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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Presse auch über die Grenzen Württembergs hinausgedrungen ist. Die Rabbiner des Landes sahen sich zur Stellungnahme besonders darum veranlaßt, weil es sich um die Gefährdung einer Einrichtung handelte, die durch Erlaß des Ministers des Innern (vom 29. Juli 1903) betreffend das israelitische Schächtwesen, geordnet ist und die Stellung des Schächtens und des Schächters gesetzlich regelt. Darum ging der beinahe einstimmige Beschluß der Versammlung dahin, daß man nicht nur „die -Schritte billigen müsse, welche das Stadtrabbinat Stuttgart in Wahrung der dem Rabbinate diesbezüglich obliegenden Pflichten und zustehenden Rechte unternahm", sondern auch besonders die „Erwartung aussprcche, daß die Königlich Israelitische Oberkirchenbehörde die auf Grund obgenannter Verfügung erlassenen Schächtbestimmungen in ihrem ganzen Umfange unverändert aufrecht erhalte." (Res. Tänzer-Göppingen.) Als zweiter und dritter Punkt kamen Referate über Schulfragen, vor allem über die „Erfahrungen über die seit 1907 geschaffene Neuordnung d.es israelitischen Religionsunterrichts an höheren Lehranstalten (Verfügung der Königlichen Ministerialabteilung für die höheren Schulen vom 4. Juli. 1907). Nachdem der Referent schon aus der vorigen Versammlung (1909) .ausführlich darüber referiert hatte, einigte man sich dahin, bei der Königlich Israelitischen Oberkirchenbehörde diejenigen Anordnungen in Vorschlag zu bringen, welche, auf Grund der gemachten Erfahrungen, als Ausführungsbestimmungen zur gesetzlichen Klarstellung der durch die Neuordnung geschaffenen Verhältnisse bezüglich Lehrplan und Lehrkräfte, Prüfungen, Schulberichte usw. sich als notwendig ergeben haben; dabei sollte es auch, im Interesse der Wirksamkeit dieses Unterrichts, als Mangel bezeichnet werden, daß diese schon längst ersehnte und freudig begrüßte Neuordnung nicht so weit ging, diesen Unterricht auch für . die Oberabteilung .der höheren Lehranstalten, sowie den Unterricht im Hebräischen überhaupt zum obligatorischen Lehrfach zu .bestimmen. (Res.: Straßburger-Ulm; Korref.: Treitel-Laupeim.) Ganz neu waren die Verhältnisse, welche durch die Neuordnung des Volksschulwesens in Württemberg geschaffen wurden und mit diesem Schuljahr in Kraft treten. Diese bringen bezüglich der Beaufsichtigung des israelitischen Religionsunterrichts für die Stellung des Rabbiners einschneidende, in der Regel seiner bisherigen Rechte, ebenso wie die der christlichen Geistlichen, beschränkende Bestimmungen. Da aber die Zeit seit der Einführung dieser Neuordnung noch zu kurz ist, um die daraus sich ergebenden Wirkungen ganz zu übersehen und auch wohl noch weitere Aussührungsbestimmungen darüber zu erwarten find, wurde von der Aufstellung von Thesen Abstand genommen. (Res.: Kroner-Oberdorf.) Im Verlaufe der Versammlung wurden noch manche beachtenswerte Anregungen gegeben, besonders bezüglich der eventuellen Beteiligung an einer für 1911 geplanten Ausstellung kirchlicher Kunst. Die Neuwahl des Vorstandes ergab Wiederwahl des Herrn Kirchenrat Kroner (Vorsitzender), Stößel-Stuttgart (Kassierer), Kahn-Heilbronn (Schriftführer). England. ■- z. London, 20. Mai. Durch den so unerwarteten Tod des Königs Eduard hat nicht nur das englische Volk seinen offiziellen Vertreter und Leiter verloren, sondern jedem englischen Untertan ist mit ihm gewissermaßen ein guter Vater und Freund zu Grabe getragen worden. Und weit über die Grenzen unseres Landes hinaus wird die Trauerkunde schmerzlich empfunden. Denn wir sollen nicht von dem Verblichenen nur sagen: er war unser, sondern wir dürfen mit Stolz hervorheben, daß er einWeltfürst war. Alles Begrenzte, Engherzige war ihm fremd. Darum wird er auch speziell von seinen jüdischen Untertanen mnd von denen, die in seinem gastlichen Lande eine Zuflucht gefunden habeninnig betrauert. Von einem erst drei Wochen hier weilenden armen polnischen Inden des Londoner Ghettos wird erzählt, daß er bei der Todesnachricht klagend ausrief: Wehe, wehe! Unser guter „Melech“ ist tot. Er war ebenjebem ein „unser" und dennoch jederZoll an ihm ein König, ein vollendeter Mensch, dem nichtsiMenschliches fremd war. Darum müssen wir Juden den Heimgang dieses vorurteilslosen Herrschers, der auch für uns ein warmes Interesse an den Tag legte, tief betrauern. Schon bald nach seinem Regierungsantritte bekundete er seine Sympathie für uns Juden durch folgende Worte, die er an einen hohen Staatsbeamten in bezug auf die Judenfrage richtete: „Tun Sie alles, um die Lage dieses armen, großen Volkes zu heben." Bekannt sind seine persönlichen freundschaftlichen Beziehungen zu den Rothschilds, Sassoons und vielen anderen unserer Glaubensgenossen. Daß er diesen Verkehr aber nicht etwa aus diplomatischen Gründen, als Vertreter einer Welthandelsmacht unterhielt, dürfte folgender Umstand beweisen. Einst wurde er nochmals Prinz von Wales von einem stolzen ungarischen Magnaten auf dessen Schloß geladen; er lehnte diese Einladung ab, weil seinem Freunde Maurice v. Hirsch die Teilnahme an dieser Gesellschaft nicht gestattet worden war. Während seiner Regierung bekleideten hohe Staatsämter die Herren Samuel Speier, Marcus Samuel, Georg Philipps und' Artur Cohen. Und im letzten Jahre seiner Regierung wurde ein Jude, Herbert Samuels, Kabinettsmitglied. Diese edle Gesinnung des verschiedenen Monarchen fand einen warmen Widerhall in den Herzen seiner jüdischen Untertanen, und nicht Sensationslust veranlaßte unzählige Glaubensgenossen, an den Trauerversammlungen in' London und allen anderen englischen Orten teilzunehmen. ' Innige Abschiedsworte wurden dem Verblichenen während des Trauergottesdienstes von Herrn Oberrabbiner Dr. Adler nachgerufen, der infolge dieses Traueraktes in der Synagoge verhindert war, der Beisetzungsfeier in der St. Georgs-Kapelle beizuwohnen. In der großen Versammlungshalle des Londoner Ghettos hatten sich 4000 Menschen am Dienstag zur Trauerseier, die Herr Rabbiner Dr. Schewzik leitete, ein gefunden. Dr. Schewzik verglich diesen denkwürdigen Tag mit bem Jom Kippur, und nach Verlesung des Gedächtnisgebetes für den Verblichenen und der Gebete für seinen Nachfolger, den König Georg, wurden Jigdal und Adon Olam; mit Jom Kippur-Melodien gesungen; die Nationalhymne beschloß die würdige Feier. Und allenthalben, weit über das englische Gebiet hinaus wurde des verblichenen Fürsten gedacht, der uns ein Beispiel für die Möglichkeit der friedlichen Einigung der heterogensten Völker, Rassen und Sekten war, und den alle Herzen mit stiller Wehmut betrauern. Friede dem großen Friedensfürsten! Luszland. — Petersburg, 20. Mai. Es geschehen doch noch Wunder — in Rußland. Man bedenke: ein Passahfest ohne einen einzigen Pogrom! Scheinbar steht wieder eine russische Auswärtsanleihe vor der Tür. Denn es wäre sonst unbegreiflich, was die Zenträlregierung des Zarenreichs dazu veranlaßt hat, in einem Zirkular den Provinzbehörden anzuempfehlen, an diesem Passah keine Judenpogrome zuzulassen. Denn daß die Administration die eigentliche Initiatorin zu den Judenschlächtereien zu sein pflegt — ist doch längst kein Geheimnis mehr. Und die Machthaber an der Newa wissen es ja am allerbesten. Das zeigt auch die Wirkung des erwähnten Zirkulars. Die russischen Volksmassen sind jetzt mehr denn je gegen die Juden aufgehetzt. Die Brandreden der Markow und Genossen, finden ein millionenfaches Echo an allen Punkten und Ecken des unermeßlichen Reiches, in den dumpfen Bauernhütten sowohl, wie in den schmutzigen Häuserst der Provinzstädtler. Die Devise ist ja auch so einfach und einleuchtend für die schlichte russische Volksseele: „Juden darf man schlagen!" — Und doch ging es diesmal ohne erhebliche Ausschreitungen gegen Juden ab — weil eben die „Hüter der Ordnung" auf höheres Geheiß solche nicht organisiert und ins Werk gesetzt haben. Ganz ohne Schrecken verlief natürlich auch das diesjährige Passahfest für die russischen Juden nicht. An verschiedenen Orten gab eS die unvermeidlichen Blutbeschuldigungen, welche die hartgeprüfte jüdische Bevölkerung in Todesangst versetzt haben. Daran, wie an allen anderen Judengräueln im Zarenreiche hat auch die „konstitutionelle Aera" nichts geändert. Das Blutmärchen wird sogar von der Dumatribüne herab verkündet — von jener Stätte, von der Freiheit und Aufklärung ausströmen sollten. Doch die Markows haben eine eigene Auffassung von diesen Dingen. Sie proklamieren die „Freiheit" — für die Judenpogrome, und ihre „Aufklärung" erstreckt sich — auf den Schulchan Aruch. Diese neueste Methode der echten Russen ist eigentlich ein westlicher Import. Die 'IS ■UH

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