Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228930--66543-3278685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
256 hat, muß sich der Hilfsverein zu einer größeren Hilfsaktion vorbereiten, für die die Kommerz- und Diskontobank, Berlin W. Chorlottenstraße 47, Beträge entgegennimmt. * Und ein späteres Telegramm der „Boffischen Zeitung" meldet: Aus Moskau werden unerwartet 50 reiche jüdische Kaufleute mit Familien ausgewiesen. Unter der jüdischen Bevölkerung Moskaus herrscht Panik. Möge der Ruf des „Hilfsvereins" nicht ungehört verhallen, Geld allein tuUs freilich nicht. Wo ist der Gewaltige, der seine Stimme erhebt gegen diese ungeheuerliche Vergewaltigung, gegen diese furchtbare Verhöhnung von Recht und Treue? Was nützen die Bitten der Betroffenen, wo rohe Willkür herrscht; was helfen Proteste der Glaubensgenossen auf der ganzen Erde? Die Machthaber der zivilisierten Welt, die Parlamente aller Länder, die geborenen und gewählten Hüter von Recht und Gesetz müßten zusammenstehen, um solchen Greueln, der ruchlosen Vertreibnng sriedfertiger, nützlicher Bürger Einh alt zu tun. In einem Artikel des „Kasseler Tageblatts" wird eine ehrenwerte Jubilarin, die Alliance Israelite Universelle, deren Festtag in der vorigen Woche hervorgehoben wurde, folgendermaßen gewürdigt: Zur Pflege der Wissenschaft des Judentums hat die Alliance' Israelite Universelle eine „israelitisch orientalische Normalschule in Paris" errichtet, die sechs Millionen Franks eigenes Kapital besitzt, sie unterhält je ein Rabbinerseminar in Tunis und Konstantinopel, sie unterstützt jüdische Studien. Ihre Haupttätigkeit aber widmet sie der kulturellen Hebung der orientalischen Juden durch Unterricht. In Nordamerika, Westasien und auf der Balkanhalbinsel unterhält bezw. unterstützt Die Alliance Israölite Universelle gegenwärtig insgesamt 140 Schulen, in welchen 45 000 israelitische Zöglinge, Knaben und Mädchen, zu einem kleinen Teile auch Männer Tag für Tag Unterricht genießen. Die Unterrichtssprache ist den örtlichen Verhältnissen entsprechend vorwiegend französisch, doch wird neuerdings verschiedentlich auch Deutsch als Lehrgegenstand eingeführt. Eine der Schulen ist rein deutsch. Es bestehen zwei Ackerbauschulen in Jaffa und Tjedaida, mehrere Kindergärten, ein Asyl, ein deutsches Waisenhaus. In der Hauptsache sind es aber, neben einigen kleinen Religionsschulen, vorwiegend allgemeine Elementarschulen. Es sei bemerkt, daß die durch das neue liberale Regime in der Türkei eingeführte Stellung eines geistlichen Hochwürdenträgers aller ottomanischen Juden einem aus einer Allianceschule hervorgegangenen Manne zufiel. Einige der Schulen befinden sich in Gebäuden, welche der Alliance Israelite Universelle selbst gehören, die an Baukosten und Grunderwerb bis jetzt über 3lJ2 Millionen Franks ausgegeben hat. Insgesamt sind für das Schulwerk bis jetzt zirka 100 Millionen Franks ausgegeben. So war also die Alliance Israelite Universelle bemüht, Juden auf ein höheres intellektuelles und wirtschaftliches Niveau zu bringen, ihnen beim Kampfe um politische und soziale Freiheit beizustehen, ihnen Mittel zur Verteidigung wider Verleumdung und Herab, setznng zu gewähren. Wer unbefangen die heutigen Verhältnisse dort mit denen vergleicht, wie sie vor 50 Jahren bestanden oder in Gegenden, wohin die Tätigkeit der Alliance Israelite Universelle nicht gedrungen ist, heute noch bestehen: der wird den wohltätigen Einfluß der Alliance Israelite Universelle zu schätzen wissen. Arbeitsamkeit, Streben nach geistigen Gütern, Selbstbewußtsein, Vertrauen in die Zukunft hat sie erweckt, Verständnis für europäische Kultur hat sie erwirkt, was alles unter jenen Juden vor noch einem halben Jahrhundert fast etwas Unerhörtes war. s Vor einiger Zeit ist der große amerikanische Humorist Mark Twain gestorben. Er hat sich, wie die Mitteilungen des Abwehrvereins berichten, gelegentlich auch mit ernsten politischen Tages fragen beschäftigt. Im Septemberheste 1899 des „Harpers Magazine" kam er in einem längeren Artikel auf die Judenfrage zu sprechen und die folgenden, in dem genannten Aufsatze zum Ausdrucke gebrachten Ansichten bekunden, daß Mark Twain auch dieser Frage auf den Grund gegangen ist. Er schrieb: „Wägt man die Vorzüge und die Mängel beider Seitenehrlich und genau ab, so hat der Christ kein Recht, für sich in bezug auf gutes Bürgertum eine Superiorität über den Juden in Anspruch zu nehmen." — „Ich bin überzeugt, daß in Rußland, Oesterreich und Deutschland neun Zehntel des Judenhasses von der Unfähigkeit der Christen stammen, mit dem Durchschnittsjuden in Geschäftssachen zu konkurrieren ..." Den Juden gab er folgenden Rat zur Bekämpfung, des Judenhasses: „Bildet Freiwilligentruppen, bestehend aus lauter Juden, und wenn die Trommel schlägt, so gehet los und stellt euch in die Front. In der Politik organisiert eine Macht, vereinigt euch und machet von euerer entscheidenden Stimme Gebrauch, wo ihr könnt. Wo ihr es nicht könnt, erwirkt so gute Bedingungen als nur möglich." Jultisrst Sr. M. horwitz. 3N Berlin als Sohn eines Kaufmanns geboren, habe ich zunächst die Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin durch alle Klassen besucht und bin dann in die Obertertia des Friedrichs Werderschen Gymnasiums eingetreten. Nachdem ich 3/4 Jahre in Unterprima gewesen war, habe ich das Gymnasium verlaßen und mich dem Kaufmannsstande gewidmet. Unter der Leitung meines Vaters habe ich eine tüchtige kaufmännische Ausbildung genossen; nach einer Tätigkeit von vier Jahren, während deren ich täglich die Berliner Produktenbörse besucht hatte, den Beruf aber ausgegeben, weil sich der längst gehegte Wunsch, Jura zu studieren, nicht länger meistern ließ. Eben im Begriffe, mich wieder für das Gymnasium vorzubereiten, hatte ich den Tod meines verehrten Vaters zu beklagen, nachdem ich schon im Alter von neun Jahren meine Mutter verloren hatte. Nach kurzer Vorbereitungszeit trat ich in die Oberprima des Friedrichs- Gymnasiums ein und bestand nach einem Jahre dort die Reifeprüfung. Nachdem ich dann das Studium der Rechte absolviert hatte, genügte ich als Referendar in Oppeln meiner Militärdienstpflicht und hatte dort eigentlich zum erstenmal Gelegenheit, zu empfinden, wie ordnungzerrüttend der Antisemitismus wirkt. Auf Veranlassung des Landesgerichtspräsidenten, den ich von früher her kannte, hatte ich Oppeln zur Ableistung des Militärdienstes erwählt, und diese Bekanntschaft brachte es auch mit sich, daß ich in Oppeln, wo ich ganz unbekannt gewesen war, ausschließlich in Veamtenkreisen, also in christlichen Kreisen, verkehrte. Als ich fünf Monate nach meinem Eintritt in das Heer aus dem Manöver zurückkehrte, kam mir der Bericht zu Gesicht, den mein Hauptmann an den Regimentskommandeur über die beiden seiner Kompagnie angehörenden Einjährigen im Hinblick auf eine etwaige Beförderung erstattet hatte (der Stab des Regiments befand sich nicht in Oppeln). Nachdem über meine dienstlichen Leistungen lobende Worte gebracht waren, fuhr der Bericht — fast wörtlich — fort: