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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-03 · Heft 22 (3.6.1910) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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zu diesem legt Beck so gut wie gar keinen Wert auf den Kampf zwischen Könige und Priestertum; Saul ist, trotzdem er aus Samuels eigenem Munde die Salbung Davids vernommen hat, sogar zur Unterwerfung unter den unversöhnlichen Priester bereit — lediglich um die Krone sich und seinem Haus zu erhalten. Dafür haßt er den Hirten, dessen Waffentaten ein lautes Echo der Begeisterung im Volke erwecken, und' er haßt seine Kinder, die auf Davids Seite stehen. Meisterhaft hat Beck den Wechsel von Wahnsinn und Verstandesklarheit in Saul, die hingebende Liebe der Königstochter Merob, Jonathans treue Freundschaft gezeichnet; dagegen ist der ganze Plan verfehlt, da Sauls Untergang nicht eine Folge seiner Handlungen, sondern eben seines Wahnsinns ist, er somit als willenloses Werkzeug erscheint. (Kurz, „Literaturgeschichte".) Zwei höchst eigentümliche Gestalten hat Beck in der Totenbeschwörerin und dem Moab geschaffen. Beide sind Heiden aus demselben Lande, das Saul einst unterworfen, und von glühender Sehnsucht nach der verlorenen Heimat erfüllt. Die Totenbeschwörerin erscheint nicht als eine magischen Unfug treibende Zauberin, sondern als eine geheimnisvolle Sibylle, eine Priesterin ihres ' vernichteten Volkes; sie tritt nicht unvermittelt in einer einzigen Szene, wie' dies in den meisten Dramen der Fall ist, sondern lange, bevor Saul sie in ihrer Höhle aufsucht, durch das Gebirge streifend, hervor. DerHeideMoab ist dem König, dessen Edelmut ihm Bewunderung einflößt, mit fast hündischer Treue ergeben, aber zugleich ein böser Dämon, der alle von Saul im Wahnwitz gegebenen Befehle aus unauslöschlichem Haß gegen das auserwählte Volk aussührt. Als Moab, dessen letzte Bitte ist, von Saul noch einmal angeblickt zu werden, stirbt, da wird des Königs Geist frei und klar: Du warst mir allzu treu, dies ist Dein Lohn! Du gehst voran. — Nimm auch die böse Stunde Mit Dir hinweg! — Sie weicht, sie flieht, die böse Stunde, Es tagt um mich — ich fühl's — mein Geist gesundet. Ist wie in Licht getaucht — doch ach, so spät! 6. Saul und David. Ein Drama der heiligen Geschichte von Friedrich Rückert. Erschienen 1843. Man begeht an einen: der größten Lyriker Deutschlands ein bitteres Unrecht, wenn man seine Dramen lediglich vom Standpunkt der Bühnenausführung betrachtet und dann mit dem Worte „verfehlt" und ähnlichem abspeist. Rückert war eine viel zu innerliche, reflektierende Natur, als daß er wirksame Bühnenstücke hätte schreiben können. Man muß sie als dialogisierte epische Dichtungen betrachten. Und so können wir, ohne den Vorwurf der Uebertreibung oder Verhimmlung auf uns zu laden,' sagen, daß eine so poetische Darstellung der biblischen Geschichte, wie sie Rückert uns in seinem „Saul und David" gegeben, zum zweitenmal nicht existiert. Alle die Ausstellungen, die berufene oder unberufene Kritiker daran machen, namentlich, daß der Dichter wichtige und episodische Momente mit gleicher Ausführlichkeit behandelt habe, fallen in sich zusammen, weil dieser einen strengen Plan bei seinem Werke überhaupt nicht hatte. Dafür entschädigt er durch die Fülle dichterischer Schönheit, durch den verschwenderischen Reichtum poetischer Formen und Gedanken. Die Krone des Werkes ist unbedingt die erste Abteilung; und wer diese in ihrer ganzen Bedeutung würdigt, der muß zu der Ansicht gelangen, daß Rückert auch ein gesunder dramatischer Verstand innewohnt. Denn wenn der Dichter — als einziger aller Saul- Dramatiker — uns Sauls Erwählung vorführt, d. h. den demutvollen, frommen und dabei doch seiner Kraft sich bewußten Jüngling zeigt, so wird das Interesse für diese echte und wahre Königsgestalt von Anfang an in Anspruch genommen und kann nun nicht mehr schwinden.. Die Schönheit der Rückertschen Verse, die Anmut, die über dem Ganzen liegt, die holde Einfalt und Ruhe — sie sind über jedes Lob erhaben, und ich begnüge mich darum mit einem ziemlich ausführlichen Zitat, welches das Gesagte voll und ganz bestätigt. Auf der Höhe von Silo weilen Samuel und ein Prophetenschüler; Saul und sein Knecht treten auf: Saul. Ihr edlen Männer, könnt ihr wohl mir sagen, Wo hier der Seher, den wir suchen, weile? Samuel. Ich bin der Seher, der auf deine Fragen Hier wartet, daß er Antwort dir ertheile. Sag' an: Wer bist du, und woher gegangen? Was magst du suchen oder was verlangen? Saul. Von Gibea, das dorthin sich im Süden Birgt hinter manchen Berg- und Hügelreihn, Sind ich und der gegangen ohn' Ermüden, Und was wir suchten, holten wir nicht ein. Saul, Sohn des Kis, so bin ich dort genannt, Hier in der Gegend bin ich unbekannt. Dein Vater gingen von der kleinen Heerde Verloren zwo der besten Eselinnen. Und er gebot uns dieses.Wegs Beschwerde, Um oie verlornen wieder zu gewinnen. Wir sind durch Ephraims Gebirg den langen Weg und durchs Land Salisa drauf gegangen, Und haben, was wir suchten, nicht gefunden; Tann zu der Höh' von Saalim kamen wir, Und was wir forschten, war nicht zu erkunden, Durchs Tal von Suph den Weg dann nahmen wir, Und wie wir auch vergebens dort gefragt, Ta Hab' ich hier zu meinem Knecht gesagt: Laß uns umkehren wieder! Wir gewinnen Hier weit're Müh' nur, wenn wir weiter gehn. Der Vater möchte um der Eselinnen Vergessen und um uns in Sorgen stehn. Er aber sprach: Erst laß uns noch ersteigen Den Berg, was da sich mag für Aussicht zeigen. Die Leute sagen, auf dem Berge sei Der Seher jetzt, der das Verborgne kennt. So nah dabei, gehn wir ihm nicht vorbei! Vielleicht, daß er uns das Erwünschte nennt. Ich sprach: Wie dürften wir ihm nahn und haben Ihm würdig darzubringen keine Gaben? Er sprach: Im voraus war ich auch bedacht Auf solchen Fall; ein Glück, daß ich es that: Die trocknen süßen Hab' ich mitgebracht Beineben unserm Reisebrotvorrat: Die Masse hier von Feigen und Rosinen, Dem Seher, komm, soll sie zur Gabe dienen. Die leg' ich hier zu deinen Füßen nieder; Und laß uns nun gewünschte Kund' empfahn! Samuel. Steh auf, mein Sohn, und knie niemals wieder Mit Knien sollen andre dir sich nah'n. Dein Vater hat gefunden seine Habe; Und wem, als dir, wird jede Ehrengabe? Wem ist des Landes Köstliches verlieh'n? Das Herrlichste des Volkes wes, als Dein? Saul. Klein unter Israel ist Benjamin, Und mein Geschlecht in Benjamin ist klein, Klein bin ich unterm eigenen Geschlechts: Was redest solches du zu deinem Knechte!

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