork, wo jeder fünfte Wähler ein Jude ist, mit ihren Stimmen den Ausschlag geben. Der politische Antisemitismus ist daher in Amerika gänzlich unbekannt und wird dort auch nicht von den Deutschen gepflegt, die. da sie in Amerika gleichfalls eine Minderheit bilden, dasselbe Interesse, wie die Juden haben. Die Judenfrage sei eben im Grunde genommen eine Minoritätenfrage. In Amerika gelangen Juden zu den höchsten Staatsämtern, die hohen Richterstellen sind vielfach mit Juden besetzt, und ihr Anteil am Osfizierkorps übersteigt ihren Prozentsatz bedeutend. Im Gegensatz zu dem politischen Antisemitismus ist der gesellschaftliche stark verbreitet. Die Gründe hierfür sind, teils in europäischen Vorbildern, die insbesondere auf die Universitäten stark eingewirkt haben, zu suchen, teils in dem Umstande, daß sich seit Alters infolge der Trennung von Kirche und Staat das gesellschaftliche Leben mit einer in Europa nicht bekannten Intensität um die Kirche entwickelt. Hierdurch wird der Jude mehr als jeder andere Einwohner als fremdnational vom Angloamerikaner empfunden. Die gesellschaftliche Abschließung hat indes das Gute im Gefolge, daß Mischehen fast gar nicht Vorkommen und die Assimilationsgefahr trotz allen Einlebens der Juden in Amerika nicht zu fürchten ist. Den Gesamteindruck faßt der Redner dahin zusammen, daß die letzten 50 Jahre einen hervorragenden Aufbau des jüdischen Gedankens wie des jüdischen religiösen Lebens gebracht hätten. — Weitere Vorträge finden in der Aula der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Artilleriestraße 14, am 31. Mai, 2. und 7. Juni von 7 bis 8 Uhr statt. Der Besuch derselben ist unentgeltlich. . J. Berlin, 31. Mai. Die Frage der Zentralisation der Wanderarmenfürsorge, deren Regelung seit 40 Jahren, seit Bestehen des ^Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", diesen beschäftigte, scheint unmittelbar vor einer entscheidenden Losung zu stehen. Der Zentralisationsapparat in seinern klaren durchsichtigen Aufbau: Ortskasse, Provinzialkasse und Zentralkommission geht in fast allen Gauen des deutschen Reiches seiner Vollendung entgegen. Diese Perspektive konnte der Schriftführer Dr. Neumann einer Sitzung der bekanntlich zur Gesamtorganisation der Wanderarmenfürsorge eingesetzten Zentralkommission, die am letzten Sonntag, 29. Mai im Bureau des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" tagte, erfreulicherweise stellen. Seinen eingehenden Mitteilungen über den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit ist zu entnehmen, daß in Ostpreußen die prinzipielle Zustimmung vorliegt, und der Unterbau, die Begründung von Ortskassen, in die Wege geleitet ist. In der Versammlung, die am 22. Mai in Königsberg stattfand, waren auch drei Herren vom Ausschuß des westpreußischen Gemeindeverbandes anwesend. Daraus, wie aus verschiedenen Zuschriften, die an die Zentralkommission von dort gelangt sind, darf auf die Bereitwilligkeit zum Anschluß auch dieser Provinz geschlossen werden. Der Anschluß Pommerns ist gesichert. Es ist dort bisher gelungen, 16 Gemeinden zur Beitrittserklärung zu veranlassen. Am 19. Juni wird nun in Kolb erg mit einer Ausschußsitzung des Synagogengemejndeverbandes zugleich die Konstituierung der Provinzialkasse verbunden werden. Der Verband der Synagogengemeinden des Regierungsbezirks Posen hat, wie schon bekannt, die Begründung einer Provinzialkasfe mit Sitz Posen definitiv beschlossen.' Im anderen Regierungsbezirk dieser Provinz, in Bromberg, hat die Gemeinde Filehne mit Zustimmung des Verbandsausschusses sich mit den benachbarten.Gemeinden und auch solchen der Provinz Brandenburg zwecks Anschlusses an eine Provinzialkasse in Verbindung gesetzt. Die jüdische Gemeinde der Reichshauptstadt wünscht als ein besonderer Bezirk der Zentralkommission angeschlossen zu werden. Von einer über diese Einzelfrage hinausreichenden Bedeutung ist die Stellungnahme zu dieser Angelegenheit in der Provinz Brandenburg. Sie entbehrt bekanntlich durch die besonderen Verhältnisse der Gemeinde Berlin jedes organischen Zusammenhanges ihrer Gemeinden. Die nach Berlin größte Gemeinde Frankfurt a. O. gehörte bekanntlich noch bis vor wenigen Monaten nicht einmal dem