Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228930--66544-3278686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Seinem dienstlichen Verhalten entspricht sein außerdienstliches: er ist Referendar bei dem hiesigen Amtsgericht und sucht demgemäß seinen Verkehr in den bestell Kreisen der Stadt, in den ersten- Kreiselt christlicher und jüdischer Religion, welcher letzteren er selbst angehört." Eine einfache Falschmeldung, dazu bestimmt, den Oberst darauf aufmerksam zu machen, daß der günstige Bericht nicht zu einer Beförderung Anlaß geben dürfe, denn der an sich qualifizierte Kandidat sei Jude! Der Wiuk verfehlte denn auch nicht sein Ziel und — kein einziger Einjähriger vom Regiment wurde befördert! Man hatte damals noch eine Scheu davor, das rechtswidrige Tun so weit zu treiben, daß minder geeignete Einjährige vorgezogen wurden, nur weil sie christlichen Glaubens waren! Nachdem ich um eine Erfahrung reicher nach Berlin zurückgekehrt war, bin ich hier weiter Referendar gewesen, einige Monate Assessor geblieben und dann Rechtsanwalt geworden. Als dann 1893 der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens begründet worden war, bin ich in dessen Vorstand eingetreten und bin seit Januar 1895 sein Vorsitzender. Der von meinem Kollegen Breslauer ausgegangenen Idee der Begründung eines „Judentages" habe ich — auch nach ihrer auf Anregung meines Freundes und Kollegen Eugen Fuchs erfolgten Umgestaltung zu dem Gedanken einer Gesamtorganisation aller deutschen Juden — gemeinsaln mit den erwähnten beiden Kollegen und mit den Herren Professor Philippson und Justizrat Edmund Friedemann weitere Folge gegeben, und zu meinen angenehmsten Erinnerungen werde ich die Sitzung rechnen, in welcher unter meinem Vorsitz im Repräsentanten - Sitzungssaale der Berliner jüdischen Gemeinde der Verband der Deutschen Juden begründet worden ist. Seiner Leitung habe ich demnächst — zunächst als stellvertretender Vorsitzender unter dem Vorsitz des Professors Philippson, dann des unvergeßlichen Edmund Lachmann, seit des letzteren allzu frühem Hinscheiden als Vorsitzender des Verbandes — angehört. Ihrem Wunsche, einige biographische Notizen von mir zu erhalten, habe ich schließlich entsprochen, obgleich ich mir bewußt bin, daß weder die Ereignisse meines Lebens, noch meine Person ein allgemeines Interesse beanspruchen können. Ihr Wunsch verdankt aber seine Entstehung meiner Tätigkeit im Dienste meiner deutschen Glaubensgenossen und er mag als berechtigt gelten, wenn man meiner Arbeit die Entschuldigung zubilligt: In magnis voluisse sat est! Möge unseren Glaubensgenossen zuteil werden, was ich ihnen gern miterkämpft haben würde! Maximilian Horwitz. ■ löriek aus London. Von Dr. Chotzner. as allzufrühe und unerwartete Hinscheiden des allgeliebten englischen Königs Eduard VII. hat ebenso wie alle anderen seiner zahllosen Untertanen, auch solche, die dem Judentum angehören, in aufrichtige, tiefgefühlte Trauer versetzt. Ja, letztere, und die Juden im allgemeinen, haben besondere Ursache, den Tod dieses guten englischen Monarchen zu beklagen, da er stets ein liebevolles Interesse — direkt und indirekt — für sie bekundete. Es wird sogar, und vielleicht mit Recht, behauptet, daß die jüngst mit Rußland gestiftete entente oordiale, abgesehen von ihrer politischen Bedeutung, den geheimen Zweck hatte, den russischen Kaiser und die russische Regierung überhaupt zu veranlassen, die gegenwärtige Lage der russischen Juden einigermaßen zu verbessern. Eine solche „herzliche" Verbindung von seiten Englands mit dem halbzivilisierten Rußland würde wohl unmöglich gewesen sein, hätte sie der soeben Hingeschiedene König nicht selbst befürwortet. Es würde zu weit führen, wollte ich hier einige charakteristische Notizen ansühren, die da zeigen, wie günstig König Eduard für seine jüdischen Untertanen gestimmt war. Bemerken möchte ich jedoch, das; er häufig die hiesigen Rothschilds und Sassoons mit seinem Besuche beehrte, und daß er auch verschiedene andere Glaubensgenossen unter seinen persönlichen Freunden-zählte. Bekanntlich wurde . König Eduard allenthalben „ der Friedensfürst", oder in biblischer Phrase zu sprechen „8ar Schalom“ genannt, und wirklich scheint sein Lebensmotto ein echt altprophetisches gewesen zu sein, nämlich: „Friede, ja Friede sei dem Fernen und dem Nahen." Charakteristisch war auch seine optimistische Lebensanschauung, die bekanntlich dem jüdischen Stamme stets eigen war. Er interessierte sich daher lebhaft für alles, was in Gottes herrlicher Natur und in den schönen Künsten anziehend ist, und teilte keineswegs die Meinung derer, die da behaupten, daß die Erde, die wir bewohnen, ein Jammertal sei. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß König Eduards, allerletztes Oelgemäld,e von einem jüdischen Künstler, namens Mordecai, verfertigt wurde. Dasselbe ist augenblicklich in der hiesigen Royal Academy ausgestellt, und Fachkenner sprechen sich höchst lobend darüber aus. Das Andenken dieses Freundes der jüdischen Rasse wird sicherlich in den künftigen Annalen der jüdischen Geschichte in gebührender Achtung aufbewahrt bleiben. Eines der wichtigsten jüdischen Institute hier ist das Jews College, das vor vielen Jahren von dem vorhergehenden seligen Chief Rabbi Dr. Adler mit der Absicht gegründet wurde, daß hiesigen jüdischen jungen Leuten die Gelegenheit Iuftizrat Maximilian Horwitz. Vorsitzender de? „Zeutralbereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", und Vorsitzender des „Verbandes Deutscher Juden".