Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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helfen, an mir sollls nicht fehlen. Vorerst aber, bitte, muß ich Sie verstehen, um was es sich dabei handelt: Ihren Vater also- Moritz: Haben sie eingesperrt. Der Jwanowitsch — sein Schwager ist Vize-Hauptmann bei der Polizei — kam gestern abend in unser.Geschäft und erzählte, er hätte von den ihm ' anvertrauten Geldern siebzehntausend Rubel verloren, und 'wenn er das Geld bis heute vormittag nicht zur Stelle schaffe, so müßte er nach Sibirien wandern. Er forderte die Summe von meinem Vater, und rühmte sich fälschlich, er 'hätte uns schon Freundschaft genug erwiesen, und hätte uns, so sagte er, gar manche Unregelmäßigkeiten nachgesehen, woran übrigens kein wahres Wort ist. Und mein Vater verweigerte ihm das Geld. Daraufhin kam heute vormittag der Vize- Hauptmann/ und führte meinen Vater weg. Meine Mutter und Rosa — sie. weinten, flehten und baten, wie sie konnten — umsonst. Ein Herr Lupasfow, der frechste unter ihnen, stieß sie hin und her und unterfing sich, gegen Rosa unverschämt zu sein... und da ging mein Vater mit einer Eisenstange auf ihn los — beinahe hätte er ihn niedergeschlagen. Der Vize-Hauptmann wurde ungeheuer wütend und ließ Papa von. seinen Leuten in Eisen schlagen. Bei hellem lichten Tage schleppten sie ihn fort und brüllten auf der Straße, er sei ein niedriger, gemeiner Jude, der Bomben in seinem Haus verbirgt; man müsse es den Juden eintränken, man müsse sie •. vernichten in der alten Krönungsstadt Moskau, und so fort in diesem Ton. Unterdessen war der Auflauf bereits groß — kaum war ich imstande, das Geschäft, zu schließen und mich mit den Frauen ins Hofzimmer zurückzuziehen. Da kam auch der Nachbar, der alte Israel Feldheim zu uns und sagte mir, ich möge zu Ihnen laufen, er würde inzwischen bei den Frauen verbleiben, und so kam ich denn hierher — — — Helene (zu Frau Dörmann): Wo ist Dr. Masirewitsch? Frau Dörmann: Im Krankenhaus. Es ist jetzt seine Ordinationsstunde. Helene: Ich will schleunigst zu ihm fahren. Ich bitte Dich, Tante, einen Wagen — inzwischen nehme ich meinen Ueberrock! Frau Dörmann: Sogleich, mein Kind. (Ab.) Dritter Auftritt. Helene, Moritz. Helene: Der Doktor wird mit mir zum Polizeichef fahren. Den kennen wir und sind noch aus meines Vaters Zeiten mit ihm auf gutem Fuße. Gehen Sie indes nach Hause und beruhigen Sie die Ihrigen! (Helene geht gegen die Türe rechts. Plötzlich wird ein erst unsicheres, dann immer mehr und.mehr zum Lärm anwachsendes Geräusch hörbar, als würde die Menge des Volkes aus den Nebengassen auf den großen Platz gedrängt. Pferde- : getrappel wird hörbar, Geschrei, Geheul. In dem wüsten Lärm versteht man kein Wort. Helene stürmt zum Fenster, bleich und zitternd; hinter der Szene wird eine' Feuersbrunst sichtbar, deren greller Schein auf Helene fällt. Moritz steht wie versteinert bei. der linken Türe.) Moritz (halb bewusstlos und starr vor Schrecken): Der — Pogrom! Helene: Ja, das — der Pogrom! O ihr elenden, ver- . fluchten Bestien! (Sie winkt Moritz mit einer gebieterischen Geberde zu sich heran.) Komm-her! Dort sieh, wie er anschwillt und wächst, der Pöbel, wie er sich drängt und stößt und nach Beute gierig die Zähne fletscht! Nur rauben, nur morden, ■ nur stehlen und sengen und brennen — das ist ihre tierische Wut. Sieh, wie sie sich stauen gegen die Judenstadt, diese vom Dunst des Branntweins und vom Geruch des Blutes ^vertierten Massen. Dorthin schau! Verstümmelte Leichname schleppen sie mit sich am hellen, lichten Tag? durch die Straßen, von Moskau, der Krönungsstadt; im zwanzigsten Jahrhundert 1 O, gibt^s eine Gerechtigkeit! Zertreten, verlacht und verspottet! Sieh, wie sie sich freuen des guten Spaßes, die Polizisten/ und wie sie ihre Horden noch aneifern, dirigieren, unterrichten und ermutigen zu Mord und Plünderung! Fluch über euch, ihr Schergen eines barbarischen Willens! Fluch über euch, ihr Bestien! Warum kommt ihr nicht Und tretet mich zu Tode! Warum muß ich leben, um tatlos die Schmach und die Schande meines Volkes zu sehen! Warum ikann ich euch nicht mit diesen meinen Händen erwürgen, ihr Henker des blutrünstigsten Fanatismus! O, gebt mir doch Waffen, gebt mir Gift, daß ich sie zu Tausenden vernichten kann, diese Schwären der menschlichen Art — oder laßt mich sterben, wenn ich schon niemand habe, der mir helfen kann! Gott ... Du mein Gott, an den ich glaube, an den man mich glauben lehrte von meiner frühesten Kindheit an . . .Gott, Vater... tue ein Wunder und lasse sie von der Erde verschlingen, wie die Rotte Korah! Laß Stürme fegen, daß dieser Kehricht der Menschheit für immer vom Erdboden verschwinde! Tue ein Wunder, Gott . . . damit ich Dich nicht verleugne! (Unterdessen ist der Lärm immer größer geworden; jetzt kann man schon einzelne Ausrufe unterscheiden: „Tod den Juden! Nieder mit den Juden!" Die auf dem Platze sich drängende Menge ist stehen geblieben. /Wie Helene die letzten Worte ausspricht, sinkt sie zusammen.) Vierter Auftritt. Die Vorigen. Helbing. (Helbing in großer Aufregung, sehr blaß, tritt eben in dem Momente ein, wo Helene zusammensinkt. Er eilt herbei, fängt sie aus und winkt Moritz, daß er sie allein lasse. Moritz, wie aus einem Traum erwachend, besinnt sich und taumelt hinaus.) Helbing (noch immer Helenen im Arm haltend): Helene, Helene! Helene (kommt zu sich): Sind Sie es, Helbing? Wie kommen Sie zu dieser Stunde hierher? Helbiug: In dieser Stunde ist hier mein Platz. Es gibt niemanden, der mir dies Recht streitig machen könnte — auch .Sie nicht, Helene. Dem könnte ich ja wohl noch entsagen, daß Sie die Meine werden sollten. Aber Sie in der Stunde der Gefahr mit meinem Leben zu verteidigen — dies Recht will ich mir von niemand schmälern lassen. Helene! Ich bin von keiner Gefahr bedroht. Dies Haus steht ja unter einem besonderen Schutz. Die Freundschaft des Volizeichefs schützt uns. Sie wissen, der Mob geht ja nur dorthin rauben, wohin ihn die Polizisten dirigieren. Und hierher wagen Sie ihn nicht zu führen. Indessen— wenn bloß von meiner Sicherheit die Rede wäre! Aber Sie sehen ja, es werden heute wieder zu Hunderten die Opfer fallen! Was mag den heutigen Tumult nur hervorgerusen haben? Helbing: Vor dem Hause des armen Silberstein haben die Ausschreitungen ihren Anfang genommen. Helene: Also dennoch! Ja, wo es anfing, das wissen wir bereits; aber wo, Du lieber Himmel, wird es endlich aufhören! Helbing: Für heute wird es rasch ein Ende nehmen; dafür hat jemand bereits gesorgt. Was -aber morgen, und was später sein wird — das kann nur die Vorsehung wissen. Helene : Sind Sie auch dessen sicher, daß es für heute zu Ende ist? Helbing: Ganz ohne Zweifel! In diesem Augenblicke sind die Kosaken des Gouverneurs bereits unterwegs, . um Ordnung zu schaffen. Und daß es ihm auch diesmal damit Ernst ist, dafür hat wie ich eben sagte — bereits jemand gesorgt.