Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Helene: Wer hat bei ihm interveniert? . Helbing (mitkomischem Stolz): Mein Freund Gustav, die Presse. Er war bei ihm oben, versprach ihm alles und drohte ihm. mit allem. Sie wissen, er.korrespondiert für ausländische Blätter, und das ist noch das. einzige, wovor die Mächtigen bei uns Respekt haben. Direkt vom Gouverneur wird er sich erlauben, hierher zu kommen, denn, wissen Sie, mein Fräulein, auch er. .. fürchtet ein wenig für Sie... Helene: In der Tat, Sie sind beide chevaleresk. Ihr geehrter Freund aber, der ist ja ein wahrer Wundermann, ein drachentötender Skt. Georg. Helbing: So Ms. Und nachdem ich von der gewissen Klausel im Testament Ihres Vaters unterrichtet bin, so muß ich mir mit schwerem Herzen zwar, aber dennoch gestehen, daß Gustav den Bedingungen weit eher entspricht und demzufolge... Helene (verschließt-ihm den Mund mit der Hand): Helbing, Sie lästern Gott! Helbing (nimmt ihre Hand und küßt sie): Nein, Helene, ich bete ihn an! (Der Lärm hat sich bereits längst verzogen. Helbing hält noch immer ihre Hand in der seinen. Frau Dörmann und Dr. Masirewitsch treten ein.) Fünfter Auftritt.. Die Vorherigen, Frau Dörmann, Dr. Masirewitsch. Dr. Masirewitsch-: Guten Tag, meine Freunde. Ich bin spornstreichs hierhergeeilt. Was fehlt Ihnen Helene? Der Dienstbote berichtete mir. Sie waren im Begriffe, zu mir zu kommen, und wären inzwischen anderen Sinnes, oder unwohl geworden. Was fehlt Ihnen? Helene: Lieber Doktor, es fehlt mir gar nichts. Aber es scheint. Sie wissen ja gar nicht, was hier unten vor° gegangen ist. Dr. Masirewitsch: Wie sollte ich es nicht wissen! Nur daß wir dabei nicht! mehr Helsen können. Auch glaube ich, daß dabei einstweilen niemand helfen kann. Wenn schon ein armseliger Funke hinreicht, die Leidenschaften des Pöbels zur'mächtigen Flamme zu entfachen, - was können wir gegen die lodernde Glut mit unseren Tränen ausrichten? Nur uns selbst verzehren, aber die Feuersbrunst ersticken wir nicht. Helene: Bedauerlich, daß es so ist. Schmerzlich genug zu sehen, daß es so ist. Aber wenigstens wollen wir nicht säumen, wo es noch etwas zu retten gilt. Die Toten freilich — wir können sie nicht wieder beleben. Aber diesen unglücklichen Silberstein — ich glaube, es wird nicht schwer sein, ihn aus seinem Kerker zu befreien. Ich bitte... lassen Sie uns doch schleunigst für ihn etwas tun. Dr. Masirewitsch: Ich gehe sogleich zum Polizeichef. Wie denken Sie, Herr Helbing: begleiten Sie mich, oder bleiben Sie hier bei den Damen? Helbing: Ich kenne den Herrn Polizeichef nicht und hier — bin ich vielleicht n.cht ungelegen. Dr. Masirewitsch (lächelnd): Ich verstehe. (Nimmt Hut und Stock. In diesem Augenblick tritt Gustav ein.) (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungm. Tolstois Jüdische Legenden von S. Aschner. Das Büchleins) das ich hiermit allen Lesern der Allgemeinen Zeitung, des Judentums anzeigen möchte, hat mir. selbst viele Freude bereitet und wird auch gewiß allen,- die es lesen,r jung und alt, eben, weil es so ggnz unliterarisch gehalten ist und den milden Ton J) Leo Tolstoi, Jüdische Legenden,. Berlin-Leipzig 1909, Kurt Wigand. einer erzählenden Mutter, der die Kinder am Kaminfeuer zulauschen, angenommen hat, das traute, sich der Märchenwelt staunend erschließende Kindergefühl wenigstens für ein hingegebenes Ständlein wiederschenken. Die jüdische Legende ist seit alters keine nur jüdische Angelegenheit mehr. Sie gehört, wie alles, was jüdische Dichter und Denker gesponnengefühlt, geträumt und gesehnt, ja, wie wir selber in unserer internationalen Geschichte der ganzen Welt, und dies schon seit den Tagen des Petrus Alphonsi, dessen ,viseip1in8. elsrioalis" zuerst in weiterem Umfange den jüdischen mit dem mittelalterlich europäischen Geist vermählte. Im 17. Jahrhundert hat dann Helvicus, leider nicht ohne polemisch antisemitische Zutaten, jüdische Fabeln und Legenden vorgetragen, und er war eine wesentliche Quelle der Brüder Grimm für diese-Dinge. Was Herder und Krummacher geleistet, verbürgen diese Namen, vor allem Herders, der, wie allgemein bekannt ist, der Erkenntnis jüdischen Schrifttums seine eigene seherisch beflügelte Begeisterung entgegentrug. Herder war für die jüdische, noch mehr, wie sich versteht, für die christliche Legende, die er glänzend erneuerte, empfänglich und hat damit eine Entwicklung eingeleitet, die über Goethe und Kosegarten zu Gottfried Keller hinführt. Unter dtzn Modernen leuchtet auch auf diesem Gebiete Tolstois',) der östlichen, so hart bedrängten Iudenheit wie allen Unterdrückten teurer Name voran. Tolstoi findet in unseren Legenden „etwas unendlich Weiches und rührend Großes." Er entdeckt in ihnen ein tiefes Versenken .in die Geheimnisse der menschlichen Seele. Sie erscheinen ihm wie eine erhabene, vereinsamte Lqndschaft der Vergessenheit, in der nur Meer und Himmel und unendlich stille, schlummernde Usergelände ihre unvergeßlich lautere Sprache führen. „Schon die. Schöpfung dieser Legenden bezeugt die unendliche Seelen« größe dieses Volkes." Und wie reich und vielseitig variieren diese Legenden das eine eng umschriebene, ewig gültige ethisckie und Psychologische Thema, das zum besten und ältesten jüdischen Besitze gehört! Wie reich sind die Erinnerungen an Nahes und Fernes, die sie erwecken! „Die Macht der Hoffnung" spricht von dem bräutlichen Harren Israels auf seinen göttlichen Bräutigam, und wir denken dabei an den alten, ewig jugendlichen Lechodaudibrautgesang. Uns dünkt diese unerschütterliche Zuversicht „quand meine“ hier viel einfacher und gültiger ausgesprochen als etwa in dem bekannteren Gleichnis des Matthäus von den klugen und törichten Jungfrauen, das im Grundgedanken nahe verwandt ist. Die „Erschaffung des Menschen" predigt das so echt jüdische Mitleid, daß zwar hier und da auch sonst in der Weltliteratur, z. B. in dem „nicht mitzuhasfen, mitzulieben bin ich da" des Sophokles anklingt, im ganzen aber doch ohne seinesgleichen dasteht in seiner ans fürchterlichen Erfahrungen heraus geborenen, überzeugenden Gewalt. Sehr bedeutungsvoll in vielerlei Hinsicht ist „Abraham", wo wir, wie schon David Strauß im „Leben Jesu" bemerkte, eine in ihrer Bündigkeit überraschende Parallele zu Christi fabelhafter Geburts- und Jugendgeschichte bis zur Flucht nach Aegypten vor uns haben. Unendlich liebenswürdig in ihrem weisen Humor, d.ibei von schlagender Beweiskraft gibt sich die .Geschichte von ,-Abraham und den Götzen", die uns, wie etwa Goethes Liedchen ,,Wer kauft Liebesgötter?" in einen der hellenisch-römischen Kulturwelt ungehörigen Götzenladen führt. Die Wahrheit dieser Legende ist die des Psalms 115, Vers 5: „Einen Mund haben ihre Götzen und reden nicht, Augen, und sehen nicht." In Goethes Mahometfragment von 17-73 wird der Rechtsstreit des Monotheismus mit dem Polytheismus imWortundGeist derBibel ausgetragen:„Müssen nicht eure Götter wie kleine Fürsten, deren Grenzen verwirrt sind, mit unauflöslicher Zwietracht sich wechselweise die Wege versperren?" Fast scheint es, als ob diese Worte die in unserer Legende drastisch vorgeführte Götzenrauferei, bei der der größte Moloch die kleineren und schwächeren kurz und gut totschlägt, abgeblaßt paraphrasieren. Dasselbe biblische Leitmotiv ist in „Araham vor Nimrod" wieder anders gewendet. Der Gottesbeweis wird hier indirekt geführt. Feuer, Wasser, Wind können nicht Gott sein. Ergo ist es jenes konstante, unwandelbare Prinzip, welches war, was es sein wird. Solch ein Durchlaufen vieler Wesensreihen bis zum göttlichen Urquell hin ') Eine knappe Würdigung dieses weltliterarischen Entwicklungsganges gab neulich Max EschelbachorDer Talmud als Bildüngsmittel" im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1910, S. 175—176.