Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
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wenn religiöse Wünsche laut werden undmüssen alles tun,.um den Wünschen zu entsprechen. Wenn gleichwohl zu erwarten steht, daß. Gemeindebehörden und ebenso Rabbiner mit etwas zögernden Schritten an die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes herantreten werden, so liegt, dies in den Verhältnissen begründet. In der Mehrheit der Fälle wird es sich um einheitliche Gemeinden handeln; dieselben umfassen die Anhänger der verschiedenen religiösen Richtungen, daher müssen, die Gemeindebehörden darauf bedacht sein, die religiösen Ueberzeugungen der verschiedenen. Parteien möglichst zu schonen. Ich könnte es mir wohl vorstellen, daß eine Gemeindevertretung selbst dann, wenn sie von der Notwendigkeit der Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes überzeugt ist, nur mit schwerem Herzen an diese Neueinrichtung herantreten wird, aus übertriebener Rücksichtnahme auf konservative Gemeindeelemente, deren Kreise durch den geplanten Gottesdienst ja überhaupt nicht gestört werden. Weitaus günstiger liegen die Dinge in denjenigen Gemeinden, in welchen die Richtungen seit Jahr und Tag geschieden sind, in welchen es zwei Gotteshäuser gibt, von denen das eine den Konservativen, das andere den Liberalen als Andachtsstätte dient. Und noch günstiger als in derartigen Gemeinden steht die Sache in Hamburg, wo die Gemeindebehörden seit Jahrzehnten die Kultusangelegenheiten aus den Händen gegeben haben, wo der Kultus in den Händen zweier privater „Verbände" liegt, des konservativen Synagogenverbandes und des liberalen Tempelverbandes. A u f obige Gemeinden, und ganz besonders auf die Hamburger Tempelgemeinde, sind darum die Augen der liberalen Juden gerichtet. Diese Gemeinden müssen den anderen mit gutem Beispiel vorangehen; sie müssen als erste einen Sonntagsgottesdienst einrichten, wenn das Bedürfnis nach einem solchen vorliegt; denn bei ihnen fällt das Moment der Rücksichtnahme auf Andersdenkende, fort. Letztere haben entweder keine Fühlung mit demjenigen Gotteshause, in welchem der neue Gottesdienst einzurichten ist, oder find, wie bei der Hamburger Tempelgemeinde, überhaupt nicht vorhanden. Bis jetzt hat man indessen aus den in Betracht kommenden Gemeinden von Schritten in dieser Richtung nichts gehört. Nur die Hamburger Tempelgemeinde hat sich geregt, und was ist geschehen? Man höre und staune! In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. März d. I. wird aus Hamburg berichtet: „Die hiesige Tempelgemeinde hat in diesem Winter eine neue Veranstaltung eingesührt, welche, wie die überaus rege Beteiligung beweist, allgemeinen Anklang findet. An einem Sonntagvormittag jeden Monats findet im Tempel eine Versammlung statt, bei der abwechselnd einer der Herren Prediger, Dr. Leimdörfer und Dr. Sonderling einen religiöswissenschaftlichen Vortrag hält. Der Betreffende erscheint nicht im Ornat, um zu kennzeichnen, daß es sich nicht etwa um einen Sonntagsgottesdienst handelt." Ist das nicht der Hamburger Tempel, wie er im Buch steht? Ist das nicht dieselbe Halbheit und Inkonsequenz, wie sie schon vor bald sechs Jahrzehnten Abraham Geiger in seiner Abhandlung: „Der Hamburger Tempelstreit, eine Z ei t frag e" (siehe: Geiger, Nachgelassene Schriften, Berlin 1875, Band I, Seite 113—196) mit unnachsichtigen Worten gegeißelt hat? Wozu wird denn im Tempel eine „Versammlung" abgehalten? Ist nach Ansicht des Tempelverbandes das Gotteshaus ein geeigneter Ort für Versammlungen, warum finden andere Versammlungen nicht ebenfalls dort statt? Ist es aber nicht der geeignete Ort, warum geschieht es am Sonntag vormittag? Und daß die religiös-wissenschaftlichen Vorträge am Sonntag vormittag eingerichtet worden seien, „um einem dringenden Bedürfnis abzuhelsen", das glaubt dem Tempelverband doch kein Mensch; denn an solchen. . Vorträgen wird in den Hamburger jüdischen Vereinen und Logen, wie überall, des Guten eher zu viel, als zu wenig' getan. Wenn also zu der bisher ungewohnten Zeit Vorträge von seilen der Herren „Prediger" abgehalten werden, und sich zu diesem Zwecke die Pforten des Tempels öffnen, so handelt es sich eben um eine gottesdienstliche.Einrichtung. Als solche wird sie von jedermann angesehen werden, von Freunden Und von Gegnern, und kein Einsichtiger wird sich in seiner richtigen Erkenntnis dadurch beirren lassen, daß der Herr „Prediger" nicht im Talar erscheint, sondern sich in einen Gehrock oder Frack oder Smoking wirst, und daß er sich statt des Baretts einen Zylinderhut aussetzt. Es ist eben wieder einmal „ein winziges Fortschrittlern, das unter großer Not und vielem Geschrei geboren wurde" und das „ebenso aus Mangel an Ernst und Tatkraft wie an klarem Bewußtsein des wahren Bedürfnisses herrührt." (Geiger a. a. O., S. 152). Es ist die Halbheit, „die immer gern einen Mittelweg einschlägt, aber dadurch nur das alte Prinzip verläßt und ein neues, im Augenblick, da sie es ergreift, wiederum fahren läßt und so prinziplos dasteht" (das., S 172.) So hat also der Hamburger Tempel in der augenblicklich im Brennpunkt des Interesses stehenden Frage der Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes wieder einmal versagt; und der Vorwurf, der ihm von Geiger vor länger als einem halben Jahrhundert gemacht wurde, er habe es nicht verstanden, sich zum Träger des richtig erkannten religiösen Fortschritts im neueren Judentum zu machen, trifft ihn auch heute noch. Die liberale Vereinigung hat keinen allzu leichten Stande Nicht nur die Orthodoxen treten gegen sie auf, sondern auch die neue Partei der Mitte. Dazu kommt, daß, wie oben ausgeführt, von den meisten Orten die Gemeindebehörden, auch wenn sie der liberalen Richtung huldigen, notgedrungen einige Zurückhaltung üben müssen mit Rücksicht auf andersdenkende Elemente der Gemeinde. Diese Rücksicht fällt indessen überall dort weg, wo sich ein geschlossener liberaler Kreis, abgesondert von den Konservativen, befindet, wie in Breslau, Posen, Köln, Frankfurt usw. und insbesondere in Hamburg. Von diesen Gemeinden dürfen wir erwarten, ja müssen wir verlangen, daß sie der liberalen Vereinigung den Rücken stärken, daß sie in der ganzen Bewegung tonangebend werden, daß sie schneller vorwärts schreiten, wo andere Gemeinden sich mit einem langsameren Tempo begnügen müssen. Nicht zum wenigsten stellen wir diese Forderung an den Hamburger Tempelverband. Möge er sich der Pflichten bewußt werden, die gerade ihm, kraft seiner geschichtlichen Stellung undder besonders günstig liegenden äußeren Umstände, der neuen liberalen Bewegung gegenüber obliegen. „Dann wird er", u m mit einem Worte Geigers zu schließen, „seinen Gliedern wahre religiöse Stärkung verleihen, einen festen religiösen Standpunkt bieten, dann wird er auch der jüdischen Gesamtheit wahrhaft heilsam sich erweisen" (a. a. O., S. 194).