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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
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'*•“”• n' 21 Der Gemetndebote. °"^"|,|# Beilage zur ^Allgemeinen Leitung deK Judentums". Lorrelpondtn?m und Kschrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 22. Mai. Der heutigen Repräsentanten-Versammlung ging eine kurze, würdige Feier der Aufstellung der Büste Abraham Geigers im Saale, der Repräsentanten voraus. Namens des Gemeindevorstandes vollzog die Uebergabe und Weihe der Büste Herr Sanitätsrat Dr. Julius Stern mit folgender Ansprache: „Nur eine kurze Spanne Zeit trennt uns noch von dem Tage, an welchem vor 100 Jahren Abraham Geiger der Menschheit, dem Iudentume, der Wissenschaft geschenkt wurde. Der Gemeindevorstand hat geglaubt, diesen Tag nicht vorübergehen lassen zu sollen, ohne den Manen dieses großen Toten in Israel seine Huldigung darzubringen, seinen Tribut treuer Dankbarkeit und aufrichtiger Verehrung zu zollen. Der Gemeindevorstand hat außer der heutigen intimen Vorfeier eine würdige Centenarfeier in größerem Rahmen an dem Gedenktage in der Neuen Synagoge zu veranstalten beschlossen. Bei dieser Gelegenheit werden Sie aus beredtem und berufenem Munde von der Kanzel, von der Abraham Geiger als begeisterter Verkünder des Gotteswortes seine andächtige Gemeinde zur Begeisterung hinriß.^eine erschöpfende Schilderung seines Lebensbildes, seiner Verdienste um unsere Gemeinde, seines mannhaften und erfolgreichen Eintretens für die Interessen des Judentums, seines unentwegten Kampfes gegen den Abfall vom Glauben, seiner uneingeschränkt anerkannten hohen Verdienste um die Wissenschaft des Judentums hören, so daß ich es mir in diesem Augenblick versagen kann, auf Einzelheiten einzugehen. Wenngleich Abraham Geiger nur einen kleinen Bruchteil seiner 40jährigen öffentlichen Tätigkeit der Berliner Gemeinde widmete, so liegt doch gerade in der hiesigen Tätigkeit nicht nur der Abschluß, sondern seinem eigenen Empfinden nach das letzte, schönste und höchste Ziel seines Lebens. Er kennzeichnet gerade diese Periode als den Höhe- und Gipfelpunkt seiner praktischen Wirksamkeit und Betätigung. Dem Andenken dieses großen Historikers, dieses allgemein anerkannten Sprachforschers, dieses hervortagend geistigen Führers und Gelehrten, der diejüdifcheTheotogie und Wissenschaft in ein System brachte, der aus seiner wissenschaftlichen Auffassung heraus in dem eifrigen Bestreben nicht ermüdete, der jüdischen Wissenschaft auch äußerlich im Rahmen der allgemeinen Wissenschaft den ihr gebührenden Platz, .wenn leider auch erfolglos, zu erkämpfen, der als Leuchte und Zierde der Wissenschaft den Lehrstuhl an der hiesigen Hochschule ausfüllte, dem Andenken dieses Großen wollte der Gemeindevorstand ein dauerndes Denkmal inmitten der Gemeinde stiften, in der er eine stattliche Anzahl ihm treu ergebener Anhänger um sich scharte. Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, hat der Gemeindevorstand beschlossen, die Büste Abraham Geigers in diesem Saale, in dem nicht nur die unsere Gemeinde bewegenden Fragen beraten und verhandelt, sondern die Interessen des gesamten Judentums gewürdigt und kraftvoll wahrgeyommen werden, aufstellen zu lassen. Ich benutze gern die Gelegenheit,.auch dem anwesenden Schöpferder Büste aufrichtigen Dank abzustatten für das schöne Kunstwerk, das er geschaffen, das nach sachverständigem Urteil sich in gleicher Weise durch äußere Formvollendung und Porträtähnlichkeit wie durch vornehme, künstlerische Auffassung auszeichnet. Es gereicht mir zur besonderen Ehre und Freude, Ihnen, sehr geehrter Herr Vorsitzender, im Beisein der Söhne des Gefeierten im Namen des Gemeindevorstandes die Büste Abraham Geigers zu übergeben mit der Bitte, sie unter Ihren Schutz und in Ihre Obhut zu nehmen, und mit dem Ausdruck des aufrichtigen Wunsches, daß es unserer Gemeinschaft niemals an Männern fehlen möge, die durch ihr verdienstvolles, Wirken sich der gleichen Ehrung würdig zeigen, die wir heute Abraham'Geiger erweisen." Der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Herr Louis Sachs, erwiderte folgendes: „Mit aufrichtiger Freude und großer Genugtuung erfüllt cs uns, daß nunmehr das Bildnis Abraham Geigers in diesem Saale Ausstellung ge¬ 'so* . funden hat. Dem Gemeindevorstand spreche ich gern unseren Dank dafür aus, daß er unserem Anträge vom 13. September 1908, zu der Säkularfeier dieses großen Lehrers, Forschers und Reformators dessen Büste anfertigen 'zu lassen, seine Zustimmung erteilt hat. Auch ich sprechenamens des Repräsentantenkollegiums dem Sch öpfer des Bildnisses unseren herzlichsten Dank aus, der. es verstanden hat. aus. totem Ton ein so lebenswahres Bildnis der Persönlichkeit zu schaffen, die er in seinem Leben niemals kannte. Abraham Geiger wird neben Michael Sachs, dessen hundertjährigen Geburtstag unsere Gemeinde am 7. September 1908 feierlich begangen hat, seinen Platz in diesem Saale finden. Waren auch beider Wege in vielen Fragen verschiedene, beide waren sie Große in Israel und gereichten der deutschen Judenheit und insbesondere der Berliner jüdischen Gemeinde zur Ehre und Zierde. Nicht kann es meine Aufgabe sein, und ich bin dazu auch nicht in der Lage, die Verdienste eines Abraham Geiger, seine große Bedeutung für die Wissenschaft als Lehrer und Prediger, als Theologe und Historiker hervorzuheben, das wird noch heute und in späteren Tagen Berufeneren Vorbehalten bleiben. Aber das dürfen wir sagen, daß es uns mit ^gerechtem Stolz erfüllt, aussprechen zu können: Abraham Geiger war unser! Und dieses Bildnis soll auch zukünftige Geschlechter mit dem stolzen Bewußtsein erfüllen, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, welche die göttliche Kraft besitzt, Männer hervorzubringen. wie Abraham Geiger einer der Besten gewesen ist." Alsdann stattete in sichtlicher Rührung Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger für die seinem Vater dargebrachte Ehrung den Dank in folgenden Worten ab: „Hochgeehrte Herren! Gestatten Sie mir, nicht als Repräsentant, sondern als Sohn des Mannes, den Sie so geehrt haben, Ihnen, dem Vorstand und den Repräsentanten, die beschlossen haben, diese Büste aufzustellen und zu weihen, den Herren Rednern, die eben in so warmer und rührender Weise die Verdienste und das Andenken meines Vaters gefeiert haben, und dem Künstler meinen herzlichsten Dank zu sagen. Sie haben durch die Aufstellung dieser Büste ein lebendiges und unzerreißbares Band zwischen Vergangenheit und Zukunft geknüpft. Nicht dem Manne der Gelehrsamkeit allein und keineswegs ausschließlich dem Reformer, sondern dem Rabbiner, dem „unvergeßlichen Lehrer und Führer", wie die von der Jüdischen Gemeinde gestiftete Grabschrift lautet, haben Sie diese Büste errichtet. Nehmen Sie dafür meinen innigsten Dank und gestatten Sie nur einen Wunsch hinzuzufügen, den Wunsch nämlich, daß der Geist, von dem Abraham Geiger erfüllt war, auch der Geist dieser Gemeinde und des Judentums für alle Zeiten bleibe. Soll ich sein Wesen mit einigen Worten zeichnen, so kann ich nur sagen: er wirkte durch Wort, Geist und Glauben, durch die hinreißende Art, mit der er seine Zuhörer zu erregen und zu fesseln wußte, durch den Geist, den er in dem Judentums erkannte und darzustellen suchte, und durch den innigen Glauben, von dem er erfüllt war. Es war ein Glaube, nicht nur an die göttliche Vorsehung, sondern vor allein der Glanbe an die Mission des Judentums, die Mission, die begründet ist in seiner ewigen Wahrheit. Sie haben in Ihren Reden, meine Herren, gezeigt, daß auch Sie einen Hauch des Geistes gespürt haben, der in Geiger waltete. Möge es dieser Gemeinde beschieden sein, den Geist des Verstorbenen immer in sich zu erblicken, den Geist des Verstorbenen-und doch noch Lebendigen. Als ein großer deutscher Schriftsteller vor wenigen Jahren starb, da rief ihm ein Freund ins Grab nach: „Lebe wohl, Toter, sei gegrüßt, Lebendiger!" Wir wollen in dieser Stunde und in der Erinnerung an den, dem die Büste gilt, nicht nur des Toten gedenken, sondern wünschen, daß er ein Lebendiger bleibe. Ich danke Ihnen aufrichtig, meine Herren, aus tiefbewegtem Herzen, daß Sie diesem Lebenden, dessen Andenken in diesem Saale lange, lange fortdauern möge,, ein so schönes Gedächtnis erwiesen haben!" Nach diesem feierlichen und erhebenden Ak^e, welchem die Gemeinde- Vertreter stehend gefolgt waren, trat die Versammlung. in die

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