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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-06-03 · Heft 22 (3.6.1910) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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Dir Woche. Berlin, 31. Mai 1910. LA^ine Trauernachricht durchläuft die Welt und macht sie erzittern: Robert Koch ist gestorben. Das war der Großen einer, vor dem jeder sich huldigend beugte. Groß durch feine Entdeckungen in der Bazillenforschung, durch die er der Therapie neue Wege wies, groß durch die Unbeugsamkeit seines Willens, durch die er alle Schwierigkeiten überwand und auch die unausbleiblichen Mißerfolge ruhig ertrug, groß durch die Schlichtheit und Bescheidenheit seines Wesens, die auch durch die größten Ehren, mit denen er überschüttet ward, nicht verändert wurde. Dem großen Toten neigen auch wir uns in Ehrfurcht. Er war ein Christ, der jüdische Mitarbeiter hatte und anerkannte. Niemals vergaß er, daß zwei jüdische Forscher ihm die Verwertung seiner großartigen Forschungen ermöglicht hatten. Die „B. Z. am Mittag" erzählt: „Als sich am 22. April 1876 der unbekannte Kreisphysikus Robert Koch aus Wollstein an den berühmten Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn wandte und ihm Nachricht gab, daß er die von den Botanikern bei den Milzbrandstäbchen vermuteten Dauersporen gefunden und in Reinkultur gezüchtet hatte, war Ferdinand Cohn sehr kritisch. Er habe wiederholt üble Erfahrungen mit Forschern gemacht, die zu ihm kamen, um ihm reingezüchtete Krankheitspilze vorzusühren. Nach kurzer Zeit aber, nachdem Koch am 30. April im pflanzenphysiologischen Institut zu Breslau drei Tage lang die in der Abgeschiedenheit seines Amtssitzes Wollstein betriebenen Unter» suchungen von neuem ausgeführt hatte, schlug Ferdinand Cohns Mißtrauen in Helle Begeisterung um. Er sandte in aller Eile einen Boten zu dem Pathologen Cohnheim, er solle sofort herüberkommen und sich selbst überzeugen von der weltbewegenden Entdeckung, die der unbekannte Kreisphysikus Koch gemacht habe. Cohnheim kam und prüfte alles mit der kritischen Miene des mißtrauischen Naturforschers und sagte zunächst kein Wort. Als er aber wieder im Kreise seiner Assistenten war, äußerte er sich wörtlich : „Nun lassen Sie alles stehen und liegen und gehen Sie zu Koch; dieser Mann hat eine großartige Entdeckung gemacht, die in ihrer Einfachheit und Exaktheit der Methode um so mehr Bewunderung verdient, als Koch von aller wissenschaftlichen Verbindung abgeschlossen ist und dies alles aus sich heraus gemacht hat, und zwar absolut fertig. Es ist gar nichts mehr zu machen. Ich halte dies für die größte Entdeckung ^aus dem Gebiete der Mikroorganismen und glaube, daß Koch uns alle noch einmal mit weiteren Entdeckungen überraschen und beschämen wird." ■ * Ein interessantes Ereignis der Woche ist die Verabschiedung der Wahlrechtsvorlage. Man glaubte einige Zeit, daß die nationalliberale Partei Umfallen, d. h. sich entschließen würde, die Vorlage in der Fassung des Herrenhauses anzunehmen und fürchtete, daß durch ihr Zusammenstehen mit den Konservativen die schlechteste aller Vorlagen Gesetzeskraft erlangen würde. Diese Befürchtung hat sich jedoch nicht erfüllt. Die Nationalliberalen blieben fest, auch die Konservativen waren nicht geneigtihre Zustimmung^ zu der Fassung des anderen Hauses zu geben, so kam es in der Sitzung vom 27. Mai dazu, daß die Regierung nach mehrfachen kurzen Erklärungen des Ministerpräsidenten, nach einigen Reden der Führer der Parteien und gewichtigen Abstimmungen, die über die Meinung des Hohen Hauses keinen Zweifel ließen, die ganze Vorlage -zurückzog. Infolgedessen bleibt das veraltete äußerst schlechte.Wahlverfahren bestehen.. Ob die Regierung im Herbst eine neue Vorlage einreicht, .ob seitens des Hauses selbst ein Initiativantrag gestellt werden wird, steht dahin; jedenfalls ist es besser, daß die bisherige Wählart, die freilich dem Geiste der Zeit völlig widerspricht, einstweilen bestehen bleibt, als daß sie durch eine derartige Vorlage, die nur Schlechtes bot, ersetzt wird. * ' Die Greuel in Rußland, die „unblutigen Pogrome", nehmen eine immer schrecklichere Gestalt an. Der Hilfsverein der Deutschen Juden verbreitet folgendes ihm zugegangenes Telegramm: Petersburg, 20. Mai. Die Ausweisungen jüdischer Familien aus ihren bisherigen Wohnorten nehmen in Rußland einen immer größeren Umfang an. Neben der grausamen Austreibung von vielen Hunderten Familien aus Kiew, die nun wohl unabwendbar bevorsteht, kommen aus Moskau Nachrichten über Ausweisungen von unglaublicher Herzlosigkeit. Es verlautet, daß die Moskauer Behörden von höchster Stelle den Auftrag hätten, unter allen Umständen die Zahl der jüdischen Einwohner in Moskau zu vermindern. Wenn man den Familienhäuptern nichts anhaben kann, so hat man folgende unmenschliche Methode gefunden, um zum Ziele, zu kommen. Unter irgendeinem Vorwand weist man die Kinder der Familien aus, selbst Kinder im allerzartesten Alter. So wurde das zweijährige Töchterchen der Hebamme Bermann ausgewiesen, weil der Mann sich auf Geschäftsreisen befand, und man erklärtes daß das Kind nur während der Anwesenheit des Vaters das Wohnrecht für sich habe. Die Mutter hat als Hebamme selbständiges Wohnrecht. Aehnliche Fälle von Kinderausweisungen, wenn die Väter vorübergehend abwesend sind, und selbst dann, wenn die Mütter als Zahnärztinnen oder Hebammen usw. das Wohnrecht besitzen, stehen in Moskau auf der Tagesordnung, obwohl ein Seuatsbeschlub sich in solchen Fällen gegen die Vollziehung der Ausweisung ausgesprochen hat. Durch solche Maßregeln will man selbst wohnberechtigte jüdische Familien zwingen, Moskau zu verlassen. Kiew. 20. Mai, 11 Uhr 20 Minuten vormittags. Die Ausweisungen der jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit Gewalt durchgeführt, und zwar in der grausamsten Weise. Angesehene jüdische Bürger werden von Schutzmannskordons in die Mitte genommen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von zwei Tagen gewährt. Ein Teil der Ausgewiesenen wird per Schub weggebracht. Ganz unerwartet erhalten zahlreiche weitere Familien und Personen, die bisher verschont geblieben sind, von dev Polizei Ausweisungsbefehle, in denen den Betroffene^ nur eine 24stündige Frist zum Verlassen der Stadt festgesetzt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung Kiews herrscht infolge dieser brutalen Vorgänge eine verzweifelte Stimmung." Dieser ersten Schreckensnachricht läßt der Hilfsverein am 27. Mai eine zweite folgen, die so lautet: „In Torobez, Gouvernement Pleskau werden Hunderte von Juden, die über 30 und 40 Jahre dort wohnen und denen wegen langjähriger Ansässigkeit selbst von Plehwe das Wohnrecht gewährt worden war, jetzt ausgewiesen. Die Ausweisung erfolgt auf Anregung des Polizeichefs Dominski, obgleich die Vertreter aller Gesellschaftsklassen, der Adelsmarschall, der Siadtrichter, der Landrichter und die Geistlichkeit bei dem Ministerium für die Rechtschaffenheit der zur Ausweisung bestimmten Personen eintraten und die Rücknahme der Ausweisung erbeten Haben. Auch die Kinderansweisungen aus Moskau nehmen ihren Fortgang. Preßproteste gegen diese Grausamkeiten werden hart bestraft. Das Wochenblatt „Jüdische Welt" z. B. ist unterdrückt worden, weil es in einem Artikel ausführte, daß, wenn solche Gesetze wirklich existieren, doch das Vorgehen der Behörde unzulässig sei, da sich keine Regierung auf kannibalische Gesetze, die bestimmen, daß Kinder aus den Armen der Mütter gerissen werden, stützen können. Angesichts der bedrohlichen Lage der Juden in Rußland, die großes wirtschaftliches Elend und starke Auswanderung im Gefolg

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